Kombinierer-Bundestrainer Weinbuch: "Bis Olympia - dann ist es gut"

Hermann Weinbuch

Nordische Kombination | Interview

Kombinierer-Bundestrainer Weinbuch: "Bis Olympia - dann ist es gut"

Seit 24 Weltcup-Wintern hat Hermann Weinbuch das Sagen bei den deutschen Nordischen Kombinierern. Erreicht er seine Sportler noch? Wie sind seine Pläne? Wie entwickeln sich seine Sportler? Was sind Ziele und was die Baustellen?

Sportschau: Herr Weinbuch, am Sonntag (21.03.2021) ging die Saison der Nordischen Kombinierer in Klingenthal zu Ende, am Montag war Ihr 61. Geburtstag. Konnten Sie denn ein bisschen feiern? 

Hermann Weinbuch: Ja, wir haben den Saisonabschluss und den Gewinn des Nationencups noch am Sonntag mit einem Grill und ein paar Getränken am Wachstruck gefeiert. Dass wir den Nationen-Weltcup nach vielen Jahren mal wieder vor den Norwegern gewinnen konnten, war ein sehr sehr großer Erfolg.

Sportschau: Sie wirkten nach dem Saisonfinale recht euphorisch, sprachen von Hoffnung, Glauben, Auftrieb und Motivation. Wie sieht Ihr Saisonfazit aus, nachdem Sie darüber geschlafen haben?

Weinbuch: Bei der WM ist leider nicht alles nach Wunsch gelaufen. Da waren ein paar Dinge, die gegen uns gespielt haben. Wir haben zwei Medaillen gewonnen, es wäre mehr drin gewesen. Wir hatten in der ersten Woche Materialprobleme. Dann konnten sich Freiheit, Lockerheit und das Selbstbewusstsein nicht entwickeln. Aber jetzt in Klingenthal auf der großen Schanze, wo wir uns immer bisschen schwerer tun, hat jeder Einzelne ein paar positive Sprünge mitnehmen können für Olympia. Das war mental so wichtig. Die Mannschaft spürt, auf der Schanze haben wir schon den halben Weg geschafft. Das stimmt mich positiv.

Sportschau: Sie sagten am Samstag in der Sportschau, dass Sie bekniet worden seien, weiterzumachen. Sind Sie davon überzeugt, die richtigen Impulse geben zu können?

Weinbuch: Nach der vergangenen Saison war eine gewisse Enttäuschung im Team, weil wir so weit weg waren. Wir Trainer haben versucht, die Athleten mit Druck aus der Reserve zu locken. Das hat das Verhältnis belastet, da waren Abnutzungen da. Die Jungs wollten einen neuen Ansatz. Ich konnte da mitgehen. Ronny Ackermann konnte es nicht. Für uns alle überraschend ist er dann gegangen. Eigentlich wollte ich, dass Ronny meinen Part übernimmt.

Sportschau: Und wo konnte Ronny Ackermann nicht mehr mitgehen?

Weinbuch: Die Jungs wollten u.a. mehr Raum für das Skispringen. Ronny hat immer gesagt, das Laufen ist unser Trumpf, das will er nicht hergeben.

Sportschau: Bei der WM war es teilweise sehr warm. Die Deutschen haben fast schon traditionell bei warmen Temperaturen Materialprobleme.

Weinbuch: Die Beobachtung ist richtig, vor allem wenn es richtig nass wird, haben wir richtig Probleme. Die Weltspitze ist enger beieinander und so eine Kleinigkeit macht dann viel aus. Wir haben keine schlechten Ski, aber die anderen sind einen Tick besser. Das macht aus, ob Du eine Medaille gewinnst oder nicht. Wir haben kommende Woche Cheftrainerklausur. Dann werden hoffentlich die richtigen Rückschlüsse gezogen.

Sportschau: Bester Athlet aus Ihrem Team war Vinzenz Geiger als Gesamt-Weltcup-Zweiter. Augenzwinkernd nannte er sich "der Beste unter den Normalen". Aber ihm fehlt die Konstanz, bei der WM konnte er nicht überzeugen. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Vinzenz Geiger beim Kombinierer-Langlauf in Klingenthal

Geiger: "Möglichkeiten wie Riiber oder Lamparter"

Weinbuch: Er ist ein Riesentalent. Er hat gleiche Möglichkeiten wie ein Jarl Magnus Riiber oder Johannes Lamparter. Er muss das aber noch viel mehr wollen und konsequenter ausschöpfen. Er muss das als Athlet noch akribischer angehen. Da bleiben derzeit noch ein paar Ressourcen liegen.

Sportschau: Ein Musterbeispiel in Sachen Akribie ist Eric Frenzel. Er kam zuletzt auch auf der Schanze wieder besser klar ...

Nordische Kombination Klingenthal

Frenzel - "Bewundere ihn jedes Jahr"

Weinbuch: Ich bewundere ihn jedes Jahr wieder. Er ist über ein Jahrzehnt absolute Weltspitze. Er hat ein Talent, aber er muss viel arbeiten, bekommt nichts geschenkt. Er ist ein Vorbild in unserer Mannschaft und ein Phänomen, mit welcher Disziplin und Konsequenz er jede Saison angeht. Bei ihm bin ich weiterhin guter Dinge. In seinem Alter hat er aber nicht mehr unbegrenzt Energie zur Verfügung. Er spürt aber wieder, dass er ganz runterfliegen kann. Er kann es wieder schaffen, um Siege mitzukämpfen.

Sportschau: Stimmen Sie seiner Kritik an der medialen WM-Berichterstattung zu?

Weinbuch: Als wir 2016/17 mit Eric und Johannes Rydzek fast alles gewonnen haben, musste ich mir Fragen gefallen lassen, ob das mit rechten Dingen zugeht, ob wir nicht dopen. Jetzt, wo wir Vierter werden, redet man von einem Fiasko, das ist schlechter Journalismus. Dass Eric Vierter wurde, ist eine Wahnsinns-Leistung, da kann man nicht von einem Debakel sprechen. Wir waren bei der WM Vierter und Sechster sowie Vierter und Fünfter. Man sieht, dass wir an der Weltspitze dran sind.

Sportschau: Der einstige Überflieger Johannes Rydzek wurde im Gesamt-Weltcup Elfter, sein zweitschlechtestes Ergebnis seit 2013. Bei der WM war er praktisch nicht präsent. Was hat Rang sechs in Klingenthal bei ihm noch einmal ausgelöst?

Weinbuch: Der Ritschie hat eine ganz schwere Zeit gehabt, er war 2019/20 ganz weg vom Fenster, sehr ehrgeizig und sehr verunsichert. Er hat den Sommer hart gearbeitet und kleine Entwicklungsstufen gehabt. Erst zwei Wochen vor der WM hat er sich qualifizieren können. Die Qualifikation für die WM war für ihn aber so aufwendig, dass es bei der WM nicht mehr so gelaufen ist. Jetzt in Klingenthal hatte er ein, zwei richtig gute Sprünge. Ich hoffe, dass ihm das so viel Energie und Glauben gibt. Jetzt hat er den Turnaround geschafft.

Sportschau: Und was ist mit den jungen Sportlern?

Nordische Kombination, Klingenthal, Terence Weber (li.) und Julian Schmid (re.)

Terence Weber - "in die Gesamt-Top 10 laufen"

Weinbuch: Die sollen den nächsten Schritt machen, von Top 15 zu Top 10 oder von Top 30 in die Top 20. Ich denke zum Beispiel an Terence Weber, der in der WM-Staffel eingesetzt wurde. Das hat er super gemacht, ich hoffe, dass er da Selbstbewusstsein mitnimmt. Ich hoffe, er sagt jetzt: Ich war jetzt immer 15. im Gesamtweltcup, ich möchte jetzt noch weiter vor. Ich denke da auch an Julian Schmid, der hinten raus gute Ergebnisse hatte.

Sportschau: Seit mehreren Jahren wird spekuliert, wann und wie Sie Ihr Amt niederlegen. Sie haben jetzt bis Olympia zugesagt. Was ist die perfekte Vorstellung von Ihrem Abgang?

Weinbuch: Ich möchte nach jeder Saison einen Abgleich machen, ob ich die Jungs noch erreiche, ob ich ihnen noch etwas geben kann, ob die Stimmung noch gut ist. Habe ich so hohe Motivation, um noch Vollgas zu geben? Ich muss das Saison für Saison entscheiden. Ich habe noch einen Vertrag bis zu den Olympischen Spielen. So, wie es jetzt aussieht, sage ich, dann ist es auch gut. So denke ich jetzt. Ich weiß aber nicht, wie ich im Herbst oder nächstes Jahr denke.

Sportschau: Haben Sie einen Wunsch-Nachfolger? Oder ein Profil für einen Wunsch-Nachfolger?

Weinbuch: Nein, den habe ich nicht. Das entscheiden aber andere. Diejenigen, die die Nordische Kombination noch mehr im Blick haben, die meine Stärken und meine Schwächen besser sehen.

Sportschau: Es war die erste Saison ohne Zuschauer und mit verschärften Hygiene-Maßnahmen. Wie war das?

Bundestrainer Hermann Weinbuch

Weinbuch mit Mund-Nasen-Schutz: "Der Aufwand hat sich gelohnt"

Weinbuch: Es war eine sehr anstrengende und schwierige Saison. Man musste so viele Tests machen, man musste so viel aufpassen. Man musste sehr flexibel und beweglich sein, mit vielen Einschränkungen. Das war nicht einfach. Aber wir waren so froh, dass wir trotzdem eine Saison hatten. Ich glaube, wir konnten den Zuschauern auch eine gewisse Normalität zurückbringen, die eine oder andere Freude oder Ablenkung. Der Aufwand hat sich gelohnt in meinen Augen.

Sportschau: Auf die Frage nach den Zielen der Saison 2021/22 sagte Eric Frenzel mit einem Lachen und nicht ganz ernst gemeint: "Drei goldene Olympiamedaillen“. Wann war es für Sie eine erfolgreiche Olympia-Saison?

Weinbuch: Natürlich werden wir an Medaillen gemessen. Wir sollten die eine oder andere Medaille mitnehmen. Wir sollten aber diesen Weg weitergehen, dass wir noch besser Skispringen können. Dass wir richtig mitfliegen können und letztlich unsere Laufstärke behalten. Wir haben das Niveau über Jahre gestaltet. Jetzt sind neue Talente von anderen Nationen gekommen. Da sind große Persönlichkeiten da, wir würden uns gern mit denen duellieren und sie schlagen. Das ist unser Ziel.

Das Interview führte Dirk Hofmeister

Stand: 23.03.2021, 15:36

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