Parasportler Maier: "Der Sprint ist etwas Besonderes"

Marco Maier

Langläufer und Biathlet

Parasportler Maier: "Der Sprint ist etwas Besonderes"

Marco Maier vom Nordic Paraski Team Deutschland nimmt sich einiges vor. Ein knappes Jahr vor den Paralympics in Peking spricht der 21-Jährige über sein Vorbild und seine Lieblingsdisziplin.

Sportschau: Wie geht es Ihrem Rücken? Mit Physiotherapeutin Alexandra Schade arbeiten Sie seit geraumer Zeit daran.

Marco Maier: Ja, genau. Ich hatte einen Bandscheibenvorfall im unteren Rücken, wohl im Januar 2019, der nun verheilt. Im Sommertraining hatte ich so gut wie keine Probleme. Letzte Saison musste ich aber leider abbrechen. Ich habe manchmal Ausfälle in den Beinen, da sind sie eingeschlafen oder waren taub. Ich konnte nicht mehr Autofahren, weil das zu gefährlich war. Nach einer sechswöchigen Reha wurde es besser. Auf Schnee gibt es viel Widerstand, dann ist die Belastung einseitiger. Deshalb muss ich nun von Tag zu Tag gucken, wie der Rücken hält. Ich hoffe, dass wir das im Sommer in den Griff kriegen.

Sportschau: An Ihrer linken Hand fehlen Ihnen von Geburt an drei vordere Fingerglieder. Inwiefern beeinträchtigt Sie das Skifahren mit nur einem Skistock?

Maier: Das Hauptproblem liegt darin, dass der Rumpf und Rücken sehr stabil sein müssen, damit ich keine Rotation durch diese einseitige Belastung bekomme. Der Kraftaufwand in der Bauch- und Rumpfmuskulatur ist sehr hoch. Meine Beine arbeiten auch viel, weil aus dem Oberkörper nicht so viel kommt. Daran arbeite ich im Sommer viel. Sonst macht sich das eigentlich nicht bemerkbar.

Sportschau: Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hatte Ihnen 2016 die Starterlaubnis für ein Jahr entzogen. Wie groß ist die Sorge, dass Sie diese wieder verlieren könnten?

Maier: Gott sei dank nicht so groß. Sie können sie mir nicht einfach so entziehen wie damals. Damals wurde ich neu klassifiziert. Das ginge nun wohl nur, wenn ich abseits der Wettkampfstrecke mit zwei Skistöcken unterwegs wäre. Da ich links den Stock nicht greifen kann, ist meine Sorge relativ gering.

Sportschau: Die längsten Distanzen haben Sie in diesem Winter ausgelassen. Was schätzen Sie besonders am Langlauf-Sprint? Da haben Sie es ja in Planica und Vuokatti ins Finale geschafft.

Maier: Der Sprint ist etwas Besonderes. Ich mag diesen Massenstart, wenn alle zeitgleich rausgehen, wenn ich jemanden direkt vor mir habe, wenn es einen Zweikampf oder Dreikampf auf der Strecke gibt. Da kann man noch einmal Kräfte mobilisieren, die man, wenn man nur die Zeiten angesagt bekommt, so nicht mobilisiert. Da sieht man, wo man hin muss. Außerdem liegt mir der Sprint, weil ich noch relativ jung bin. Ich trainiere kurze Strecken auch relativ viel. Für die längeren Distanzen fehlen mir noch das Trainingsalter und die Ausdauer für bessere Platzierung. Beim Sprint habe ich die besten Chancen auf eine Medaillen.

Sportschau: Es bleibt nicht mehr viel Zeit, eventuelle Defizite noch vor den Paralympics 2022 anzugehen. Woran müssen Sie noch arbeiten?

Maier: Es gibt immer etwas zum Ausmerzen. Mein Hauptproblem ist die Ausdauer. Mir geht meistens auf der letzten Runde die Puste aus. Letztens war ich einfach platt. Ich will die dritte Runde auch noch gut durchkommen. Dazu muss ich auch technisch besser werden, um etwas Kraft einzusparen. Und auch bei der Schießleistung gibt es noch etwas zu tun - vielleicht auch, dass man schneller schießt. Ich habe diesen Winter das Schießen umgestellt. Ich laufe nun zügig bis zur Matte. Dann liege ich drei, vier Sekunden länger. So verliere ich weniger Zeit. Das ist mir bis jetzt ganz gut gelungen. Dort will ich dann mit einem sauberen Rhythmus durchziehen.

Sportschau: Momentan sind Sie bei den stehenden Weltcup-Teilnehmern meistens der beste Starter des deutschen Teams - vor dem erfahreren Alexander Ehler und dem 31-jährigen Maximilian Weidner.

Marco Maier

Maier: Damit hätte ich tatsächlich diese Saison nicht gerechnet. Das ist sehr überraschend, vor allem weil ich durch den Rücken Ende Dezember und im Januar so gut wie gar nicht trainiert habe. Dann bin ich erst langsam wieder eingestiegen. Erstaunlich, dass es schon so gut läuft. An der Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die mich so weit gebracht haben. Es steckt ein Team hinter dem Erfolg. Man braucht viel Unterstützung. Das sollte man nicht vergessen.

Sportschau: In Ihrer Konkurrenz gibt es mehrere starke Russen und den Franzosen Benjamin Daviet, der dreimaliger Goldmedaillengewinner von Pyeongchang ist. Was können Sie sich von diesen starken Athleten abschauen bzw. was bewundern Sie?

Maier: Das russische Trio da vorn setzt mir ganz schön zu. Wladislaw Lekomtsew, der momentan alles gewinnt, läuft in einer eigenen Klasse. Das ist erstaunlich. Er dominiert den Wettkampf so sehr, das ist einfach phänomenal. Ich will so trainieren, dass ich da hinkomme. So etwas setzt man sich als Ziel. Ich möchte den Abstand nach vorn bestmöglich verringern und dem Trio das Leben schwermachen, und zwar richtig schwer, damit sie es nicht so leicht haben! Auch technisch kann man sich viel abgucken. Mit dem einen Stock schafft es Lekomtsew, so kraftsparend und schnell wie möglich, die Strecken zu absolvieren. Er läuft die Berge hoch wie manche mit zwei Armen. Wenn man da hinkommt, kann man vorn mitmischen. Das geht nicht von heute auf morgen. Das dauert noch ein paar Jahre, seine Leistung zu erbringen.

Sportschau: Können Sie da nach einem Tipp fragen?

Maier: Wir haben Gott sei Dank Alexander Ehler im Team, der Russisch spricht. Lekomtsew selbst spricht kaum Englisch. Aber natürlich gibt er nicht alles preis. Ob die Zahl seiner Trainingsstunden stimmt, die er uns sagt, weiß man nicht.

Sportschau: Was ist Ihr großer sportlicher Traum?

Marco Maier mit Bundesstützpunkttrainer Uli Zipfel

Maier: Mal die Paralympics zu gewinnen. Es wäre der Traum, dort einmal ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Etwas Größeres kann man nicht gewinnen.

Sportschau: Die Spiele in Peking werden Ihre ersten Paralympics sein. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Maier: Ich glaube, dass es im ersten Moment alles sehr überwältigend sein wird. Ich glaube, man realisiert erst in dem Moment, was das für eine Riesenehre ist, wenn man da steht, um Wettkämpfe zu bestreiten. Die Atmosphäre ringsum, da bin ich gespannt drauf. Ich hoffe, dass ich das erleben darf. Noch muss ich viel dafür trainieren.

Sportschau: Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihre Familie vor Ort wäre?

Maier: Es wäre schön, wenn sie dabei wäre. Ich hoffe, dass internationale Zuschauer zugelassen werden, aber ich glaube, dass meine Familie nicht mitkommen kann. Das wäre auch ein hoher finanzieller Aufwand. Ich sehe das realistisch. Von zu Hause aus werden sie mich toll unterstützen. Das bedeutet mir genauso viel.

Das Gespräch führte Maria Köhler-Thiel

Stand: 27.03.2021, 10:59

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