Eisschnelllauf in Deutschland – besser als sein Ruf?

Eisschnelllauf-Weltcup in Erfurt

Vor den Eisschnelllauf-Meisterschaften in Inzell

Eisschnelllauf in Deutschland – besser als sein Ruf?

Von Dirk Hofmeister

Keine Podestplätze, ein führungsloser Verband ohne Sponsor und ohne Stützpunkttrainer – Eisschnelllaufen in Deutschland glänzt derzeit nicht gerade mit Positivnachrichten. Aber stehen die Kufenflitzer wirklich so schlecht da? Eine Bestandsaufnahme zum Saisonbeginn.

Am heutigen Freitag (08.11.2019) beginnt für die deutschen Eisschnellläufer die neue Saison mit deutschen Meisterschaften in Inzell. Eine Standortbestimmung für die deutschen Kufenflitzer, bis Sonntag werden hier die Tickets für die Weltcup-Saison vergeben.

Internationale Stars in Inzell

Die Normen zur Weltcup-Qualifikation wurden teilweise noch mal angezogen, zudem müssen sich die Deutschen erstmals bei einer Deutschen Meisterschaft mit der internationalen Konkurrenz messen. Und weil internationale Stars wie der Belgier Bart Swings, Österreichs Weltmeisterin Vanessa Herzog oder die tschechische Dauerbrennerin Martina Sablikova mutmaßlich auch in Inzell vor den deutschen Startern landen werden, scheinen die Schlagzeilen vorprogrammiert: Der deutsche Eisschnelllauf in der Krise.

DESG gibt desolates Bild ab

Auf den ersten Blick ist das Bild stimmig: Sportlich und sportpolitisch: Auf dem Eis haben es die besten Deutschen Nico Ihle, Patrick Beckert und Claudia Pechstein im vergangenen Winter nicht ein Mal bei Weltcups oder Titelkämpfen aufs Podest. Am Rande des Eisovals sieht es fast noch schlimmer aus. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) steht derzeit führungslos da, weil die Präsidentin Stefanie Teeuwen nur einen Tag vor den Titelkämpfen hingeworfen hat. Der Verband hat zudem keinen Hauptsponsor, in den traditionellen Hochburgen Inzell und Berlin fehlen Stützpunkttrainer. Dazu flammt immer wieder Streit mit Claudia Pechstein auf, aktuell liegt die 47-Jährige mit Erik Bouwman quer und trainiert nun in Polen.

Sportdirektor Kulik: Drehen jeden Stein um

Matthias Kulik, neuer Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESG

Kulik: "Prozess der Neuausrichtung"

Die DESG gibt in der Öffentlichkeit also gerade kein gutes Bild ab. Und auch Eisschnelllauf-Sportdirektor Matthias Kulik räumt im Gespräch mit sportschau.de ein: "Ja, wir sind nicht in der besten Situation. Wir sind im Prozess der Neuausrichtung. Wir drehen jeden Stein um. Und dieser Prozess dauert an."

Kulik: System Bouwman/Leger wirkt

Eisschnelllauf - Erik Bouwman

Erik Bouwman (Archivbild)

Dennoch wirbt Kulik für seinen Sport und für Geduld in der Öffentlichkeit: "Der Verband ist im Umbruch. Mit Erik Bouwman und Danny Leger haben wir eine Bundestrainer-Doppelspitze geschaffen. Erik Bouwman bringt internationale Expertise mit. Ich bin sicher: Das System Bouwman/Leger wirkt." Zumindest mittelfristig. "Für den kommenden Winter werde ich keine Podestplatz-Ziele ausgeben. Unsere Vorgabe sind Top-8-Platzierungen. Unsere Neuausrichtung ist auf Olympia 2022 ausgelegt." In Peking soll Wiedergutmachung für die medaillenlosen Spiele von 2018 betrieben werden. Und auch ARD-Kommentator Ralf Scholt sagt: "Der deutsche Eisschnelllauf ist besser als sein Ruf, befindet sich aber noch mitten im Umbruch."

Nationalmannschaft statt Einzel-Trainingsgruppen

Nico Ihle

Ihle trainiert mit der Nationalmannschaft

Was hat sich konkret geändert unter Bouwman/Leger? "Wir sehen die Zukunft in einer Nationalmannschaft statt vielen Einzel-Trainingsgruppen - das ist unsere Philosophie", so Kulik. "Jeder Sportler soll einen individuellen Weg gehen, fest integriert in einer Nationalmannschaft. Wir wollen, dass die internationale Expertise nach Deutschland kommt und nicht, dass unsere Sportler ins Ausland gehen." Viele persönliche Gespräche mit den Athleten und Coach Leger sollen dafür sorgen, dass die Individualität der Sportler nicht zu kurz kommt. Als ersten Erfolg wertet es Kulik, dass Ihle, der zuletzt in Chemnitz mit seinem Bruder Denny eine Zweier-Trainingsgruppe bildete, den Sommer zumeist mit der Nationalmannschaft verbrachte. Profitiert hätten davon vor allem die jungen Sportler.

Scholt: Es klafft ein Generationenloch

Ralf Scholt

Ralf Scholt: "Zeichen der Zeit verschlafen"

Die Ansätze sieht auch Scholt, der den Verband dennoch kritisiert: "Hinter Pechstein, Ihle und Beckert klafft ein Generationenloch." Der Verband habe es verpasst, hinter den drei Etablierten und einem sehr talentierten aber noch sehr jungen Nachwuchs eine leistungsstarke Zwischengeneration aufzubauen. Bedauerlich sei laut Scholt dabei vor allem, dass Leistungsträger aus dem Inline Skating nicht für den Eisschnelllauf gewonnen werden konnten. "Andere Länder sind da weiter. In Deutschland hat man die Zeichen der Zeit verschlafen." Tatsächlich war eine bereits 2008 durch den Deutschen Olympischen Sportbund verabschiedete Erklärung zur Synergiefindung beider Sportarten bisher ein Papiertiger.

Inline-Skater wechseln aufs Eis

Inline skating - Mareike Thum (GER), Jenny Peißker (GER), Dalia Soberanis (GTM) and Vanessa Herzog (AUT)

Inline-Skaterin Mareike Thum (re.) startet in Inzell.

Das soll sich laut Kulik nun ändern. "Mit Mareike Thum und Simon Albrecht nehmen jetzt in Inzell gleich zwei international sehr erfolgreiche Inline-Skater an den Eisschnelllauf-Meisterschaften  teil." Die 28-jährige Thum ist u.a. World-Games-Goldmedaillengewinnerin und Weltmeisterin, der 24-jährige Albrecht gewann bei den World Games Bronze und ist Weltmeister. "Mit unserem neuen Konzept wollen wir näher an die Inline-Szene ran", so Kulik.

Hochtalentierter aber noch zu junger Nachwuchs

Und der Nachwuchs? "Da gibt es eine Handvoll Talente und zwei Sportler, die etwas herausstechen: Lukas Mann und Victoria Stirnemann", erklärt Scholt. Mann gewann in diesem Jahr bei der Junioren-WM Gold – das erste Gold für einen deutschen Sportler seit Anni Friesinger 1996. Und Victoria Stirnemann, Tochter von Legende Gunda Niemann-Stirnemann soll auf dem Eis bereits schneller als ihre prominente Mutter unterwegs sein. Doch: Mann ist erst 20, Stirnemann 17. Sie gehen in Inzell an den Start, müssten allein für die Weltcup-Qualifikation ihre persönlichen Bestzeiten um mehrere Sekunden verbessern.

Sportliche Hoffnung und Nachholbedarf beim Verband

Ihle, Beckert, Pechstein, Weltklasse-Inline-Skater, ein hochtalentierter Nachwuchs - sportlich steht das deutsche Eisschnelllaufen steht vermutlich tatsächlich besser da als sein Ruf. Der Teeuwen-Rücktritt einen Tag vor den Meisterschaften zeigt aber auch: In Sachen Kontinuität, Führungsstärke und positiver Außendarstellung hat der Verband dringend Nachholbedarf.

Stand: 08.11.2019, 07:29

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