Springen bleibt das Problem - die Saison in der Nordischen Kombination

Nordische Kombination, Skispringen - ein Skispringer nach dem Absprung

Nordische Kombination

Springen bleibt das Problem - die Saison in der Nordischen Kombination

Von Dirk Hofmeister

Die deutschen Nordischen Kombinierer haben eine sehr wechselhafte Saison hinter sich - und auch die Aussichten geben nur ein bisschen Grund zum Optimismus.

Ein Weltcup-Wochenende wie ein Brennglas für die gesamte Saison: Das Saisonfinale der Nordischen Kombination in Klingenthal hatte aus deutscher Sicht noch einmal die gesammelten Emotionen des gesamten Winters dabei. Ärger und Freude über Bedingungen und Flüge an der Schanze, ein Überraschungs-Platz vier, und letztlich viel Hoffnung, Zuversicht und Jubel – über Rang drei von Fabian Rießle am Sonntag, Platz zwei im Gesamt-Weltcup von Vinzenz Geiger und den Sieg im Nationen-Weltcup.

Geiger - "Der Beste unter den Normalen"

Nordische Kombination Klingenthal

Das Klingenthal-Wochenende als pars pro toto für die gesamte Saison? Damit ist Vinzenz Geiger nicht einverstanden. Geiger ist schließlich der "Beste unter den Normalen", wie er seinen zweiten Platz im Gesamt-Weltcup hinter Überflieger Jarl Magnus Riiber mit ironischem Unterton nennt. "Ein Abbild für die Saison war das Wochenende nicht", so der 23-Jährige, der in Klingenthal mit Rang 15 und 6 doch recht deutlich an den Top 3 vorbeilief. "In der Saison war ich ganz schön oft auf dem Podest. Und mit vier Siegen, da kann man stolz sein auf die Saison." Geiger ist der große Hoffnungsträger der Kombinierer.

Als einziger aus dem deutschen Team konnte sich der Oberstdorfer Duelle auf Augenhöhe mit Riiber liefern, in der Ramsau kurz vor Weihnachten besiegte Geiger den Norweger sogar zweimal. Von Geigers Saison bleibt aber auch die Formdelle bei der WM, als er ohne Einzelmedaille blieb und im Teamsprint Fabian Rießle den Vortritt lassen musste. "Ich kann mir das noch nicht ganz erklären. Es war alles angerichtet für die Heim-WM. Aber meine Sprünge waren nicht gut genug", sagt Geiger rückblickend und beschreibt damit gleichzeitig seine Schwächen: Die Schwankungsbreite zwischen vier Weltcupsiegen und Rang 32 im November in Ruka lag vor allem im Springen begründet. "Bei mir fehlt die Konstanz, ich brauche mehr Stabilität."

Die deutschen Frauen

Größte Hoffnungsträgerinnen im ersten Weltcup-Winter waren die frisch gebackene Junioren-Weltmeisterin Jenny Nowak und Skisprung-Umsteigerin Svenja Würth. Doch der Premierenwinter dürfte gemischte Gefühle hinterlassen. Die Frauen erlebten zwar ihren historischen ersten Weltcup und die ersten WM-Wettkämpfe der Geschichte.

Jenny Nowak auf der Schanze in Ramsau

Jenny Nowak ist bei der Weltcup-Premiere als Mitfavoritin dabei.

Doch zum einen wurde der Weltcup-Kalender wegen der Corona-Pandemie von drei geplanten Weltcups auf einen zusammengestrichen. Und da waren die Deutschen von den vorderen Plätzen weit entfernt. Jenny Nowak war beim Weltcup als 13. beste Deutsche, bei der WM landete Cindy Haasch als Elfte das beste Ergebnis. "Das Fazit ist eher durchwachsen", resümmiert Horst Hüttel, der Sportliche Leiter für die Nordische Kombination im Deutschen Ski-Verband (DSV). "Die Mädels haben ihr Leistungsvermögen zumeist nicht abrufen können." Arbeit sieht Hüttel vor allem beim Springen.

Das Springen

Nordische Kombination Klingenthal

Das Skispringen ist auch bei den Männern die große Baustelle. Eine Baustelle, auf der schon einige Lücken geschlossen werden konnten. Unter dem neuen Sprungtrainer Heinz Kuttin konnte der Rückstand zu den dominierenden Springern aus Norwegen, Japan und Österreich verkleinert werden. Im Vergleich zu 2018, als der beste Deutsche in der Sprung-Kategorie Zehnter war (Fabian Rießle) und dem Vorjahr mit Manuel Faißt als bestem Deutschen (9.), gibt es Verbesserungen. In dieser Saison konnten sich mit Faißt (5.), Terence Weber (8.) und Rießle (9.) gleich drei DSV-Kombinierer in den Top 9 platzieren.

Bundestrainer Hermann Weinbuch sagt dazu: "Auch wenn nicht alles aufgegangen ist, sind wir besser gesprungen. Wir können noch besser springen." Lob bekommt der neue Sprungtrainer von den Athleten. "Er sagt uns immer wieder, der Sprung muss im Fluss sein. Man sollte keine großen Dinge im Kopf haben, sondern den Sprung durchziehen", erklärt Eric Frenzel, der nach einer Seuchensaison 2019/20 mit seinen zwei vierten Plätzen bei der WM neues Selbstbewusstsein tanken konnte: "Heinz Kuttin findet eine sehr gute Abstimmung zwischen Material und Technik. Unter ihm arbeiten wir auch im Kraftbereich spezifischer." Geiger findet "seinen Umgang gut, wie er Skispringen beschreibt. Seine Korrekturen an der Schanze taugen mir."

Für Horst Hüttel wird die Arbeit am Springen auch in der kommenden Saison der Gradmesser sein: "Insgesamt gesehen bin ich mit dieser Saison nicht unzufrieden. Der Schwerpunkt liegt aber auch in den kommenden beiden Jahren im Sprungbereich." Weinbuch ist mit Blick auf die Olympiasaison ganz optimistisch: "Ich bin zuversichtlich fürs nächste Jahr, dass wir uns noch weiter entwickeln können und wieder ganz vorn landen werden."

Der Nationencup - "Auftrieb, Glauben, Hoffnung, Motivation"

Aus dem letzten Wochenende in Klingenthal hat Weinbuch "Auftrieb, Glauben, Hoffnung und Motivation für die Olympiasaison" mitnehmen können. Dafür mitverantwortlich ist sicher auch der Sieg der Nationenwertung im Weltcup. Erstmals seit 2017 durften sich die Deutschen wieder über die große Kristallkugel für das Team freuen.

Nordische Kombination Klingenthal

Gruppenbild mit großer Kugel

Zu Erinnerung: 2017 war das Jahr von Rekord-Weltmeister Johannes Rydzek und einem deutschen Doppelsieg durch Frenzel und Rydzek im Gesamt-Weltcup. "Dass wir die Norweger schlagen können, war überraschend. Im vergangenen Jahr waren wir 1.300 Punkte hinter ihnen, jetzt sind wir 500 Punkte vor ihnen. Da haben wir eine enorme Entwicklung gemacht", freut sich Weinbuch. Zur Wahrheit gehört aber sicher auch: Die Norweger waren zum Beispiel beim Klingenthal-Weltcup im Februar nicht in Bestbesetzung am Start, um für die WM am Laufen zu feilen. Sonst wäre es sicher knapper zugegangen.

Die WM

Apropos Saisonhöhepunkt: Erstmals seit 1999 blieben die Nordischen Kombinierer ohne WM-Einzelmedaille, dafür gab es zweite und dritte Ränge im Team und im Teamsprint. Probleme bereiteten den Deutschen (mal wieder) das Material - bei warmen Temperaturen haben die Deutschen seit Jahren einen Nachteil gegenüber anderen Nationen. An der Schanze spielten zudem der Wind oder die Nerven nicht mit.

Die mediale Kritik an der Medaillenausbeute blieb nicht unwidersprochen. Frenzel bezeichnete sie als ungerechtfertigt und sagte mit Blick auf das Springen: "Wir hatten das Pech, kein Glück zu haben." Speziell Frenzels vierte Plätze zeigen auch, dass Einzelmedaillen möglich gewesen wären. Oder wie Geiger erklärt: "Das Niveau ist höher geworden. Und speziell bei der WM zeigten einige Athleten extrem gute Leistungen, von denen man das vorher vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte."

Die "alten" Männer

In der Vergangenheit haben Frenzel, Rießle und Rydzek Seriensiege eingefahren. Jetzt sind sie 32, 30 und 29 Jahre alt. Läuferisch gehört das Trio weiterhin zu den Top-Athleten. Das Springen ist die große Herausforderung. Rießle ist hier am stabilsten, bei Frenzel geht die Formkurve nach oben, Rydzek kämpft sich langsam zurück.

Nordische Kombination Klingenthal

Ans Aufhören denkt das Trio noch nicht, Olympia ist das große Ziel. Frenzel und Rießle haben bereits in dieser Saison gezeigt, dass sie an einem guten Tag vorn reinlaufen können. Und dass Kombinierer auch mit 35 noch WM-Medaillen holen können, zeigte ja einst unter anderem der Österreicher Felix Gottwald

Der Nachwuchs

Nordische Kombination, Klingenthal, Terence Weber (li.) und Julian Schmid (re.)

Terence Weber (li.) und Julian Schmid (re.)

Zählt man Vinzenz Geiger mit 23 Jahren noch zum Nachwuchs, ist er die große Hoffnung. Hinter ihm klafft jedoch eine große Lücke. Bundestrainer Weinbuch fordert von Terence Weber (Gesamt-Weltcup-15.) und Julian Schmid (30.), dass sie eine Entwicklung in die Top 10 bzw. Top 25 machen.

Die Corona-Saison

Die wegen der Corona-Pandemie abgesagten Wettbewerbe im Januar in Otepää und im Februar in China dürfte vor allem Vinzenz Geiger bedauern. Zu beiden Zeitpunkten hätte er gute Chancen gehabt, Jarl Magnus Riiber zu schlagen. Sonst ist das deutsche Team ziemlich gut und ohne Infektionen durch die Pandemie-Saison gekommen

Der Bundestrainer ...

… macht weiter. Mindestens bis Olympia. Das sagte er während des Klingenthal-Weltcups in der Sportschau. "Man hat mich von allen Seiten bekniet. Wir haben einen großen Sprung gemacht, die Jungs wollen auch, dass ich weitermache. Zumindest bis zu den Olympischen Spielen in Peking", sagte Weinbuch, der am Montag (22.03.2021) seinen 61. Geburtstag feiert. Weinbuch geht also in seine 25. Saison als Kombinierer-Trainer. Er ist schon jetzt der erfolgreichste Wintersport-Trainer der Welt.

Kombinierer-Bundestrainer Weinbuch: "Haben einen großen Schritt gemacht" Sportschau 21.03.2021 02:29 Min. Verfügbar bis 21.03.2022 Das Erste

Stand: 22.03.2021, 13:56

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