Nur der Blick über den Tellerrand bringt glorreiche Eissschnelllauf-Zukunft

Ralf Scholt

ARD-Experte Ralf Scholt im Interview

Nur der Blick über den Tellerrand bringt glorreiche Eissschnelllauf-Zukunft

Eisschnelllaufen hat in Deutschland eine große Tradition. Doch die glorreichen Zeiten gehören der Vergangenheit an. Der nationale Verband war dieses Jahr fast acht Monate führungslos. Die Top-Athleten trainieren für sich, den Nachwuchs gilt es für die Sportart zu gewinnen. Auch dafür wird Geld benötigt. Düstere Aussichten oder doch Licht am Ende des Tunnels? Wie es um die Zukunft des deutschen Eisschnelllaufens bestellt ist, wollten wir von ARD-Experte Ralf Scholt wissen.

sportschau.de: Die Eisschnellläufer sind am Wochenende in die Weltcup-Saison gestartet. Wie bewerten Sie die Leistungen?

Ralf Scholt: Für mich ist es ein geglücktes Weltcup-Wochenende. Auch wenn nicht alles zu einhundert Prozent aufgegangen ist, haben sich die verlässlichen Kräfte so präsentiert, wie man das erwarten konnte. Es gab kleine Ansätze von Leuten aus der zweiten Reihe, die sich verbessert haben. Es ist noch kein großer Wandel seit den Olympischen Spielen, eine Neu-Ausrichtung und -Strukturierung ist noch nicht zu sehen.

sportschau.de: Welche Leute aus der zweiten Reihe haben sich hervorgetan?

Scholt: Das sind Leute, die sich bei den deutschen Meisterschaften schon gut präsentiert haben. Zum einen Felix Maly, der sowohl über 5000 als auch über 10000 Meter die Qualifikation für die Weltcups überhaupt zum ersten Mal geschafft hat. Zum anderen Sprinter Hendrik Dombek, der in Japan über 1000 Meter die besten Zeiten seiner Karriere erreicht hat. Joel Dufter ist von den Etablierteren mit 23 Jahren mit Abstand der Jüngste. Er ist über 1000 Meter Sechster geworden und war in seiner gesamten Karriere bislang überhaupt nur einmal besser. Da war das Feld allerdings nicht so stark besetzt. In Japan war die komplette Weltelite am Start. Sonst gucken immer alle nur auf die etablierten Namen Patrick Beckert, Nico Ihle und Claudia Pechstein. Doch auch die jungen Leute muss man herausstellen.

sportschau.de: Der deutsche Eisschnelllauf-Verband hat einen neuen Sportdirektor. Was macht Matthias Kulik anders als sein Vorgänger?

Scholt: Das kann man noch nicht beurteilen. Es war wichtig, dass die Stelle des Sportdirektors mit Matthias Kulik neu besetzt worden ist. Es hat zu lange gedauert, was aber auch mit den strukturellen Veränderungen im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und der Mittelzuwendung des Bundesinnenministeriums zu tun hatte. Da gibt es immer noch große Unsicherheiten.

Kulik kommt aus dem inneren Zirkel, er ist lange im Verband tätig, kennt die Strukturen und hat Verbindungen zu den entsprechenden Bundesorganisationen. Er kommt allerdings aus dem Shorttrack, der sich in den Strukturen vom Eisschnelllauf unterscheidet. Daher wird er erst einmal eine Lernphase haben, die er schnell überstehen muss. Kulik muss schließlich Impulse auf die gesamtsportliche Entwicklung geben und Ansprechpartner bei Problemen sein.

Große Aufgaben für den Deutschen Eisschnelllauf-Verband Sportschau 18.11.2018 02:05 Min. Verfügbar bis 18.11.2019 Das Erste

sportschau.de: Was trauen Sie dem neuen Sportdirektor zu?

Scholt: Ich traue ihm zu, dass er strukturell Wege ebnet und auch Optionen anbietet. Kulik wird auch deutlich mehr Kommunikation anbieten, was von den Athletinnen und Athleten immer wieder als Manko genannt wurde. Mittelfristig muss der Eisschnelllauf-Verband eine klare sportliche Linie verfolgen.

Man sollte auch die Perspektive nicht so weit setzen. Momentan wird schon von 2026 und 2030 gesprochen. Das ist ein ganzes Leistungssportlerleben. Der Verband muss sich mit Zielen auseinandersetzen. Dazu muss aber auch die Cheftrainer-Position wieder besetzt werden.

sportschau.de: Kulik hat gesagt, der Verband wolle mit Blick auf 2022 oder gar 2026 verstärkt auf den Nachwuchs setzen. Wie sichtet der Verband Nachwuchssportler und gibt es überhaupt genügend Kinder, die sich für Eisschnelllauf begeistern?

Scholt: Es gibt keine andere Option. Die Fachkräfte, die aktuell in der Weltspitze sind, sind alle älter als 30 Jahre. Der Verband muss also Alternativen aus dem Nachwuchs generieren. Dafür müssen junge Leute dazu bewegt werden, Eisschnelllauf toll zu finden. In den Leistungszentren wie Inzell oder Erfurt klappt das schon gut.

Aber man muss auch Potentiale beispielsweise aus der Inline-Szene erschließen. Diese Orientierung hat der Verband in den letzten zehn Jahren vernachlässigt. Man sieht in den Biographien anderer Nationen, dass die aufstrebenden Kräfte Inlineskater waren. In den Niederlanden betreiben viele Athleten beide Sportarten.

sportschau.de: Nach der Sportreform bekommt der Verband noch weniger Geld. Ist eine Talententwicklung damit überhaupt möglich?

Scholt: Es ist möglich, wenngleich die finanzielle Situation ein großes Problem ist. Die Verantwortlichen im Präsidium müssten sich Gedanken machen, wie es eine zusätzliche finanzielle Ausstattung geben kann. Zum einen müssen alle finanziellen Töpfe beim DOSB, Bundesinnenministerium und den Landessportverbänden angezapft werden. Zum anderen müssen Sponsoren akquiriert werden. Dazu muss man beispielsweise schauen, welche Figuren den Verband nach außen strahlen lassen.

sportschau.de: Nun liegen die großen Erfolge im Eisschnelllauf eine Weile zurück. Bedeuten weniger Erfolge auch weniger Geld für die Entwicklung und damit weniger Chancen auf große Erfolge?

Scholt: Nein. Die negative Berichterstattung in den deutschen Agenturen ist ein Grund, warum der Eisschnelllaufsport so schlecht betrachtet wird. Man bekommt den Eindruck, als hätten die Athleten in den letzten Jahren nichts gewonnen. Das stimmt nicht. Richtig ist, dass bei Olympia in Pyeongchang keine Medaillen gewonnen wurden. Die Frage ist, ob Leistungssport in Deutschland ausschließlich das Holen von Medaillen ist.

Mit 46 die schnellste Deutsche über 5.000 m: Claudia Pechstein.

Mit 46 die schnellste Deutsche über 5.000 m: Claudia Pechstein.

Wenn man einen Top-Ten-Platz nicht mehr als sportlichen Erfolg deklariert, kann man die Anti-Doping-Diskussion einstellen. Es ist Weltklasse, wenn man der siebtschnellste Mensch auf Eisschnelllaufschuhen ist. Zudem wurden bei den vergangenen Europameisterschaften und Weltmeisterschaften je drei Medaillen gewonnen. Der Verband hat weniger Geld bekommen, weil die Potentialanalyse nicht mehr hergibt. Es sind weiterhin Pechstein, Beckert, Ihle oder Dufter, die Medaillen gewinnen könnten.

sportschau.de: Franziska Schenk hat am Samstag (17. November) in der ARD gesagt, dass sich die Top-Athleten vom Eisschnelllauf-Verband nicht mehr so gegängelt fühlen. Woran kann man das festmachen?

Scholt: Ich bin überrascht, wie stark dieses Motiv von den Athletinnen und Athleten immer wieder genannt wird. Es ist bekannt, dass es zwischen den Spitzenkräften und dem Sportdirektor in den letzten Jahren Probleme gab. Bei den Olympischen Spielen herrschte eine leistungsmindernde Stimmung. Dass es immer noch so nachwirkt, zeigt einfach, wie groß die Leidenszeit gewesen sein muss. Es ist gut, dass Matthias Kulik neu in diesen Bereich kommt.

sportschau.de: Werden die Top-Athleten vom Verband gefördert oder brauchen sie private Sponsoren, um den Winter zu finanzieren?

Scholt: Der Verband hat eine angespannte Finanzlage. Keiner der Top-Leute könnte den Sport ohne private Sponsoren so professionell ausüben. Es sind viele Töpfe wie Landesverbände, Stützpunkte oder die Sporthilfe, die an einer Mischfinanzierung beteiligt sein können. Patrick Beckert ist sehr stark mit einem regionalen Sponsor in Erfurt verhaftet. Der Verband muss weiter sehen, wo man Potentiale bzw. Geld nutzen kann. Diese Kenntnis hat Matthias Kulik.

sportschau.de: Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Top-Athleten in den privaten Teams aus?

Scholt: Der Begriff Team klingt immer gleich so groß. Bei Beckert und Ihle bestreiten jeweils die Brüder das tägliche Training mit. Die beiden arbeiten ohne Trainer und leben von den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Zudem gibt es einen intensiven Austausch der Athleten, beispielsweise über die Trainingsmethoden in den Niederlanden. Claudia Pechstein sucht auch immer wieder internationale Trainingspartner. Frauen werden im Training mit Männern verbessert, weil sie im Windschatten höhere Geschwindigkeiten erzielen können.

sportschau.de: Was ist für Sie die Hauptursache, dass Deutschland nach den goldenen Jahren mit Gunda Niemann-Stirnemann, Anni Friesinger und Claudia Pechstein den Anschluss an die Weltspitze verloren hat?

Scholt: Der Unterschied zu den ganz großen Zeiten mit diesen drei Namen ist, dass zwei einfach nicht mehr da sind und der andere nur noch in Teilen in der Lage ist, in die Weltspitze vorzustoßen. Wenn eine Sportart überragende Talente verliert, geht eine Individualsportart auch mal durch Täler. Als Graf, Becker und Stich aufgehört haben, hatte Deutschland jahrelang nichts im Tennis. Nach mehr als 15 Jahren sind nun Namen wie Kerber oder Zverev in der Weltspitze angekommen.

Im Shorttrack hatte Deutschland vor Anna Seidel niemanden, der international konkurrenzfähig war. Sie ist schon länger dabei und jetzt auch in der Lage, ganz oben anzuklopfen. Hinter ihr lauern aber keine anderen zehn Talente. Im Eisschnelllauf wurde in den besten Zeiten keine erfolgreiche Struktur in der Nachwuchsförderung aufgebaut. Auch der internationale Trend in Sachen Trainingsmethodik oder Trainingswissenschaft wurde nicht ausreichend verfolgt.

Eisschnelllauf - Patrick Beckert will wieder angreifen Sportschau 18.11.2018 01:29 Min. Verfügbar bis 18.11.2019 Das Erste

Mit Ralf Scholt sprach Felix Thiel.

Stand: 20.11.2018, 10:26

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