"So sehen Sieger aus" - Norwegens nordische Dominanz und Verwundbarkeit

Johannes Thingnes Boe, Sturla Holm Laegreid, Johannes Dale und Vetle Sjastad Christiansen

Gelbe Trikots im Biathlon, Skispringen und Nordischer Kombination

"So sehen Sieger aus" - Norwegens nordische Dominanz und Verwundbarkeit

Von Dirk Hofmeister

Die Weltcup-Spitzenreiter im Biathlon, Skispringen und der Nordischen Kombination kommen aus Norwegen. Wird das wieder ein langweiliger Winter mit norwegischer Überlegenheit in den nordischen Skisportarten? Vieles spricht dafür - aber nicht alles.

Es war eine der ikonischen Szenen des letzten Vorweihnachts-Weltcups der Biathleten in Hochfilzen. Nach dem Männer-Sprint von Donnerstag (17.12.2020) stehen vier Norweger bei der Siegerehrung und singen "So sehen Sieger aus". Kurz zuvor hatten Sturla Holm Laegreid, Johannes Dale, Johannes Thingnes Bö und Vetle Sjaastad Christiansen einen Vierfacherfolg gefeiert und damit ein Symbolbild in Sachen Dominanz abgeliefert.

Biathlon-Arithmetik: 5 aus 8 und 4 aus 10

Wer noch ein anderes Bild für die norwegische Biathlon-Überlegenheit sucht: Im Gesamt-Weltcup der Männer stehen fünf Norweger in den Top acht, bei den Frauen vier Norwegerinnen in den Top 10. "So sehen Sieger aus." Soweit,  so beeindruckend. Mittendrin Johannes Thingnes Bö - der Biathon-Überflieger der vergangenen beiden Jahre. Der 49-fache Weltcupsieger, der Olympiasieger und vielfache Weltmeister. Bö steht nach diesem Sprint und auch bei allen anderen Wettkämpfen von Hochfilzen mittendrin - ganz oben stehen andere. Bö, und das ist die Überraschung der Saison, ist in diesem Winter schlagbar.

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Bö: "Arbeiten wie Hölle"

"Ich werde in der Weihnachtpause arbeiten wie Hölle. Ich weiß genau, was zu tun ist", erklärte der 27-Jährige nach der Verfolgung. Für den eloquenten und stets zu Späßen aufgelegten Bö eine ungewohnt knappe Aussage. Ein Statement, das wie eine Drohung an die Konkurrenz  klingt.

Die Norweger Johannes Thingnes Boe und Sturla Holm Laegreid

Ungewohntes Bild: Johannes Thingnes Bö hinter Sturla Holm Laegreid (re.).

Was genau Bö machen wird, verriet dessen fünf Jahre älterer Bruder Tarjei zwei Tage später nach dem Massenstart. Die beiden wollen sich mit ihren Familien in die norwegischen Berge in eine Hütte zurückziehen, im familieneigenen Whirlpool entspannen - und natürlich trainieren.

Schwächen beim Schießen

Johannes Bö dürfte dabei vor allem an seinem Schießen feilen. Hier hapert es bereits seit dem Sommer, in einem letzten teaminternen Test vor dem Weltcupstart im November zeigte Bö mit fünf Schießfehlern "eine völlige Katastrophe", wie er anschließend selbstkritisch zugab.

Im Weltcup ist Bö zwar immer vorn dabei und Träger des Gelben Trikots. Die Überlegenheit des vergangenen Jahres, als er fünf der ersten sieben Rennen gewann, ist Bö aber abhanden gekommen. Im Gegenteil: Am Schießstand zeigt er ungewohnte Nerven.

Das Fehlen von Dauerrivale Fourcade

Bö selbst begründet das unter anderem mit dem Fehlen von Dauerrivale Martin Fourcade, der im Frühjahr seine Karriere beendet hatte. "Meine Rivalität mit Martin war viel größer. Wenn meine Teamkollegen gewinnen, bin ich auch sehr glücklich. Wir arbeiten viel zusammen und bringen uns auf ein neues Level. Wenn wir das nicht tun würden, gäbe es viel mehr Siege anderer Länder", ließ Bö einen Blick in seine Psyche zu: Weniger Biss bei Bö durch starken Team-Zusammenhalt. So kommt im Kampf um die große Kristallkugel Bös stärkste Konkurrenz mit dem jungen Holm Sturla Laegreid auch aus der eigenen Mannschaft.

Roeiseland: "Ich gehe auf die große Kugel"

Wie bei den Männern führt auch bei den Frauen jemand aus dem Königreich die Konkurrenz an: Marte Olsbu Roeiseland geht mit dem Gelben Trikot in die kurze Weihnachtspause. Für das neue Jahr kündigte sie bereits an: "Ja, ich gehe in diesem Jahr auf den Gesamt-Weltcup." Und das ist vermutlich keine gute Nachricht für die Mitstreiterinnen. Denn: Was sich das zielstrebige norwegische Laufwunder vornimmt, geht in der Regel in Erfüllung.

Marte Olsbu Roeiseland (Norwegen) jubelt

Marte Olsbu Roeiseland (Norwegen) jubelt

Im vergangenen Jahr legte sie ihren Fokus auf die Weltmeisterschaft - und gewann in jedem Rennen eine Medaille. Fünf WM-Titel und zwei Mal Bronze räumte die 30-Jährige allein in Antholz ab. "Für mich ist das eine große Freude, ein großes Hauptziel zu haben und dafür zu arbeiten." Und während Vorjahres-Gesamtsiegerin Dorothea Wierer aus Italien bereits lachend ankündigte, man solle im neuen Jahr in Oberhof nicht allzu viel von ihr erwarten ("Ich esse zu Weihnachten zu viel. Ich habe danach immer ein oder zwei Kilo mehr."), versprach Roeiseland kämpferisch: "Ich möchte so viele Rennen wie möglich laufen und dabei so oft wie möglich vorn dabei sein."

Corona bremst Langläufer aus 

Norwegische Dominanz - daran ist auch die Konkurrenz in den anderen Nordischen Skisportarten gewöhnt. Coronabedingt können allerdings die Langläufer um Therese Johaug und Johannes Hoesflot Klaebo dies aktuell nicht zeigen. Norwegens Skilanglauf-Asse verzichteten aus Vorsicht vor einer möglichen Corona-Infektion auf die Weltcups in Davos und Dresden - und sie werden auch bei der Tour de Ski nicht dabei sein.

Nordische Kombi: Riiber zweimal von Geiger geschlagen

Ebenfalls nicht so dominant wie gewohnt ist derzeit Jarl Magnus Riiber, der Überflieger der vergangenen beiden Jahre in der Nordischen Kombination. Am vergangenen Wochenende in Ramsau schnappte der Deutsche Vinzenz Geiger dem norwegischen Seriensieger die beiden Siege weg. "Es freut mich, dass wir Riiber knacken konnten", freute sich Bundestrainer Hermann Weinbuch. "Das war eine taktische Meisterleistung", lobte der Coach, wie klug Geiger dabei jeweils das Rennen lief.

Der Deutsche Vinzenz Geiger (r) gewinnt gegen den Norweger Jarl Magnus Riiber.

Der Deutsche Vinzenz Geiger (r) gewinnt gegen den Norweger Jarl Magnus Riiber.

Weinbuch und sein Team hatten im Sommer einen Trainingsschwerpunkt auf die Schanze gelegt und den Abstand zur Spitze um Riiber damit verringern können. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Riiber ging nach einer Knieverletzung von Ruka nicht komplett fit an den Start. Für den kommenden Weltcup Mitte Januar in Val di Fiemme brennt er bereits auf Revanche.

Skispringen: Granerud und das "brutale System"

Ganz und gar ohne Verletzung und dazu noch mit unheimlichem Selbstbewusstsein mischt Skispringer Halvor Egner Granerud derzeit den Weltcup-Zirkus auf. In der vergangenen Saison war die beste Weltcup-Platzierung des 24-Jährigen noch Rang 23 - aktuell führt der den Gesamt-Weltcup mit fünf Siegen in Serie überlegen an. "Du kannst einen Sprung über den nächsten legen. Das sieht immer gleich aus. Der hat ein brutal sicheres System derzeit", lobte Sportschau-Experte Sven Hannawald am vergangenen Wochenende.

Auch Bundestrainer Stefan Horngacher sagt anerkennend: "Er hat ein super System, eine gute Anfahrtsposition und eine saugute Skiführung. Er ist wie im Flow." Die anstehende Vierschanzentournee will der Coach der Deutschen aber noch nicht herschenken: "Wir fahren dahin, um zu gewinnen", sagte Hongacher am Sonntag (20.12.2020) in der Sportschau. Am Montag legte er in einem virtuellen Pressegespräch nach: "Wir wissen, dass seine Serie irgendwann reißen wird. Und dann wollen wir am Start sein."

Halvor Egner Granerud - der neue Skisprung-Star Sportschau 20.12.2020 02:27 Min. Verfügbar bis 20.12.2021 Das Erste

Eisenbichler: "Dann fängt er zu überlegen an"

Ganz knapp dran war am Sonntag bereits Markus Eisenbichler. Letztlich musste er sich aber um einen Meter geschlagen geben. Auf die Tournee schaut aber auch Eisenbichler mit viel Zuversicht: "Ich muss meinen normalen Sprung durchbringen, dann kann ich vor ihm sein. Ich bin ziemlich entspannt." Letztlich entscheide die mentale Verfassung über Tourneesieg oder Niederlage. Und da sieht sich der 29-jährige Eisenbichler nach vielen Rückschlägen in seiner Karriere im Vorteil gegenüber dem fünf Jahre jüngeren Norweger: "Irgendwann fängt er auch zu überlegen an und muss arbeiten. Dann merkt man erst, ob er ein richtiger Sportler ist. Ich habe das bereits durchgemacht. Da habe ich einen Vorsprung."

Bö, Roeiseland, Riiber, Granerud, bei der Nordischen Ski-WM kommen noch Kläbo und Johaug dazu - viel spricht mal wieder für einen norwegischen Dominanz-Winter. Die gute Nachricht für die Konkurrenz ist aber: Schlagbar sind sie. Alle.

Stand: 22.12.2020, 14:31

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