Kombinierer-Coach Weinbuch - die Krise, das Bangen, der 60. Geburtstag

Hermann Weinbuch

Interview mit Hermann Weinbuch, Cheftrainer der Nordischen Kombinierer

Kombinierer-Coach Weinbuch - die Krise, das Bangen, der 60. Geburtstag

Von Dirk Hofmeister

Am Sonntag feiert Hermann Weinbuch, Goldschmied der deutschen Nordischen Kombinierer, seinen 60. Geburtstag. Im großen Sportschau-Interview spricht er über Party-Pläne, Rücktritts-Gedanken, Knackpunkte für sein Team - aber auch über eine durch die Corona-Pandemie ungewisse Zukunft.

Sportschau: Herr Weinbuch, Sie feiern am Sonntag (22.03.2020) Ihren runden 60. Geburtstag. Eine große Party fällt sicher aus Gründen der Kontaktvermeidung wegen des Coronavirus aus. Wie feiern Sie stattdessen?

Hermann Weinbuch: "Eigentlich gar nicht. Das ist auch dem Coronavirus geschuldet. Da sage ich auch: Ich muss alle schützen und treffe niemanden. Ich wollte eigentlich mit meiner Frau und den Kindern am Wochenende wegfahren und im ganz kleinen Kreis feiern. Das fällt aus. Wir bleiben natürlich zu Hause. Eine große Feier war von vornherein nicht geplant. Im Sommer will ich das dann mit einer Grillparty mit meinen Freunden nachholen. Aber ich werde sicher das eine oder andere Videotelefonat bekommen und dann im Video anstoßen."

Bundesgesundheitsminister Spahn sprach am Donnerstag (19.03.2020) davon, dass die Einschränkungen durch die Krise vermutlich nicht Wochen sondern Monate spürbar sein werden. Was bedeutet das denn für Ihre Sportler und die Saisonvorbereitung?

Vinzenz Geiger

Weinbuch: "Nicht zu springen, wäre fatal"

Weinbuch: "Das wird eine Riesen-Herausforderung. Ich stehe im ständigen Kontakt mit Ronny Ackermann und Kai Bracht (beide Co-Trainer, d. Red.). Wir sind gerade dabei, die Saison zu analysieren und neu zu planen. Wir wissen gar nicht richtig, was wir jetzt planen sollen. Wir brauchen einen Plan B, den wir von Monat zu Monat neu konstruieren. Ich weiß noch nicht, ob ich meine sieben Sportler irgendwann zu einem Lehrgang treffen darf. Für uns wäre wichtig, dass wir auf die Schanze dürfen, auch wenn wir nur auf ein, zwei Schanzen in Deutschland springen. Nicht zu springen wäre für uns fatal."

Ein Sommer-Grand-Prix scheint aus jetziger Sicht nicht realistisch …

Hermann Weinbuch

Hermann Weinbuch: "Das wird eine Riesen-Herausforderung"

Weinbuch: "Ja, ich glaube, das ist aussichtslos. Noch wichtiger wäre mir aber, dass wir auf Schanzen und dort trainieren können. Wenn das nicht möglich ist, wird es schwierig. Wir wollten beispielsweise zum Windkanal nach Stockholm, um Flugeigenschaften zu trainieren. Das können wir jetzt vergessen."

Es scheint schwer vorstellbar, ohne eine sinnvolle Saisonvorbereitung im November in den neuen Winter zu starten …

Weinbuch: "Ja, ich habe das auch noch nicht erlebt. Meine Athleten sind größtenteils ja schon erfahrener. Ich glaube, dass sie das trotzdem gut realisieren könnten. Wir haben im kommenden Winter einen sehr vollen Kalender mit vielen Wettkämpfen. Dann könnten wir nicht alle Wettkämpfe besuchen und müssten immer mal Trainingsphasen einlegen, um das Versäumte nachzuholen. Das wird aber auf alle Fälle sehr schwierig."

Vom schwer zu greifenden Blick in die Zukunft ein Blick zurück. Die vergangene Saison war sehr holprig, durch mehrere Ausfälle wie dem Finale in Schonach aber auch durch fehlende Erfolge Ihres Teams. Wenn Sie zurückblicken: Wie behalten Sie ihre 23. Saison als Kombinierer-Cheftrainer in Erinnerung?

Weinbuch: "Holprig trifft es sehr gut. Schwierig und holprig. Wir waren aber nicht untätig. Wir haben gewusst, dass wir uns im Springen steigern müssen und haben da im Sommer auch hart daran gearbeitet. Wir hatten Teilerfolge und sind im Vergleich zu anderen Nationen vorangekommen. Wir sind wieder die zweitstärkste Nation hinter Norwegen. Ein Riiber (Geamt-Weltcupsieger Jarl Magnus Riiber, d.Red.) hat aber ganz Norwegen mitgerissen. Er ist nochmal besser geworden. Das hat uns auch ein bisschen erschlagen. Die Jungs haben gesehen, dass sie keine Chance gegen Riiber haben, obwohl wir ihn mit Vinzenz Geiger zweimal schlagen konnten. Es gab ein, zwei positive Wochenenden, die uns hoffen ließen. Und dann kamen postwendend Rückschläge, besonders auf der großen Schanze. Da haben wir große Defizite gesehen. Wir haben aber nie den Biss und den Glauben verloren. Insgesamt haben wir uns trotz Niederschlägen verbessert."

Mit nur zwei Siegen haben Ihre Sportler eine lange nicht dagewesene Erfolgsflaute erlebt. Wenn man Ihnen zuhört, betonen Sie aber vor allem die positiven Dinge ...

Weinbuch: "Sowohl als auch. Ich sehe Licht im Tunnel. Wir haben viele Dinge auf den Weg gebracht. Aber gleichzeitig haben wir auch gesehen, wie weit die Norweger weg sind und wie viel wir aufholen müssen. Der Weg wird schwer und für den einen oder anderen wird es vielleicht nicht möglich, sich noch einmal zu steigern. Ich hoffe, dass es vielleicht einer aus meiner Mannschaft schafft, in Schlagdistanz zu Riiber zu kommen."

Was haben die Norweger und vor allem Jarl Magnus Riiber Ihren Sportlern denn voraus?

Jarl Magnus Riiber

Überflieger Riiber - "Die Anfahrtshocke und der Absprung"

Weinbuch: "Die Anfahrtshocke und den Absprung. Das macht den modernen Sprung aus. Riiber hat einen hervorragenden Absprung, den er gleichmäßig auflösen kann und schnell in der Drehung ist. Er hat einen relativ flachen Ski, dadurch gewinnt er viel Geschwindigkeit im ersten Drittel, hat eine sehr gute Beinspannung und kann dadurch das erste Drittel schnell und steigend gestalten. Da haben wir unsere Schwächen."

Sie sprachen davon, zu wissen, woran Sie arbeiten müssen. Können Sie ein paar Eckpunkte Ihres Plans nennen?

Weinbuch: "Unsere Schwächen gehen von der Anfahrtsposition aus. Um diese zu verbessern, wollen wir einen Yogalehrer hinzuziehen. Wir müssen noch geschmeidiger werden. Das Langlaufen und Skirollern verkürzt die Muskulatur. Da müssen wir uns andere Trainingsmittel suchen, um nicht zu viel zu skirollern. Vielleicht Joggen, vielleicht Klassik-Langlauf. Wir müssen zudem im Gleichgewicht besser werden, um in der Hocke stabil über den ganzen Fuß anfahren zu können. Wir werden die Trainingskilometer reduzieren und dafür mehr Gymnastik, mehr Gleichgewicht und spezielle Koordination einfließen lassen. Wir wollten dreimal zum Windkanal nach Stockholm, um die Abdrücke, das Fluggefühl und die Drehung zu üben. Das ist nun leider nicht möglich. Zudem möchte ich mit wesentlich kürzeren Ski üben, dass wir mehr Drehung bekommen, dass der Ski nicht ganz so steil im ersten Drittel ansteht. Das Material muss man noch besser abstimmen. Wir haben viele Ansätze, aber dafür brauchen wir viele Sprünge. Wenn das nicht möglich wird, ist es fast aussichtslos."

Woher nehmen Sie eigentlich nach so vielen Jahren immer wieder Ihre Motivation, sich mit neuen Konzepten auf eine neue Saison vorzubereiten?

Weinbuch: "Mir macht die Arbeit mit den Jungs immer noch sehr viel Spaß. Wenn man mit motivierten Jungs zusammenarbeitet und Wissen auf den Weg nach oben mitgeben kann – das ist meine Hauptmotivation. Jede Medaille hat ihre eigene Geschichte."

Sie haben vor der Saison gesagt, wenn sich Ihr Konzept abgenutzt hat, müsse man schauen, wie es weitergeht. Gab es in dieser Saison mal einen Punkt, an dem Sie dachten, es ist besser, den Job niederzulegen?

Weinbuch: "Ja, den gab es. Die Jungs haben gewackelt, es gab Situationen, in denen ich mir Gedanken gemacht habe, ob neue Impulse nicht gewinnbringender wären."

Wann war das?

Weinbuch: "Das war so um den Weltcup in Oberstdorf. Da waren wir ziemlich schwach. Die Situationen gab es aber immer wieder. Auch im Sommer. Ich habe den Jungs klarmachen müssen, dass das Alte nicht mehr so funktioniert. Sie haben sich da ziemlich schwer getan, ich musste Überzeugungsarbeit leisten. Da habe ich gemerkt, so richtig sind sie noch nicht überzeugt, dass das der richtige Weg ist. Da habe ich mich hinterfragt, ob ich noch die richtige Person bin."

Einige Achtungserfolge gab es mit Podestplätzen von Fabian Rießle, Manuel Faißt, Johannes Rydzek, Terence Weber – und Vinzenz Geiger. Mit zwei Siegen, insgesamt 13 Podestplätzen und Rang drei im Gesamt-Weltcup ist Geiger etwas überraschend der Beste aus Ihrem Team. Vor der Saison sagten Sie noch, dass Sie bei Geiger die größten Sorgen hätten, ob der den nächsten Schritt machen kann. Wie bewerten Sie die Saison von Geiger?

Vinzenz Geiger, Jarl Magnus Riiber

Geiger - "Er muss noch mehr an sich arbeiten"

Weinbuch: "'Vinz' hat sehr viele Möglichkeiten und speziell im Laufen ein großes Talent. Im Springen hat er noch viele Defizite, er muss noch viel mehr an sich arbeiten. Er war unser Bester. Er hätte aber noch viel näher an Riiber dran sein können. Ich hoffe, dass er noch ehrgeiziger wird. Wenn er noch akribischer und konsequenter an sich arbeitet, ist noch viel mehr möglich. Daher bin ich nicht hundertprozeitig zufrieden. Es kann nicht jeder Weltmeister werden. Mein Ziel war aber immer, das auszuschöpfen, was jeder kann. Da hoffe ich, dass wir bei ihm noch mehr freisetzen können."

Kombinierer Vinzenz Geiger im Porträt - Zwischen Ruhe und explosionsartiger Energie Sportschau 10.01.2020 02:33 Min. Verfügbar bis 10.01.2021 Das Erste

Mit welchen Zielen gehen Sie in die kommenden Winter mit der Heim-WM 2021 in Oberstdorf und den Olympischen Spielen 2022 in Peking?

Weinbuch: "Wir stehen vor der großen Herausforderung, dass wir wesentlich besser Skispringen und hier auch Neues lernen müssen. Das ist das primäre Ziel. Wir wollen die Lücke zu Riiber schließen. Die Zielvorgaben in Medaillen bleiben gleich, das hat sich trotz Riiber nicht verändert. Wir wollen bei der WM drei Medaillen gewinnen, gleiches gilt für Olympia."

Sie haben bisher gesagt, Sie schauen von Saison zu Saison, ob Sie sich und die Sportler motivieren können. Bleibt es dabei oder haben Sie ganz für sich privat schon einen Endpunkt für das Ende Ihrer Karriere gesetzt?

Weinbuch: "Nein, diesen Endpunkt habe ich nicht definiert. Wenn Olympia noch gehen würde, wäre das schön. Aber es kann auch sein, dass früher Schluss ist. Wenn es mir nicht gelingt, die Riesen-Herausforderung zu bewältigen, dass wir im Springen besser werden, dann wird ein Wechsel stattfinden."

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft

Mit Hermann Weinbuch sprach Dirk Hofmeister.

Stand: 20.03.2020, 16:35

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