Biathlonbosse mit Zielwasser

Der neue IBU-Präsident Olle Dahlin

Bilanz des IBU-Kongresses

Biathlonbosse mit Zielwasser

Von Nick Butler und Hajo Seppelt

Der jährliche Kongress der Internationalen Biathlon Union endete mit einem Triumph Oberhofs. Das thüringische Sportzentrum bekam den Zuschlag für die WM 2023. Biathlon zeigt: Der adäquate Umgang mit Russland beschäftigt Sportfunktionäre mehr als die Sorgen ihrer Athleten.

Der Abstecher der Wintersportfunktionäre in das pitoreske kroatische Küstenstädtchen Porec im Spätsommer endete mit einem deutschen Triumph. Am Abschlusstag des Jahreskongresses der Internationalen Biathlon Union (IBU) erhielt das Land, das den Skijägern großzügig die Großsponsoren zuliefert, den Zuschlag für die Ausrichtung der Weltmeisterschaften 2023 in Oberhof. Die Wahl fiel eng aus, letztlich aber überzeugend: Oberhof, das mit seiner Bewerbung um die WM 2020 zuletzt an Antholz gescheitert war, sammelte 28 Delegiertenstimmen ein, Gegner Nove Mesto brachte es auf 21.

Der Weltsport befindet sich derzeit in einer kuriosen Ausgangslange. 30 Jahre des eher kontinuierlichen Wachstums liegen hinter ihm – der Professionalisierung und Explosion der Einnahmen aus den internationalen Übertragungslizenzen seit den Achtzigerjahren sei Dank. Natürlich hat es auch gelegentlich Rückschläge gesetzt und harte Debatten um grassierendes Doping und Korruption, aber im Großen und Ganzen rollte der Aufschwung ungebremst durch die Dekaden von 1990 bis in dieses Jahrzehnt. Noch immer bleiben große Sponsorenabschlüsse und Fernseheinnahmen lukrativ - doch das Umfeld unterliegt einem Wandel.

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Im Sog des Skandals

In der Öffentlichkeit wächst unaufhaltsam die Skepsis gegenüber Sportverbänden, die Rechenschaftspflichten verweigern. Die Bereitschaft, die verschwenderischen Exzesse der Funktionäre zu tolerieren, ist ebenso rapide gesunken wie das Vertrauen in Lippenbekenntnisse zu Themen wie Good Governance, Transparenz und primären Einsatz zum Athletenwohl.

Russland lieferte den Funken, der den Zünder auslöste, als die ARD-Dopingredaktion 2014 Beweise veröffentlichte zum großangelegten Doping in der Leichtathletik. Im Folgejahr geriet der Präsident des Weltverbandes (IAAF), Lamine Diack aus dem Senegal, in den Sog des Skandals, als Vorwürfe von Korruption im Zusammenhang mit Russland aufkamen. 2016 lernte die Welt den früheren Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors, Grigori Rodschenkow, kennen, der ein Whistleblower geworden war. Die Olympischen Winterspiele von Sotschi wurden von einem Skandal verschlungen, der das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) ins Mark traf.

Kleiner Erfolg

In diesem Jahr dann kam Biathlon an die Reihe. Der Norweger Anders Besseberg, Gründungspräsident der IBU seit 1993, und seine Generalsekretärin Nicole Resch mussten sich aus den Ämtern zurückziehen, obwohl sie den Vorwürfen, sie hätten Zahlungen bis zu 300 000 Dollar (243 000 Euro) und weitere Leistungen als Bestechungsgeld akzeptiert, energisch entgegentraten. Auf der Grundlage von WADA-Ermittlungen legte ihnen Österreichs Polizei zur Last, sich von Russland für eine entgegenkommende Behandlung des Krisenlandes honorieren lassen zu haben. Beachtlicherweise kam es also vorigen Samstag in Porec zur Wahl des erst zweiten Präsidenten in der Geschichte der IBU. Mit der nötigen Vorsicht  lässt sich der Kongress in Kroatien als kleiner Erfolg beschreiben. Der Wahlsieg des Schweden Olle Dahlin über die Lettin Baiba Broka zum neuen Welt-Biathlon-Boss folgte auf die Abstimmung, die die Fortsetzung der weitgehend symbolischen Suspendierung Russlands als Vollmitglied in der IBU besiegelte. Russische Athleten werden weiterhin unter ihrer Flagge an IBU-Veranstaltungen teilnehmen dürfen, aber Repräsentanten des Verbandes bleiben bei IBU-Zusammentreffen ohne Stimmrecht. Der größten Nation der Welt bleibt zudem untersagt, sich um die Ausrichtung von IBU-Wettkämpfen zu bewerben, so lange sie nicht die Auflagen der Welt-Anti-Doping-Agentur erfüllt.

Russland bleibt suspendiert

Die IBU-Entscheidungsfindung zu Russland liefert ein faszinierendes Musterbeispiel von den Funktionsweisen internationaler Sportpolitik. Delegierte aus Armenien, Georgien und Indien setzten sich für die Aufhebung der Sanktionen ein, während Grönland und Kanada für ihre Beibehaltung kämpften. Es wurde aufgeführt, dass Untersuchungen gegen vier weitere Russen eingeleitet worden seien wegen Dopings, nach Informationen der ARD auf der Grundlage des McLaren-Reports der WADA und einer aus dem Moskauer Labor stammenden Datensammlung. In der Wahl entfielen 29 Stimmen auf die Beibehaltung des Status Quo, 20 auf Russlands Reintegration, bei zwei Enthaltungen.

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Wie stets entschieden die Delegierten auf einer Grundlage, die weit über die Fakten hinausging. „Ich halte viel davon, die Sünde zu hassen, nicht den Sünder“, sagte der Inder Jagmohan Varma, Generalsekretär seines nationalen Verbandes, der ARD-Dopingredaktion, „wenn Sie sich die Topographie Russlands ansehen, finden Sie große Flächen, die zum Skifahren oder Biathlon einladen, sie außen vor zu lassen, würde eine Menge junges, aufstrebendes Potenzial gefährden. Die Leute, die Regeln gebrochen haben, sollten bestraft werden. Und wir müssen Systeme und Prozesse einführen, in denen Menschen es sich nicht leisten können zu dopen.“

Der Segen offener Wahlen

Klaus Leistner erklärte als Generalsekretär des Österreichischen Verbandes seine Unterstützung Russlands mit philanthropischen Motiven, sein Land trachte danach „Brücken zu bauen, nicht Gräben auszuheben“. Er sagte auch: „Wir haben die Reintegration unterstützt. Das ist auch unser politischer Ansatz. Österreichs Regierung unterstützt natürlich die Sanktionen als Teil der Gemeinschaft, tritt aber auch dafür ein, Brücken zu bauen. Das ist wichtig – Russland ist ein großes Land.“

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Wie vorherzusehen war, erhielt Russland auch Rückendeckung von seinen Verbündeten aus dem früheren Sowjetblock. Offizielle des russischen Verbandes beklagten nach der Abstimmung, wie schon der Modus Operandi das Ergebnis zu ihrem Nachteil beeinflusst habe: In der offenen Wahl per Handzeichen statt der geheimen Abstimmung seien ihnen manche Länder von der Fahne gegangen, weil sie aus politischen Gründen zu einem anderen Votum gezwungen worden seien. Die russischen Medien hatten zudem behauptet, dass die ursprünglichen Vorwürfe, die zum Sturz Bessebergs führten, von Rodschenkow erhoben worden seien. Andere taten das als reine Taktik ab, um die Geschichte für die heimische Öffentlichkeit zu diskreditieren.

Der Preis der Allierten

Viele andere Delegierten ließen sich von Anti-Doping- und rechtlichen Argumenten beeinflussen, um Russland weiterhin nur eingeschränkte Mitgliedschaft zuzubilligen. Es ist wahrscheinlich, dass weitere Altfälle von gedopten russischen Biathleten in den kommenden Monaten ans Tageslicht kommen. 

Die Präsidentenwahl hingegen wurde bestimmt von Gerüchten über beide Kandidaten. Brokas politische Haltung in Lettland, als Mitglied einer nationalistischen Partei, die die lettische Waffen-SS verehrt, ihre vermuteten Verbindungen zu Besseberg und dubiosen Gestalten aus der Vergangenheit des Biathlons wie Alexander Tichonow haben wohl Stimmen gekostet. Bestimmt herrschten Bedenken vor, sie könne nur als Marionette der alten Garde dienen, um deren Einfluss und Macht zu retten. Ihre Niederlage mit 12 zu 39 Stimmen fiel heftiger aus als erwartet. Viele begründeten das mit Dahlins größerer Erfahrung sowohl in geschäftlichen Belangen als auch im Sport. Länder wie Norwegen zeigten sich von keinem der Kandidaten sehr angetan, beschränkten sich dann aber darauf, den Teufel, den sie kennen, dem vorzuziehen, der ihnen fremd ist.

Dahlin fiel nicht gerade als geborener Redner auf, als er sich später der Presse stellte, aber da kann Routine helfen. „Er mag nicht gerade sehr charismatisch sein, aber dieser Mann steht für alles, das gut ist an unserem Sport“, sagte ein Delegierter. Eine altertümliche Regel, die zunächst dafür sorgte, dass Medien vom Kongress ausgeschlossen blieben, wurde am Tag nach Dahlins Wahl abgeschafft. Fortan durften die Medien von hinten das Treiben verfolgen. Als weitere Errungenschaft nahm die IBU einen Repräsentanten der Athletenkommission in ihren Vorstand auf, eine längst fällige Selbstverständlichkeit, auch vor dem Hintergrund der weitgehenden Abwesenheit von Athleten beim Kongress.

Kampf ums Geld

Es scheint mehr als ein reiner Zufall, dass ausgerechnet IAAF und IBU die einzigen olympischen Sportverbände aus Sommer wie Winter darstellen, die öffentlich Fälle gegen russische Athleten auf der Grundlage des McLaren-Reports und der Moskauer Labor-Datenbasis vorantreiben. Ganz offensichtlich ist die Beweislage komplex, aber womöglich benötigen einige andere Verbände auch einen Skandal, um eine ernsthaftere Anti-Doping-Politik zu betreiben.

Die IBU überschlägt sich nicht gerade dabei, ihre Anti-Doping-Aktivitäten der neuen internationalen Test-Agentur des Internationalen Olympischen Komitees zu übertragen, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass sie überredet wird, das wenigstens zu einem gewissen Teil vorzunehmen. Die Zuschüsse vom IOC bleiben eingefroren, bis die Biathleten nachweisen können, dass sie die nötigen Aufräumarbeiten geleistet haben. Gleichzeitig leidet die IBU, die noch immer keinen Finanzbericht veröffentlicht, darunter weit weniger, als es bei kleineren Wintersportverbänden der Fall wäre. Das liegt vor allem an den beträchtlichen Einnahmen aus den Übertragungslizenzen in europäischen Ländern wie Deutschland.

Gleichberechtigung der Geschlechter

Auffällig beim Kongress war zudem, wie wenig Fokus auf den Sport selbst gelegt wurde. Natürlich beherrschten Verbandsführung und Doping die Agenda und stellten andere Angelegenheiten in den Schatten, doch sollte den Funktionären auch daran gelegen sein, die Entwicklung ihres Sports, der außerhalb seines europäischen Kerngebiets um Relevanz und Anerkennung ringt, in den Vordergrund zu stellen.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter ließe sich auch dadurch vorantreiben, die Streckenlängen der Frauenrennen an die der Männer anzupassen. Das Preisgeld für die Athleten wird bei den Weltcups gesteigert, neue, potenziell spannende Massenstartrennen mit 60 statt 30 Startern werden getestet, aber dabei kann es kaum bleiben. Derlei Fragen treiben für gewöhnlich Funktionäre nicht besonders um, doch das neue Dahlin-Regime täte gut daran, sie zügig auf ihre lange Erledigungsliste zu setzen.

Der Biathlonsport bietet sich als treffliche Fallstudie an, um herauszufinden wie schlagkräftig ein Sport in seiner Gesamtheit Antworten finden kann auf die Herausforderungen sich rasch wandelnder Zeiten.

Stand: 09.09.2018, 21:41

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