Para Alpin-Bundestrainer Wolf: "Die Vorfreude ist groß"

Bundestrainer Justus Wolf

Interview

Para Alpin-Bundestrainer Wolf: "Die Vorfreude ist groß"

Von Maria Köhler-Thiel

Seit 2011 ist Justus Wolf Cheftrainer der Nationalmannschaft Para Ski alpin des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). In Berchtesgaden spricht er über die ausstehenden Saison-Stationen, Ärger bei der Weltcup-Vergabe und die Paralympics 2022 in Peking.

Justus Wolf, Sie sind bis Freitag im Trainingslager in Berchtesgaden. Wie sind die Bedingungen dort?
Justus Wolf: "Es ist ein bisschen wenig Schnee."

Aber Sie müssen noch nicht selbst zur Schippe greifen?
"
Doch, doch, gestern schon. Jetzt gehen die Temperaturen runter, jetzt ist es etwas eisiger. Das passt schon."

Erst einmal herzlichen Glückwunsch! Sie sind vom Landessportverband Baden-Württemberg zum Trainer des Jahres 2019 ausgezeichnet worden. Die Laudatio von Anna-Lena Forster und Andrea Rothfuss soll recht emotional gewesen sein. Was sind Sie denn für ein Trainer?
"Das ist schwierig zu sagen. (lacht) Ich versuche zumindest immer, dass ich den Sportlern nicht nur irgendwelche Anweisungen gebe, sondern immer auch ein bisschen erkläre wieso. Ich will das Verständnis mit schulen, damit sie das Verständnis haben, warum sie das machen. Dann können sie in Zukunft darauf aufbauend clevere Entscheidungen treffen."

Wie ist die Toleranz der Gesellschaft für Menschen, die sich mit einer Behinderung in der Öffentlichkeit zeigen und Sport treiben? Hat sich da etwas geändert? 
"Ich muss ganz ehrlich sagen, da gab es nie ein Problem. Da gab es nie kritische Worte, nur positive Worte. Ich mache das jetzt seit acht Jahren. Die Akzeptanz ist so groß, dass jeder mehr oder weniger machen kann, was er will."

Wie steht es um den alpinen Parasport in Deutschland?
"Wir sind momentan in einem großen Umbruch. Wir haben mit Anna Schaffelhuber und Georg Kreiter zwei Leistungsträger verloren, die ihre Karrieren beendet haben. Das ist sehr schade, aber natürlich absolut verständlich, vor allem bei Georg, der keine 20 mehr ist. Das ist auf jeden Fall eine Umstellung. Das Mannschaftsgefüge verändert sich. Wir konnten aber, und das ist sehr positiv, im April 2019 eine hauptamtliche Nachwuchstrainerin einstellen. Das ist Maike Hujara, die den Nachwuchs betreut."

Bisher waren die deutschen Athleten in Veysonnaz, Prato Nevoso und Kranjska Gora dabei. Wo waren die Bedingungen am besten, wenn man Organisation und Wetter berücksichtigt?
"Auf jeden Fall in Veysonnaz. Ich würde sagen, das war eines Weltcups würdig. Prato Nevoso hat zum ersten Mal überhaupt einen Weltcup im Para-Sport veranstaltet. Die Strecke ist super interessant. Aber da hatten wir anfangs ein bisschen Probleme, was die Verpflegung angeht – vor allem von Athleten, die nicht das Standardessen essen, die eine Lebensmittelunverträglichkeit haben oder Vegetarier sind. Für die war es von der Versorgung dürftig. Die mussten dann auch selbst kochen. In Kranjska Gora waren das sehr widrige Umstände vom Schnee her. Es gab fast keinen Schnee. Da waren wir froh, dass das überhaupt stattfinden konnte. Das war eine Woche vorher gar nicht klar. Es war sehr herausfordernd."

Vom 7. bis 24. Januar ging es von der Schweiz über Italien nach Slowenien.
"Ja, generell war das ein viel zu langer Block. Das haben wir auch so beim Weltverband angemerkt. Das waren fast drei Wochen am Stück. Das durchzufahren, ist Wahnsinn. Zum Schluss waren die Athleten derartig fertig. Das ist für die Zukunft zu vermeiden, dass man drei Wochen am Stück Rennen fährt. Das Maximum sind zwei Wochen mit zwei Tagen Pause zwischendrin. Das ist verträglich. Im Para-Sport sind die meisten Allrounder. Wir haben ja wirklich kaum Spezialisten. Alle fahren alles, das ist enorm herausfordernd."

Aktuell misst sich die Konkurrenz beim Weltcup in Russland. Erstmals gibt es Wettbewerbe in Sachalin. Warum sind die deutschen Athleten nicht dabei?
"Das ist ganz einfach. Wir haben aktuell im Speed-Bereich ausschließlich Damen im Team. Viele Nationen sind da nicht vor Ort, entweder aus Kosten- oder politischen Gründen. Ich habe mich im Herbst mit den anderen Nationen ausgetauscht. Die Niederlande fahren nicht, die Japaner fahren nicht, die Kanadier fahren nicht. Da war vor Ort quantitativ wenig Konkurrenz am Start. Wir haben uns wegen der hohen Kosten, wegen des hohen Aufwands und mit einer politischen Note dagegen entschieden, den Weltcup zu fahren. Wir haben das Training priorisiert."

Was meinen Sie genau mit politischen Gründen?
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Die Russen waren gesperrt, und jetzt wird wieder diskutiert, ob sie gesperrt werden. Dennoch hat man ihnen für drei Jahre einen Weltcup zugeschanzt. Das hat bei vielen Nationen große Fragezeichen aufgeworfen. Andere Nationen haben nur einen Weltcup in zwei Jahren."

Gab es da mal eine Antwort?
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Nein, nein. Da gibt es keine. Da wird nicht richtig darauf eingegangen. Es ist schwierig, das groß zu thematisieren. Es ist so, dass da viele komplexe Prozesse parallel laufen. Im Frühjahr gab es eine Sitzung und da wurden wir vor vollendete Tatsachen gestellt. Man diskutiert das auch in der Trainerschaft, wo die Reise hingeht. Da war schon die Frage, warum das gleich für drei Jahre geblockt werden muss. Dass da ein Weltcup ist, ist kein Thema. Aber dieses Zugeständnis für drei Jahre wurde sonst für keine andere Nation gemacht. Wir reden von einer Nation, die eigentlich ausgeschlossen war und vor einem möglichen Ausschluss steht. Das war einfach nicht nachvollziehbar."

Justus Wolf, Bundestrainer des Deutschen Para-Ski-Team-Alpin

Justus Wolf, Bundestrainer des Deutschen Para-Ski-Team-Alpin (Archiv)

Für wen sollte stattdessen das Zugeständnis für zwei, drei Jahre gemacht werden, zum Beispiel für Veysonnaz?
"Nicht zwangsläufig. Denkbar wären Orte, die wir auf Europacup-Niveau haben. St. Moritz hat für den Para-Sport perfekte Rahmenbedingungen. Da kommt man direkt an die Piste ran. Die Piste ist vom Anspruch für uns richtig gut. Ich denke, man kann mindestens einen Hang in Österreich fahren, wo man sagt, dass das absolut perfekt ist. Leider sind in den USA Rennen schwierig zu organisieren. Unseren Kollegen zufolge ist es zu teuer. Da geht das nicht jedes Jahr oder jedes zweite. Rennen außerhalb Europas, in den USA oder Japan, haben wir nur alle drei Jahre, leider."

Für Sie und ihre Athleten geht es noch nach Hafjell nördlich von Lillehammer (NOR, 15. bis. 23. März), wo nächstes Jahr die WM ausgetragen werden. Das Weltcup-Finale steht vom 28. März bis 7. April im schwedischen Are an, dem WM-Austragungsort 2023. Was erwarten Sie sich?
"Das ist eine Vorbereitung auf die Events. Außerdem ist es spannend, neue Pisten kennenzulernen. Wir wollten da schon lange einmal hin. Da ist die Vorfreude groß. Aber die Entwicklung der einzelnen Athleten zählt primär."

Ein erster gemeinsamer Weltcup von Startern ohne und mit Behinderung ist anders als mit dem Langlauf in Dresden bisher nicht geplant. Ist das im Gespräch?
"Da ist die Frage, ob das Sinn macht. Unser Zeitfenster ist anders als beim Langlauf-Rennen. Ich weiß nicht, ob das für uns erstrebenswert wäre. Das wäre zwar am gleichen Hang, aber ich erachte das als schwierig, auch bei der Piste."

Inwiefern unterscheiden sich die Pisten? Sind sie bei Para-Wettbewerben nicht so hart?
"
Doch schon, sie sind auch hart und eisig - aber nicht ganz so (lacht)."

Wie kitzeln Sie aus einer starken Anna-Lena Forster immer wieder Topleistungen heraus, wo nun auch die Japanerin Momoka Muraoka pausiert, um sich auf die Sommerspiele in Tokio vorzubereiten?
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Aktuell ist das nicht so schwierig. Mit zwei sitzenden Chinesinnen (Sitong Liu und Wenjing Zhang, Anm. d. Red.) kommt doch etwas nach, was etwas überraschte. Sie konnte das gut für sich nutzen. Okay, da hockt doch jemand im Nacken. Ohne Anna Schaffelhuber und Muraoka dachten wir schon "oh je oh je". Aber Anna-Lena ist in der Habachtstellung und weiß sich, zu motivieren."

Anna-Lena Forster bei der Para-Alpin-WM in Kranjska Gora

Anna-Lena Forster bei der Para-Alpin-WM in Kranjska Gora

Lassen Sie uns schon etwas weiter schauen. Skirennläuferin Viktoria Rebensburg sagte am Wochenende, dass sie sich wegen des fehlenden Wintersport-Interesses der Chinesen nicht für die Olympischen Spiele 2022 in Peking motivieren könne. Wie sehen Sie das?

"Das ist schwierig zu beurteilen, denn ich war noch nie in China zum Skifahren. Im Parasport wird dort enorm investiert. Sie haben ein Riesenteam. Da wird wirklich Geld in die Hand genommen und ein enormer Aufwand betrieben. Ich kenne einige, die schon drüben waren, die sagen, das ist nicht so verkehrt. Aber eigentlich ist das auch egal. Paralympics sind Paralympics, wenn die Bedingungen gut sind. Ich war nicht zu begeistert von Pyeongchang. Das sind alles keine klassischen Skinationen, aber wir müssen bei den Paralympics, die an die Olympischen Spiele angedockt werden, nehmen, was da ist und das akzeptieren. Wir können nur das Beste daraus machen."

Na mal sehen, wie viele Leute dann im Zielbereich stehen und mit anfeuern.
"
Da werden sicher ein paar geschickt (lacht)."

Vielen Dank für das Gespräch!

Stand: 18.02.2020, 19:36

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