Die "Challenges" von Langlauf-Bundestrainer Schlickenrieder

Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder

Vor dem Weltcup-Saisonauftakt

Die "Challenges" von Langlauf-Bundestrainer Schlickenrieder

Von Bernd Eberwein

Seit April ist Peter Schlickenrieder neuer Langlauf-Bundestrainer. Vor dem Weltcupauftakt in Kuusamo sprach der 48-Jährige mit Sportschau.de über Herausforderungen, Veränderungen - und welche Rolle Druck und Drall, aber auch Spaß im Training spielen.

sportschau.de: Zum ersten Mal beim Weltcup als Langlauf-Bundestrainer. Wie einfach oder schwierig fällt die Umstellung nach vielen Jahren als TV-Experte?

Peter Schlickenrieder: Es ist definitiv eine Challenge. Es ist sehr viel intensiver, als ich mir das an der einen oder anderen Stelle vorgestellt habe. Es ist ein kompletter Switch: Man ist voll in der Verantwortung, man muss nicht nur punktuell präsent sein.

Wir haben im engsten Kreis eine Truppe von 30 Leuten, im weitesten fast 50, für die man Sorge tragen muss - aus den verschiedensten Bereichen. Das macht es sehr komplex. Natürlich ist da auch der Anspruch an mich selbst, Dinge die mir wichtig sind zu verändern. Und diese Kombination ist eine echte Challenge.

Der Anspruch an sich selbst ist das eine, der Anspruch von außen das andere - was kann man als Bundestrainer in nur wenigen Monaten überhaupt verändern?

Schlickenrieder: Zuerst die Dinge, die "automatisch" verändert wurden oder verändert werden mussten, weil es Abgänge gab. Angefangen vom Technikerteam, wo Leiter Chris Hönig wegen seiner beruflichen Ausbildung aufgehört hat. Es ist natürlich eine große Herausforderung, wenn man erst so spät dazukommt, jemanden zu finden. Im Mai sind die meisten Leute, die so etwas händeln könnten, anderwertig unter Vertrag, noch dazu vor einer WM-Saison. Das war eine der größten Schwierigkeiten, Topleute für solche Positionen zu gewinnen.

Das betrifft auch den Perspektivkader, wo wir stark gekämpft haben und noch Lars Lehmann für die Herren gewinnen konnten. Denn da gab's den Abgang von René Sommerfeldt, den wir als Chef-Techniker für das Weltcupteam gewinnen konnten - was eine super Lösung ist.

Ohne Top-Techniker keine Chance auf Spitzenplätze

Im Technikbereich haben wir eine neuralgische Stelle. Jeder weiß, dass man ohne Top-Ski keine Chance hat, vorne mitzulaufen. Allein das Wachsthema ist eine riesige Herausforderung und da bin ich wirklich froh, dass René Sommerfeldt mit der bewährten siebenköpfigen Mannschaft um Max Achatz und Jens Lautner das in Angriff nimmt. Generell was das eine der großen Hürden: Diese besten Leute in einer laufenden Saison zu finden, so dass wir schlagkräftig in die aktuelle Wettkampfsaison starten können.

Peter Schlickenrieder setzt also auf ein zuverlässiges Team. Das klingt aber auch nach ganz viel Koordination. Wie sieht ein typischer Arbeitstag des Langlauf-Bundestrainers aus: Viel Arbeit mit Sportlern an den Stützpunkten und im Training oder vor allem Organisation?

Schlickenrieder: Es ist vor allem Personalentwicklung, das ist die wichtigste Aufgabe, die ich bisher erkannt habe: Dass wir aus bisher gut funktionierenden Teilteams ein großes Ganzes entwickeln. Das heißt: Viele Gespräche führen, Verständnis schaffen, Vertrauen gewinnen und auf das Gesamtteam einschwören. Also einfach Dinge gemeinsam erarbeiten, damit jeder seine Fähigkeiten voll zur Geltung bringen und seinen Beitrag zum Vorwärtskommen beitragen kann.

"Viel geschafft, aber noch ein großer Berg vor uns"

Das geht vom einzelnen Athleten über den Trainer, Physio und Arzt bis zum Wachstechniker, die ihre Fähigkeiten dadurch noch optimaler zur Geltung bringen sollen. Es sind oft nur kleinste Details, die den Unterschied machen. Das bedeutet sehr viel miteinander reden, Meinungen austauschen, das natürlich in der Vorbereitung auch an den Stützpunkten, im medizinischen Bereich etc.. Einfach überprüfen: Wo haben wir noch Potenziale? Wo müssen wir vielleicht als Mannschaft noch näher zusammenrücken? Also ganz viel im Bereich "Team". Ich denke, in der kurzen Zeit haben wir viel geschafft. Aber es ist uns auch klar, dass noch ein großer Berg vor uns liegt.

Team und Teambuilding einerseits, in einem Interview hast Du aber auch betont, wie wichtig "Spaß" und eine "Riesengaudi" im Training sind. War die Stimmung im deutschen Langlauf-Team denn schlecht? Ging der Spaßfaktor verloren?

Schlickenrieder: Nein, ganz klar nicht. Die Athleten haben sich gut verstanden, die Techniker haben sich gut verstanden, die Trainer haben sich gut verstanden. Aber mir geht es natürlich darum, im Gesamten mehr Potenziale herauszuarbeiten. Es hat auch eine Gaudi gegeben, man muss das Rad nicht neu erfinden. Aber es sind oft die Kleinigkeiten, wo wir noch besser auf uns aufpassen können, wo wir es noch besser machen können.

Es sollte nicht jeder nur auf sein Thema konzentriert sein. Der Athlet trainiert, der Wachsler wachst, der Trainer trainiert, ist zu eindimensional. Im Endeffekt geht es darum: Wir alle müssen besser werden. Ein Athlet muss auch mal etwas sagen können, wenn ich beispielsweise bei einer Ansprache etwas überziehe, etwas zu drastisch formuliere oder einfach mal falsch gewickelt bin.

"Gaudi ist nicht gleich Team"

Offenheit, Vertrauen, Kritikfähigkeit, Feedbackkultur - daran wird gearbeitet. Aber es ist nicht so, dass das alles nicht da war. Und um es einmal klarzustellen: Gaudi ist nicht gleich Team. "Team" ist manchmal auch anstrengend - wenn man sich um andere kümmert, wenn man Dinge in Angriff nimmt, für die man verantwortlich ist. Dann heißt das auch: Arbeiten, sich einbringen - aber nicht nur, wenn man einen Nutzen für sich selbst hat.

Darauf haben wir uns alle verpflichtet und daran müssen wir weiter arbeiten. Der Fokus liegt auf konzentriertem Arbeiten. Aber mit dem Schuss Spaß - was in der richtigen Balance fast automatisch zum Erfolg führt.

Ohne Ernsthaftigkeit geht es auch perspektivisch nicht. Andreas Schlütter, der sportliche Leiter Langlauf im Deutschen Skiverband, hat gefordert, dass das Team bis zur Heim-WM 2012 in Oberstdorf wieder in der Weltspitze mitlaufen soll. Nur drei Jahre Zeit - realistisch oder sehr ambitioniert? Spürst du Druck?

Schlickenrieder: Wenn wir alles so weiterentwickeln, wie wir das erste halbe Jahr gestaltet haben, dann ist sehr viel möglich. Wieviel? Das ist schwer zu sagen. Es kommen Krankheitsfälle dazu, alle müssen motiviert bleiben, das Umfeld muss passen, es muss Infrastruktur entstehen, es geht um die Gesamtfinanzierung - man muss sehr viele Stellschrauben betätigen, um das alles zu gewährleisten.

Es wird ja nicht billiger, allein durch das dem Schnee "hinterherreisen". Erfolg, das ist klar, kostet am Ende des Tages auch Geld. Es gehört sehr viel mehr dazu, als seine Athleten nur sportlich weiterzuentwickeln.

"Druck aufbauen wäre der komplett falsche Weg"

Wenn wir so konzentriert mit dem Team weiterarbeiten wie im letzten halben Jahr, gehen wir die Schritte ganz automatisch. Druck aufbauen wäre der komplett falsche Weg. Wir haben viele Athleten in der Mannschaft, die das Potenzial und den Kopf dazu haben, erfolgreich zu sein. Das ist für mich Entscheidende: Schaffen wir's, dass wir so weiterarbeiten, das zarte Pflänzchen "Team" weiter pflegen und daraus diese unerschöpfliche Kraft schöpfen, um täglich besser zu werden?

Die Geld-Thematik trifft ja nicht nur den Weltcup-Kader, sondern vor allem auch die Nachwuchsförderung. Wie schaut's denn da aktuell aus in Deutschland? In anderen Sportarten, etwa Tennis, kam nach Graf, Becker und Stich Jahrzehnte nichts. Droht eine solche Situation auch im Langlauf? Sind Heim-WM-Medaillen 2021 nur eine Illusion?

Schlickenrieder: Das krempelt man nicht in so kurzer Zeit um. Wichtig ist, dass wir etwas verändert haben. Wir haben mit Bernd Raupach, der bisher mit der Nationalmannschaft unterwegs war, aus meiner Sicht einen perfekten Cheftrainer Nachwuchs, der genau weiß, wo's hapert. Er hat Reputation, Glaubwürdigkeit, kennt alle Bereiche.

Er stellt gemeinsam mit dem sportlichen Leiter Andreas Schlütter, den Stützpunkten und meinen Trainern die Weichen. Das braucht Zeit. Aber im Gesamten haben wir absolut Schlagkraft. Allgemein steht der gesamt Sport vor der Herausforderung, dass der Nachwuchs zig Ablenkungsmöglichkeiten hat und diese auch nutzt. Heute Kids oder generell Menschen zum Sport zu bringen, ist eine große Kunst.

"Langlauf ist eine geniale Sportart"

Aber ich bin überzeugt, dass wir mit Langlauf und allem was dazugehört eigentlich eine geniale Sportart haben. Man kann lebenslang Langlaufen, über Generationen hinweg, in verschiedensten Intensitäten mit einem extrem hohen Erlebnisgrad. Langlauf ist eine Lifetime-Sportart und so ziemlich die lässigste Form, unterwegs zu sein.

Aber das müssen wir wieder herausarbeiten: Dass es nicht nur um Erfolg geht, um schnell laufen. Sondern dass Langlauf eine Art und Weise zu leben ist. Das treibt mich schon mein ganzes Leben, diesen Spirit unter die Menschen zu bringen. Und als Teamchef haben ich mit dem ganzen Team um mich herum noch mehr Möglichkeiten, das in die Fläche zu bringen.

Deine Leidenschaft zum Langlauf scheint unbegrenzt. Es gibt schon Vergleiche mit Jürgen Klinsmann, der den Fußball mit unkonventionellen Methoden revolutioniert hat. Bist Du ein Klinsmann-Typ, der ungewöhnliche Methoden in den den deutschen Langlauf bringt?

Schlickenrieder: Das ist übertrieben. Ich würde da eher in Richtung Oliver Bierhoff denken. Ich habe gute Trainer. Ich bin ja nicht der, der am Ende am Mann oder Frau trainiert. Sondern ich schaue: Was ist wichtig, um erfolgreich zu sein? Sprich: Was brauchen meine Trainer, Betreuer, Umfeld und Athleten von mir oder von uns, damit sie erfolgreich arbeiten können?

"Ich bin niemand, der die Welt komplett neu erfindet"

Oft ist das Einfache, das Traditionelle - was vielleicht zuletzt nicht immer "cool" war - das, was am Ende zum Erfolg führt. Ich bin niemand, der die Welt komplett neu erfindet. Aber ich schaue genauer hin, und wenn ich sinnvolle Ideen entdecke, bin ich nicht zu bremsen. Wir werden besser beim Ball aufnehmen und Fragen stellen. Was müssen wir anpassen? Wo müssen wir einen Schritt voraus sein?

Aber auch: Was sind die guten Dinge, die wir schon haben? Unser Stützpunktsystem mit starken Stützpunkten wie Oberhof, Oberwiesenthal, Ruhpolding oder Oberstdorf gibt es auf der gesamten Welt kein zweites Mal. Nur haben wir eben es nicht so gepflegt, wie man es bei einem aufeinander aufbauenden System machen sollte, damit die Zahnräder optimal ineinander greifen. Das versuchen wir wieder zu reaktivieren.

Aber am Ende musst Du als Bundestrainer den Kopf hinhalten für Erfolg oder Misserfolg. Wie läuft das in der Praxis - Weltcup-Auftakt in Kuusamo: Redest Du bei der Kader-Nominierung mit oder vertraust Du dem Team?

Schlickenrieder: Da vertraue ich meinem Team komplett. A habe ich ein super Team und B halte ich den Kopf gerne hin. Ich habe eine starke Mannschaft am Start - Trainer, Athleten, Techniker - für die ich gerne den Kopf hinhalte. Das ist einmalig, das haben wir in dieser Konstellation noch nie gehabt. Wenn man da nicht was vorwärts bringt, dann weiß ich nicht wie. Besser geht's nicht. Jetzt müssen wir es einfach rausarbeiten. Ohne übertriebenen Druck und Drall, ganz normal Schritt für Schritt.

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Vervollständige bitte folgenden Satz: "Die neue Weltcupsaison wird für mich eine gute, wenn ..."

Schlickenrieder: ... sich jeder seinen persönlichen Fortschritt erarbeitet hat. Ohne Nervosität, ohne Zu-viel-Wollen in die Rennen geht. Ganz wichtig, gerade jetzt in Kuusamo: Nicht mit der Brechstange angreifen. Sondern verstehen: Wir haben eine Aufgabe, wir haben eine Saison mit dem Höhepunkt WM in Seefeld und einen großen Höhepunkt bei der Heim-Weltmeisterschaft 2021. Darauf bereiten wir uns Schritt für Schritt vor.

Und das heißt hier für den Weltcup-Auftakt: Gute Technik zeigen, Konzentration, nicht ablenken lassen, reinkommen, in den Wettkampfmodus finden, sich von Kilometer zu Kilometer in der Geschwindigkeit steigern - dann bin ich zufrieden.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg beim Weltcupauftakt!

Stand: 22.11.2018, 19:52

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