Kombinierer Rießle: "Eine WM-Einzelmedaille wäre megacool"

Fabian Rießle

Vor dem Saisonauftakt

Kombinierer Rießle: "Eine WM-Einzelmedaille wäre megacool"

Von Bernd Eberwein

Fabian Rießle war in der vergangenen Saison stärkster deutscher Kombinierer. Im Interview mit sportschau.de erklärt Rießle, wieso er sich trotzdem nicht als deutsche Nummer eins sieht, warum eine WM-Medaille "megacool" wäre - und was es mit dem Spitznamen "Rio" auf sich hat.

sportschau.de: Im vergangenen Winter Gesamtweltcup-Dritter, amtierender deutscher Meister im Einzel und im Team - sind Sie aktuell der beste deutsche Kombinierer?

Fabian Rießle: (lacht) Das kann man daran nicht unbedingt festmachen. Klar war ich in der letzten Saison der beste Deutsche im Weltcup und bin gerade zwei Mal deutscher Meister geworden. Aber der neue Winter kommt ja erst noch. Im Sommer ist es immer etwas anders als im Winter. Alles wird auf Null gestellt und dann wird sich zeigen, wer der Beste ist.

Aber wenn man die Gesamtweltcup-Platzierungen der letzten Winter anschaut - Vierter, Dritter, Vierter, Dritter. Nimmt man sich da schon etwas mehr vor für die neue Saison 2018/19?

Rießle: Nein, eigentlich nicht. Ich bin keiner, der das an irgendwelchen Platzierungen festmacht. Ich schaue stattdessen, ob ich mich weiterentwickeln konnte, ob ich meine Sprungtechnik verbessern konnte, ob ich meine Lauftechnik forcieren konnte - und nicht unbedingt daran, ob ich Dritter, Vierter oder Erster im Gesamtweltcup bin.

Stichwort Sprungtechnik. Ihr Bruder Philipp, der sie ja teilweise auch trainiert, hat schon im vergangenen Winter gesagt "Fabian muss auf der Schanze an seiner Beweglichkeit arbeiten. Er braucht Geschmeidigkeit in der Anfahrtsposition." Wie haben Sie am Springen gearbeitet im Sommer?

Rießle: Ja, das Springen ist mein größtes Manko. Wenn ich mal einen optimalen Sprung erwische, funktioniert's eigentlich. Einfach ausgedrückt: Wenn ich es schaffe, dass meine Ski nach dem Absprung nicht so steil angestellt sind und flacher vom Schanzentisch weglaufen, dass ich nur Geschwindigkeit in den Flug mitnehmen kann - das ist mein Hauptaugenmerk im Sommer.

Fabian Rießle

Fabian Rießle bei den Deutschen Meisterschaften im Oktober in Hinterzarten

Im vergangenen Winter hatten einige deutsche Kombinierer Probleme beim Springen. Es kam die Diskussion ums Material auf, die Norweger flogen phasenweise weit vorneweg. Auch Bundestrainer Hermann Weinbuch sagte, dass die Norweger besseres Material haben. Konnte da im Sommer optimiert werden?

Rießle: Man versucht natürlich immer, im Sommer ein bisschen rumzutüfteln. Gerade beim Springen gibt's ganz viele verschiedene Stellschrauben, wo man ansetzen kann. Der Anzug ist ein großes Thema, daneben Ski, Bindung, Schuh-Setup. Aber ich würde sagen, dass wir Deutsche in der Nordischen Kombination richtig gut aufgestellt sind. Klar haben wir auch bei mir im Sommer versucht, das eine oder andere Neue zu testen. Aber wie wir im Vergleich zu den Norwegern oder den Österreichern sein werden - gerade was Material und Anzugschnitte angeht - werden wir beim ersten Weltcup sehen. Und dann tastet man sich Schritt für Schritt ran und versucht, das immer weiter zu bringen.

Schauen wir auf den Langlauf. Da gibt's bei Ihnen kaum noch Verbesserungsbedarf, oder? Bundestrainer Weinbuch lobte im vergangenen Winter nach dem Weltcup in Trondheim: "Er ist unheimlich clever." Können Sie sich noch verbessern?

Rießle: Man kann natürlich immer noch was verbessern. Es kommt natürlich auch immer auf die Ausgangsposition im Springen an. Je weiter man vorne ist im Springen, desto besser ist der Ausgangswert im Lauf. Wenn's auf der Schanze nicht so läuft, rennt man erst einmal einem großen Rückstand hinterher. Dann muss man das Rennen ganz anders gestalten, schneller loslaufen. Es kommt dann aufs Feingefühl an, dass man sich einzelne Eckpunkte vor dem Rennen vornimmt. Dass man sich beispielsweise vornimmt, in der ersten Runde auf den und den aufzuholen, sich dann etwas ausruht, dann auf den nächsten aufholt und so weiter.

Und das kann man einfach über die Jahre, wenn man schon länger dabei ist, Selbstvertrauen hat, seine Leistung besser einschätzen kann und sich selbst gut kennt, besser ausreizen.

Fabian Rießle

"Moasta zuhause", schrieb Fabian Rießle am 13. Oktober bei Facebook. In seiner Heimat im Schwarzwald gewann er den deutschen Meistertitel im Einzel und im Team mit Manuel Faißt.

Sie praktizieren seit einigen Jahren bereits neuroathletisches Training, bei dem Gehirn und Nervensystem miteinbezogen werden. Steffen Tepel, ehemaliger Stützpunkttrainer in Freiburg, hat Ihnen diese Methode nahegebracht. Wie sehr hilft Ihnen das?

Rießle: Ich war da eines der ersten "Versuchskaninchen". Steffen ist nicht mehr am Stützpunkt Freiburg, aber wir haben es beibehalten, dass wir uns regelmäßig treffen und Übungen durchsprechen. Gerade für das Skispringen tut mir das sehr gut. Ich bin ja schon länger im Weltcup unterwegs. Es lief auch vor dem neuroathletischen Training ganz gut. Aber als Profisportler muss man das machen, woran man glaubt und was einen weiterbringt.

Klar kann man durch "Neuro Athletics" nicht noch zehn Prozent mehr Leistung herauskitzeln. Aber im Profisport kommt es ja meistens nur auf ein oder ein halbes Prozent an, ob man Erster wird oder 15. Deswegen will ich an diesem Training auch weiter festhalten.

Ein anderer Trainingsfaktor ist ein intaktes Team mit viel Humor. Zuletzt haben Sie auf Ihrer Facebook-Seite ein Selfie aus dem Training gepostet, auf dem Eric Frenzel im Hintergrund schuftet und Sie mit den Übungen schon durch sind. Wie ist die Stimmung im deutschen Team vor der neuen Saison?

Rießle: (lacht) Ja, das ist wirklich was, was uns auszeichnet im deutschen Kombi-Team. Die Stimmung ist sehr, sehr gut. Alle kommen miteinander aus. Klar knallt's auch ab und zu, aber dann hat das auch seine Gründe. Aber die Stimmung bei uns ist wirklich saugut. Alle sind nette Kerle, kein Außenseiter dabei - und das ist ein großer Vorteil von uns.

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Zum Abschluss versuche ich trotzdem nochmal, etwas herauszukitzeln zu Ihren Saisonzielen. Sie sind Team-Olympiasieger, zweimaliger Team-Weltmeister, jetzt haben wir einen WM-Saison. Muss man sich da nicht doch mal einen Einzeltitel vornehmen?

Rießle: Ja. Aber ich bin keiner, der vor dem Winter sagt: 'Ich will ums Verrecken Weltmeister werden'. Klar würde ich mich freuen, wenn ich bei einer WM eine Einzelmedaille gewinnen würde, das steht außer Frage. Aber ich bin mittlerweile so, dass ich sage: Wenn's an dem Tag klappen sollte, dann ist das megacool, weil ich mich dann umso mehr darüber freuen kann. Aber sagen, dass ich unbedingt Weltmeister werden muss? Ist nicht."

Vielen Dank für das Gespräch!

Wieso heißt Fabian Rießle "Rio"?

In den sozialen Netzwerken ist Fabian Rießle als "Rio" unterwegs. Woher kommt's? Rießle lacht und hat eine ganz einfache Erklärung parat. "Den Namen habe ich ganz 'langweilig' von meinem älteren Bruder Philipp, der jetzt mein Trainer ist und früher Sportler war", erklärt Rießle: "Den Namen habe ich 'geerbt', als er damals aufgehört hat."

Stand: 09.11.2018, 13:12

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