Para Nordisch-Bundestrainer Rombach: "Bestleistungen abrufen"

Ralf Rombach, Bundestrainer Paraski-Team Deutschland

Interview vor WM in Östersund

Para Nordisch-Bundestrainer Rombach: "Bestleistungen abrufen"

Von Maria Köhler-Thiel

Erstmals steht für die Parasportler in Östersund eine reine Biathlon-Weltmeisterschaft (10.-15. März) an. Bundestrainer Ralf Rombach des Nordic Paraski Teams Deutschland spricht im Interview über das finale Trainingslager vor dem Saisonhöhepunkt, die Medaillenchancen seiner Athleten und die starke Konkurrenz aus Russland.

Ralf Rombach, Sie werden einen Tag nach der Eröffnungsfeier 52 Jahre alt. Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?
"Ehrlich? Was wünsche ich mir? Ich bin nicht so der Geburtstagstyp. ich wünsche mir, dass wir uns sportlich gut präsentieren und dass alle gesund sind. Da haben wir ein bisschen zu tun."

Die schwedischen Organisatoren sollen die Strecken im Vergleich zum Weltcup 2019 verändert haben. Wann erfahren Sie, wo es genau langgeht?
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Erst am ersten Trainingstag. Das ist am 9. März. Dann wissen wir das dann. Wenn nicht irgendetwas Waghalsiges drin ist, können wir uns einüben. Bei größeren Veranstaltungen gibt es Testwettkämpfe, um herauszubekommen, ob etwas nicht so gut funktioniert. Manchmal musste schon ad hoc etwas angepasst werden, das war auch nicht das Gelbe vom Ei. Meistens sind es Abfahrten mit Kurven, die für die Schlittenfahrer nicht fahrbar sind."

Es ist eine reine Biathlon-WM. Finden Sie es von Vorteil oder Nachteil, dass der Langlauf keine Rolle spielt?
"Hm (überlegt), sowohl als auch. Der Vorteil ist, man kann sich voll auf den Biathlon konzentrieren. Aber es geht gleich zur Sache. Wir hatten oft Langlauf-Wettbewerbe vorgeschaltet, wo wir gut reinkommen konnten. So war unsere Wettkampfvorbereitung darauf ausgelegt. Jetzt müssen wir vorher alles gut hinbekommen, dass alles gut klappt. Eine reine Biathlon-WM ist ein Novum. Wir werden sehen, wie es ankommt."

Vor einem Jahr waren es neun Starter plus drei Begleitläufer bei der WM in Prince George. Nun sind es ebenfalls neun Starter plus fünf Guides. Anders als vor einem Jahr sind Steffen Lehmker und Marco Maier nicht dabei. Warum nicht?
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Wir hätten sie mitnehmen können. Marco hat aber eine hartnäckige Rücken-Geschichte. Deshalb mussten wir entscheiden, dass er die Saison beendet und in die Reha geht. Steffen nimmt eine Auszeit. Er ist im Referendariat und konzentriert sich darauf, dass er einen guten Abschluss macht und ein guter Lehrer wird."

Johanna Recktenwald feierte vor einem Jahr ihr WM-Debüt. Nun wird die 16-jährige Leonie Walter sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen.
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Ja, richtig. Ich bin ein Freund davon, die Sportlerinnen und Sportler frühzeitig einzubinden. Das ist eine wichtige Sache. Ich gehe nicht davon aus, dass sie sich auf den Lorbeeren ausruht und sagt: 'Jetzt habe ich meinen Karriere-Höhepunkt erreicht.' Sie wird platzierungsmäßig keine große Rolle spielen, aber sie wird sehen, wie das läuft."

Zusammen geht es Ende Februar und Anfang März in ein Trainingslager in Ridnaun, wo Sie zum Beispiel schon vor den Paralypics 2018 waren. Was erhoffen Sie sich von den zehn Tagen dort?
"Da geht es um den letzten Schliff. Wir hatten ein bisschen mit unseren Schießleistungen zu tun. Das war nicht auf dem Nieveau, das wir gewohnt sind. Wir wollen uns da Sicherheit holen. Wir wollen die Komplexleistung aus Laufen und Schießen festigen, um Selbstvertrauen zu tanken. Bisher war der Schnee in Ridnaun immer gut. Es ist ein sehr guter Ort, speziell für die Schlittenfahrer, wo wir keine Transfers benötigen. Da ist der Aufwand geringer."

Von den 15 Medaillen in Prince George wurden neun im Para Biathlon geholt (3x Gold durch Clara Klug, 2 x Silber durch Martin Fleig und 4 x Bronze durch Andrea Eskau sowie Johanna Recktenwald) Inwiefern haben Sie eine Art Medaillenvorgabe formuliert?
"Ich bin kein Freund von Vorgaben. Wir können nur schauen, dass wir unsere Bestleistungen abrufen. Von unseren Athleten wäre Martin jemand, der in der Lage ist, eine Medaille zu schaffen. Er lag zehn Tage flach und hat am Montag (17.02.2020, Anm. d. Red.) mit dem Training angefangen. Andrea Eskau ist eine Wundertüte. Sie versucht beim Biathlon mitzumischen. Anja Wicker hat Außenseiterchancen, ebenso wie Clara. Sie haben es nicht in der eigenen Hand. Eine Medaille wäre eine mittelgroße Sensation. Wenn jeder seine Bestleistung erreicht, bin ich auch mit einem siebten oder achten Platz zufrieden."

Das russische Team, das vor einem Jahr noch gesperrt war, ist wieder zugelassen.  Wo sehen Sie den nordischen Para-Sport in Deutschland im Vergleich zu Russland? Clara Klug wurde jüngst vom "ZEITmagazin" zitiert: "Sie flogen quasi an uns vorbei!"
"Ha, da sind wir tatsächlich ein kleines Licht. Russland ist die größte Langlauf-Nation der Welt, noch größer als Norwegen. Der Langlauf ist dort sehr populär. Das Bestreben, Langlauf zu machen, ist von Haus aus sehr groß. Die Förderung und die Prämien sind vergleichbar mit den regulären Langläufern dort. Die Alimentierung durch erfolgreichen Sport ist immens. Da werden Monatslöhne gezahlt, die einer mittleren vierstelligen Summe gleichkommen, wenn man die Kaufkraft umrechnet. Die Athleten können durch den Sport finanzielle Unabhängigkeit erreichen. Die Russen reisen mit einem viel größeren Team an. Allein bei den Sehbehinderten gibt es drei verschiedene Trainer. Da sieht man, wieviel Interesse da ist, in dem Sport voranzukommen. Aber wir haben auch nicht diesen Talentpool. Wir versuchen trotzdem, mit unseren Möglichkeiten dagegenzuhalten. Wir ermöglichen duale Karrieren, was ich begrüße."

Vielleicht werden einige Kinder vom Talentetag den Wintersport für sich entdecken.
"Das ist eine schöne Sache, auch wenn der Winter mies war. Ski-Schlitten zu fahren und Alpentäler zu entdecken, sind Erlebnisse, aus denen die Sportler viel Kraft ziehen."

Paraski-Talentetag - sportliches Miteinander für alle Sportschau 15.02.2020 02:19 Min. Verfügbar bis 15.02.2021 Das Erste

Lassen Sie uns schon etwas vorausschauen. Skirennläuferin Viktoria Rebensburg sagte in der BR-Sendung "Blickpunkt Sport", dass sie sich wegen des geringen Wintersport-Interesses der Chinesen nicht für die Olympischen Spiele 2022 in Peking motivieren könne. Was denken Sie darüber?
"Ja klar, ich kann das teilen. Es macht generell viel mehr Spaß, den Sport in einem Land zu zeigen, in dem Tradition dahintersteckt. Es geht nichtsdestotrotz um paralympische Medaillen. Man läuft ja nicht nur für die Zuschauer. Man versucht, sich vier Jahre auf diesen Höhepunkt vorzubereiten, um sich zu messen und zu sehen, was dabei herauskommt. Über die Medien wird ja trotzdem berichtet, auch wenn nicht so viele zuschauen. Das Flair ist aber auch nicht so unwichtig. Möglicherweise ist es nicht so wie in Lillehammer." 

Justus Wolf, der die alpinen Para-Sportler trainiert, sagte im Sportschau-Interview, dass sicher ein paar Zuschauer in den Zielbereich geschickt würden.
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Mal sehen. Wir können dort Begeisterung für den Para-Sport schaffen. Aber das ist ein Ort, wo normalerweise kein Schnee fällt. Da muss man mit Schnee von Menschenhand arbeiten. Ich würde das nicht so entscheiden, wenn ich etwas zu sagen hätte."

Ralf Rombach an der Strecke mit Alexander Ehler

Ralf Rombach (li.) an der Strecke mit Alexander Ehler

Sie können sich ja als Präsident bewerben.
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Das ist keine gute Idee. Dann fahren wir jedes Mal nach Norwegen (lacht)."

Sie waren kein Biathlet, sondern Skilangläufer. Wann haben Sie zuletzt auf Scheiben geschossen?
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Ich selbst? Wir haben ja einen eigenen Schießtrainer, Rolf Nuber. Aber ich habe erst vor kurzem wieder mit einem Sehbehinderten-Gewehr geschossen. Das war vor zwei Wochen."

Vielen Dank für das Gespräch!

Zeitplan Para Biathlon-WM in Östersund
10. MärzEröffnungsfeier
12. MärzEinzel
14. MärzSprint
15. MärzMittlere Distanz und Abschlussfeier

Stand: 19.02.2020, 09:00

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