Du wirst Deutscher Meister - und keiner kriegt's mit

Claudia Pechstein

Das Eisschnelllauf-Dilemma

Du wirst Deutscher Meister - und keiner kriegt's mit

Claudia Pechstein sammelt ihren 34. deutschen Meistertitel und stellt einen Rekord ein. Fast ohne Konkurrenz und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Die nationalen Titelkämpfe in Erfurt zeigten einmal mehr die Probleme im deutschen Eisschnelllauf auf.

"Ich bin stolz, dass ich in meinem Alter diesen Rekord eingestellt habe", sagte Pechstein am Sonntag (04.03.18) nach dem Gewinn der Deutschen Mehrkampf-Meisterschaften (DM) in Erfurt. In der "Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle" gewann sie überlegen ihren 34. nationalen Titel - und zog mit Namensgeberin Niemann-Stirnemann gleich, die 2004 zuletzt eine deutsche Meisterschaft gefeiert hatte.

Einerseits eine tolle Sache für dei Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), dass die 46-jährige Pechstein noch immer zu den Aushängeschildern zählt und hungrig auf Rekorde ist. Zugleich aber auch ein Armutszeugnis - denn konkurrenzfähiger Nachwuchs fehlt und ist auch nicht in Sicht.

Keine Meisterschaften mangels Beteiligung

Pechsteins nicht einmal halb so alte Konkurrentinnen Michelle Uhrig (Berlin) und Jessica Beckert (Erfurt) waren beim Sieg der Altmeisterin chancenlos, gerade einmal vier (!) Läuferinnen hatten überhaupt hatten für die DM gemeldet. Die Meisterschaften im Mehrkampf der Herren und im Sprint-Vierkampf der Damen mussten aus Mangel an Beteiligung abgesagt werden.

Sportdirektor Bartkos Mammut-Aufgabe

Dass bei den deutschen Eisschnellläufern einiges im Argen liegt, ist nicht erst seit den Deutschen Meisterschaften an diesem Wochenende klar. Im Dezember 2014 war der frühere Radprofi Robert Bartko als neuer Sportdirektor angetreten. "Wir wollen den deutschen Eisschnelllauf wieder so erfolgreich machen, wie er war. Wir haben gute Ansätze", hatte Bartko bei seiner Vorstellung gesagt. Mit Blick auf die Winterspiele 2018 wollte er eine starke Truppe formieren, ein bis zwei Medaillen wären ein Wunsch für Pyeongchang gewesen.

Doch wie schon in Sotschi 2014 blieben die deutschen Eisschnellläufer auch 2018 ohne Olympia-Medaille. Bei Bartko, der mit niederländischer Eisschnelllauf-Expertise und neuem Bundestrainer Jan van Veen die kränkelnde Sportart wieder in Schwung bringen wollte, macht sich Ernüchterung breit.

Noch keine Medaillen in Peking 2022 angepeilt

"Wir werden Zeit brauchen. Es wird keinen schnellen Erfolg geben. Vor 2026 und 2030 ist keine wesentliche Veränderung zu erwarten", sagte Bartko schon in Pyeongchang. "Unsere Konzepte brauchen Zeit, um Ergebnisse zu liefern", so Bartko weiter, Olympia in Peking 2022 sei deshalb nur ein "kurzfristiges Ziel in unserer langfristigen Ausrichtung." Bartko setzt auf den Nachwuchs. Und den kann man logischerweise nicht in ein, zwei Jahren in die Weltspitze führen.

Weiter mit Bartko?

Ob Bartko weiter an diesem Prozess beteiligt sein wird? Bartko und DESG-Präsidentin Stefanie Teeuwen werden Kommunikationsprobleme nachgesagt. "Die Chemie im Verband stimmt einfach nicht", urteilt Teeuwens Vorgänger Gerd Heinze, der noch das Debakel von 2014 zu verantworten hatte: "Es ist die gleiche Situation wie in Sotschi. Nur offene Fragen."

Bis die geklärt sind, bleibt der DESG wohl nichts anderes übrig, als noch eine Weile auf die Routiniers zu setzen. Auch wenn unwahrscheinlich ist, dass diese in Peking 2022 noch dabei sind. Pechstein und Sprinter Nico Ihle dürften da schon längst ihre Karriere beendet haben. Obwohl: "Nach Olympia ist vor Olympia", sagte Pechstein nach ihrem 34. Deutschen Meistertitel am Wochenende in Erfurt. In Peking wäre sie 50.

Thema in: B5 Sport, immer fünf Minuten vor der vollen Stunde

red/dpa/sid | Stand: 05.03.2018, 12:52

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