"Großes geleistet": Eis-Präsident Große trotz fehlender Unterstützung voll des Lobes

Matthias Große

"Großes geleistet": Eis-Präsident Große trotz fehlender Unterstützung voll des Lobes

Matthias Große hat nach sechs Monaten als DESG-Präsident ein positives Fazit seiner Arbeit gezogen. Nach Sportschau-Informationen versinkt der Verband aber im administrativen Chaos.

Der neue "starke Mann" der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) sprach entschlossen in sein Mikrofon. Er saß allein an seinem Tisch, Corona will es so, umringt nur von Werbebannern, Verbandslogos und Namensschild. Also übernahm Matthias Große das Schulterklopfen einfach selbst. "Es ist sicherlich ganz, ganz Großes geleistet worden", sagte der DESG-Präsident, als er ein Fazit seiner sechsmonatigen Amtszeit zog.

Großes Schulter-Klopfen von Große

Die DESG sei stark geworden. "Wir haben den Patienten, der im Koma lag, aus der Intensivstation herausgeholt", sagte Große: "Der Tanker ist auf Kurs." Rund 15 Minuten sprach der Berliner Unternehmer und Lebensgefährte der fünfmaligen Olympiasiegerin Claudia Pechstein am Freitag in einer Videobotschaft, die an Unterstützer und Kritiker gleichermaßen gerichtet war. Große hob die finanzielle Stabilisierung des Verbandes hervor. Die DESG sei in der Lage, die nächsten zwei Jahre zu überleben: "Das ist die Haupt-Message."

Doch Große hatte noch eine zweite, nicht minder wichtige Botschaft: Zu dem von ihm vorgegeben Kurs gebe es keine Alternativen. "Wir haben gelernt, dass der Weg, den wir gehen, kompromisslos und geradlinig sein muss", sagte der 53-Jährige: "Wir wollen Leistungssport machen und nicht dafür sorgen, dass eine Wohlfühl-Komfortzone eingerichtet wird. Das funktioniert in diesem Verband nicht." Glaubt man Zweiflern seiner Arbeit, funktioniert in der DESG unter Große so manches nicht.

Kritik aus der Trainerriege

Der Führungs- und Kommunikationsstil unter der neuen Spitze wird bemängelt, die Shorttracker fühlen sich abgehängt, auch die von ihm angekündigten Strukturänderungen sorgen intern für Irritation und personellen Aderlass. Jüngst verkündete Ex-Sprinterin Jenny Wolf ihren Rücktritt als Bundestrainerin nach nicht einmal drei Monaten im Amt - dabei war sie Großes "Wunschkandidatin". Sie begründete ihren Abschied vor allem mit dem "alternativlosen" und "sehr harten und geradlinigen Kurs" der neuen Verbandsführung.

Auch Katrin Bunkus, 2010 Team-Olympiasiegerin, zieht sich zurück. Sie wird ihr Amt als Leiterin des Bundesstützpunktes Berlin über das Jahresende hinaus nicht fortsetzen. "Der neue Kurs der Verbandsführung ist mir trotz mehrfachen Nachfragens nie erläutert worden", wurde sie in der SZ zitiert. Konzeptionen des DOSB und Vorgaben des BMI bildeten die Grundlage ihrer Arbeit zur professionellen Unterstützung der Bundeskader: "Die seitens der Verbandsführung getroffenen Entscheidungen zum Aufgabenbereich der Leitung des Bundesstützpunkts Berlin entsprechen meiner Meinung nach diesen Vorgaben nicht. Das macht meine Arbeit unmöglich."

Sportler ein Jahr lang komplett ohne Wettbewerbe?

Die Eisschnellläufer haben aktuell keine Bundestrainer und dazu droht ein Jahr komplett ohne Wettbewerbe. Für den internationalen Rennkalender hofft man auf die Wettbewerbe in Heerenveen Anfang des nächsten Jahres, doch auch die sind wegen der Corona-Pandemie noch ungewiss. "Eine Sportart ohne Wettkämpfe - das ist ein absurder Anfang. Wir haben ein riesengroßes signifikantes Problem. Die Sinnhaftigkeit von Wettkämpfen, die irgendwo auf der Welt stattfinden, wo nur die Hälfte der Sportler anreisen kann, ist zu hinterfragen. Das macht gar keinen Sinn", sagte außerdem der DESG-Präsident.

Pikant: Selbst wenn die aktuelle Lage es zulässt, bekommen die deutschen Eis-Athleten bislang keine Unterstützung vom Verband. Das Bundesministerium des Inneren erklärte auf Sportschau-Anfrage, dass finanzielle Unterstützung zwar angeboten, vom Verband allerdings nicht beantragt wurde - ebenso wie die Mittel für Co- oder Nachwuchstrainer. Allerdings stelle Große jedem Sportler frei, an den geplanten Wettkämpfen in der Blase teilzunehmen. Die Gesundheit jedes Einzelnen gehe aber vor, "wir erlauben keinerlei Situationen, die die Gesundheit gefährden."

Trainer, die laut eigenen Aussagen in der SZ nicht bezahlt werden, Athleten, die nicht dabei unterstützt werden, an der einzigen Wettbewerbsmöglichkeit des Jahres teilzunehmen - das klingt nicht gerade nach einem erfolgreichen Fahrplan für den "Weg aus der Krise".

Eisschnelllaufsaison voller Ungewissheit

Die Eisschnellläufer sehen sich etwas mehr als ein Jahr vor den Olympischen Winterspielen in Peking wieder mit Ungewissheiten konfrontiert. Vor allem der Abschied von Wolf als Kopf einer neuen Trainerkommission hinterlässt Fragen der Zuständigkeit für die Athleten. Große will das Problem beseitigen. "Wir werden alles dafür tun, eine Lösung zu finden, die uns definitiv bis Olympia 2022 bringt", sagte er. Konkret wurde er dabei nicht.

Im Moment ist beim Verband nicht etwa die Stelle des Bundestrainers ausgeschrieben, sondern die eines Buchhalters - den scheint die DESG auch dringend zu brauchen.

Sportschau/SID | Stand: 18.12.2020, 12:32

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