Biathlons Neuer aus der alten Garde

Lassen die Biathleten die dunklen Zeiten hinter sich? Der Biathlon-Weltverband hat Olle Dahlin zum Präsidenten gewählt

Wahl des neuen IBU-Präsidenten

Biathlons Neuer aus der alten Garde

Von Nick Butler und Hajo Seppelt

Am Ende war es keine knappe Wahl, eher ein Erdrutschsieg. Der Schwede Olle Dahlin, zuletzt bereits vier Jahre lang Vizepräsident der Internationalen Biathlon-Union (IBU), ist am Freitag (07.09.2018) in Porec/Kroatien mit 39 Stimmen zum neuen Präsidenten des krisengeschüttelten Verbandes gewählt worden. Seine Herausforderin, die Lettin Baiba Broka, brachte es gerade einmal auf ein Dutzend Stimmen.

In einem mit Spannung erwarteten Abstimmungsmarathon um Posten und zukünftige Ausrichtung folgte eine weitaus engere Wahl zur Reintegration der Sündennation Russland: 29 Stimmen entfielen schließlich auf eine weitere Suspendierung der Russen in der IBU, 20 dagegen, bei zwei Enthaltungen. Österreich, Südkorea, Indien und Präsidentschaftskandidatin Brokas Letten wurden zu jenen Ländern gezählt, die in der offenen Abstimmung per Handzeichen dem größten Land der Welt den Rücken stärkten. Doch offensichtlich haben die Ermittlungen in vier weiteren Dopingfällen gegen russische Biathleten kurz vor der Wahl den Ambitionen des Putin-Staats im Biathlon den Rest gegeben.

Auslöser der schwersten Krise

Russische Athleten bleiben also weiterhin startberechtigt in den großen Wettbewerben, allerdings darf ihre Nation keine Wettbewerbe ausrichten, während die russische Anti-Doping-Agentur (RUSADA) weiterhin nicht den Anforderungen der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) genügt.

Nicht zuletzt gilt Russland schließlich als Auslöser der schwersten Krise in der Geschichte der IBU. Sie führte dazu, dass der frühere IBU-Boss Anders Besseberg aus Norwegen seine ein Vierteljahrhundert währende Regentschaft recht unrühmlich beenden musste: Besseberg und seine frühere Generalsekretärin Nicole Resch bestreiten jegliches Fehlverhalten, werden aber beschuldigt, bis zu 300.000 Dollar (243.000 Euro) und andere Annehmlichkeiten empfangen zu haben, um im Gegenzug das Land in allen Belangen, auch bei Dopingproben, wohlgefällig behandelt zu haben.

Das Duell der beiden Präsidentschaftskandidaten war von einigen Kontroversen eingefärbt. Beide Bewerber um das Amt frönten Lippenbekenntnissen zu den allseits üblichen Tagesordnungspunkten: Good Governance, der verantwortungsbewussten Verbandsführung nach ethischen Prinzipien, sowie Transparenz. Allerdings wurden sie recht rasch umgeleitet in eine Welle von Gerüchten und Vorwürfen.

Kleinere Nationen alimentiert

Der Mann, der Biathlon in die Moderne führen soll: Schwedens Olle Dahlin.

Der Mann, der Biathlon in die Moderne führen soll: Schwedens Olle Dahlin.

Dahlin, als Vize ein treuer Besseberg-Weggefährte, wurde von der Opposition als ein Relikt aus alten Zeiten gebrandmarkt, das womöglich unfähig wäre, den schwer angeschlagenen Verband zu reanimieren. Dahlin behauptete, er habe keine Regeln verletzt, als der von ihm angeführte schwedische Biathlon Verband beschuldigt wurde, kleinere Nationen zu alimentieren bei Reisen und Seminarbesuchen zu der Zeit, als sein Biathlon-Zentrum Östersund sich – letzlich erfolgreich – um die WM 2019 bewarb.

Broka andererseits sah sich mit schwerer Kritik wegen ihrer politischen Rolle in Lettlands rechter Partei Nationale Allianz konfrontiert, für die sie 2014 für kurze Zeit gar als Justizministerin ins Kabinett einrücken durfte. Zudem fiel es ihr schwer, dubiose geschäftliche wie auch fragwürdige private Kontakte zu Russland-nahen Kreisen zu erklären. Ihre Zeit in der Regierung endete rasch unrühmlich, als ihr der Verfassungsschutz die Geheimnisfreigabe verweigerte und sie in der Folge zurücktreten musste. „Diese Gerüchte werden vor jeder Wahl von der politischen Gegnerschaft benutzt“, klagte Broka, und dass der Fokus nie auf ihre wirklichen Zukunftsvorstellungen im Biathlon gerichtet worden sei.

Spektakulär vom Kurs abgekommen

Charmant, aber letztlich zu unerfahren: Lettlands unterlegene Kandidatin Baiba Broka.

Charmant, aber letztlich zu unerfahren: Lettlands unterlegene Kandidatin Baiba Broka.

Noch mehr gereichten ihr die vermeintlichen Verbündeten zum Nachteil: Einige der der umstrittensten Figuren der Biathlon-Szene wurden – letztlich ohne abschließenden Beleg – ihrem Lobbyvolk zugerechnet. Alexander Tichonow, einer der russischen Top-Funktionäre, der kurzfristig zu Georgien übergelaufen war, stand im Verdacht, einer von Brokas wichtigsten Lobbyisten zu sein, bevor er spektakulär kurzfristig vom Kurs abkam und schließlich beide Kandidaten schwer unter Feuer nahm. Letztlich verzichtete er auf die Kongressteilnahme, aufs Schärfste bestreitend, das russische Offizielle ihm in die Parade gefahren seien, weil sie ihn als verurteilten Mordkomplott-Teilnehmer als Belastung betrachteten.

Auch der abtretende Biathlon-Zar Besseberg, mehr aus dem Amt vertrieben, als gegangen, hat erst unter den früheren Vorstandskollegen die Stimmungslage darüber erkundet, ob er in Porec persönlich auftreten sollte, nachdem er im Ruch stand, die Kandidatin Broka fleißig gefördert zu haben. Letztlich ist er doch nicht in Kroatien eingetrudelt – freilich nicht ohne einen Brief zu überstellen, der zu Beginn des Kongresses feierlich verlesen wurde, um seine Abwesenheit zu erklären. Er bestritt jegliches Fehlverhalten und kritisierte, dass „persönliche Interessen und Ziele“ letztlich „wichtiger“ gewesen seien, „als zum Wohle unseres Sports zu agieren“.

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Reise ins Ungewisse

Allerdings waren keinerlei Beschwerden über das Fehlen einer der Funktionäre zu vernehmen, während die Delegierten beim Aperitif vor dem Kongress an ihrem Wein nippten und zu Melodien von Chuck Berry und Johnny Cash hin- und her wippten.

Beim Kongress blieben beiden Kandidaten exakt fünf Minuten, ihre Vorzüge herauszuarbeiten. Broka vertraute auf ihren Charme und referierte emotional ihre Herkunft und ihre Liebe zum Sport. Beobachter sagten, Dahlin fühlte sich im öffentlichen Auftritt weit weniger wohl, zeugte aber von einer technokratischen Kompetenz als Geschäftsmann, als er ein Bild seiner künftigen Verbandsführung entwarf.

„Es ist Vertrauen, das dir Wahlen im Sport gewinnt“, sagte ein Delegierter. Und es schien, als habe die Lettin dem Wahlkongress zu sehr als eine Reise ins Ungewisse angemutet. Sie hat weit weniger Zeit in Kroatien aufgewendet, um sich unter das Wahlvolk zu mischen und wirkte zu unerfahren in einem Umfeld, das sehr auf Vertrautheit setzt. Alpine Skiverbände, die Biathlon mitvertreten, trafen sich zu Vorabsprachen, um zu gemeinsamen Positionen zu kommen. Broka glaubt, dass ein großer Teil dieses Blocks sie unterstützt habe, während sie die Rückendeckung von Russlands Alliierten eingebüßt habe durch ihren Standpunkt in der Wahl zuvor: „Als Jurist konnte ich nicht dafür stimmen, Russlands Suspendierung aufzuheben“, sagte sie, „es gibt noch immer keinen Nachweis, dass sie die Voraussetzungen erfüllt haben.“

Deutscher Steinle im Vorstand

Die Anhänger Dahlins bezeugten, er sei ein Kritiker des Besseberg-Regimes gewesen. Und er wird zahlreiche Verbündete in seiner Schlacht mitführen, mit der Vergangenheit zu brechen. Nachdem Viktor Maigurow – ein russischer Vizepräsident, der nun recht plötzlichlich Weißrussland repräsentierte – zu drei späten Rückziehern zählte, wurde Jiri Hamza, energisch auftretender Delegierter aus Tschechien, zum ersten Vize-Präsidenten gewählt.

Während der Amerikaner Max Cobb mit den meisten Stimmen in den künftigen Vorstand der IBU gewählt worden ist, darf sich auch der Boss des Deutschen Ski-Verbandes, Franz Steinle, freuen, künftig auf höchster Ebene im Biathlon mitreden zu dürfen. Derweil galt die Wiederwahl von Österreichs Klaus Leistner als Triumph der Gestrigen-Fraktion. Broka und Maigurow zählten auch zu den Verlierern der Vorstandswahlen, mit allen Kandidaten aus Asien.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wird sich nun in Ruhe die weitere Entwicklung der in Ungnade gefallen Biathleten weiter ansehen, bevor es die zuletzt gesperrten Geldflüsse wieder freigibt. Sportdirektor Kit McDonnell jedenfalls hat das Treiben in Porec aufmerksam verfolgt. Weniger erfolgreich waren die Medien: Von dem Verband, der sich Transparenz auf die Fahnen geschrieben hat, waren sie für die gesamte Tagung ausgeschlossen worden. Nicht nur die Musik zum Aperitif schien irgendwie aus der Zeit gefallen.

Ja keine Informationen durchsickern lassen

Sogar der sonst extrem umstrittene Fußball-Weltverband (FIFA) oder gar der Internationale Schwimmverband (FINA) übertragen ihre Kongresse für Medienvertreter auf Leinwände vor Ort. So etwas zu unterlassen, wirkt, als stecke Biathlon noch in einem anderen Jahrhundert fest. Die IBU schiebt alles auf ihre Satzung, die Änderungen bedürfe, obwohl beim Kongress wieder die Delegierten gemahnt wurden, ja keine Informationen durchsickern zu lassen. Viel Bohei etwa wurde um den Finanzbericht veranstaltet, der dem Kongress vorgelegt, aber nicht veröffentlicht wurde. Dahlin schwor, die nun fälligen Neuerungen, baldmöglichst umsetzen zu wollen.

„Wir segeln das Biathlon-Schiff nun in ruhigere Gewässer“, sagte ein Delegierter. Allerhand Testwellen liegen vor dem Verband. Es wird spannend zu beobachten sein, ob einer der rückständigsten Sportverbände der Welt wahrhaft modernen Zeiten entgegen geht, indem er sich zum Guten wandelt.

Stand: 08.09.2018, 11:40

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