Chronologie des Machtkampfes im Eisschnelllauf

Eisschnelllauf-Weltcup in Erfurt

Ärger in der DESG

Chronologie des Machtkampfes im Eisschnelllauf

Das deutsche Eisschnelllaufen - das heißt seit ein paar Jahren: Unruhe, Chaos und Ärger: Streit zwischen Claudia Pechstein und Anni Friesinger oder Stephanie Beckert zwischen 2009 und 2013, jahrelanger Rechtsstreit um Pechsteins Dopingsperre, Aus von Sportdirektor Robert Bartko und Cheftrainer Jan van Veen nach den erfolglosen Olympischen Spielen 2018, drohende Insolvenz, Zoff um die DESG-Spitze - es kommt keine Ruhe in den Verband. Eine Chronologie der jüngsten Ereignisse in der DESG.

Sommer 2019 - Bundestrainer wirft Pechstein aus Trainingsgruppe

Der für den Langstreckenbereich zuständige Niederländer Erik Bouwman wirft die fünmalige Olympiasiegerin Claudia Pechstein aus seiner Trainingsgruppe. Bouwman teilt vor der Saison mit, dass er "keinen Bock" auf Pechstein habe. Hintergrund ist u.a. ein kurzfristiger Startverzicht Pechsteins bei der WM im Februar 2019 (aus Enttäuschung über einen erneuten juristischen Tiefschlag im jahrelangen Rechtsstreit um ihre Dopingsperre 2009). Es entbrennt ein heftiger Disput, Pechstein fordert eine Entschuldigung.

20.10.2019 - Pechstein trainiert im polnischen Team

Pechstein sieht keine Chance mehr auf eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) und trainiert mit der polnischen Eisschnelllauf-Nationalmannschaft: "Wenn man als erfolgreichste Wintersportlerin Deutschlands so behandelt wird wie ich, dann gibt es keine Vertrauensbasis".

08.11.2019 - Präsidentin Teeuwen wirft hin

Stefanie Teeuwen, Präsidentin der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft

Stefanie Teeuwen

DESG-Präsidentin, Stefanie Teeuwen, und ihr Vize treten zurück - nur einen Tag vor dem Saisonauftakt. Sie ziehen u.a. Konsequenzen aus finanziellen Problemen des Verbandes: Der Verband steht seit 2018 ohne Hauptsponsor da. Teeuwen selbst begründet den Rücktritt mit fehlendem Rückhalt im Verband.

08.11.2019 - Pechstein bringt Große als Teeuwen-Nachfolger ins Spiel

Nach dem Teeuwen-Rücktritt bringt Pechstein ihren Lebensgefährten Mathias Große aus dem Betreuerstab ins Spiel: "Aus meiner Sicht kann es nur EINEN neuen Präsidenten geben: - sehr erfolgreicher Unternehmer aus Berlin, - begleitet mich seit 10 Jahren auf meinem Weg gegen die Unrechtssperre, - geradlinig, klar & leistungsorientiert! Sein Name: Matthias Große !!!", postete Pechstein auf Facebook.

12.11.2019 - Große fliegt aus Betreuerstab

Kurz vor der Saison fliegt Pechstein-Lebensgefährte Große wegen "verbandsschädigenden Aussagen" aus dem DESG-Betreuerstab. Große hatte zuvor Sportdirektor Matthias Kulik kritisiert, er habe viele Fehler gemacht, und "seine Art, mit den Menschen umzugehen, ist unfassbar".

14.11.2019 - Athletensprecher Geisreiter: "Kleinkrieg über mehrere Jahre"

Moritz Geisreiter bei Olympia 2018

Moritz Geisreiter bei Olympia 2018

Athletensprecher Geisreiter kritisiert die Zustände in der DESG. Die Auseinandersetzung zwischen Pechstein und Große auf der einen Seite sowie dem Verband auf der anderen Seite hält er für schädlich. "Dieser Kleinkrieg" erstrecke sich nun schon über mehrere Jahre in immer neuen Facetten. "Das hat unserem Sport noch nie gutgetan", sagt Geisreiter der "FAZ".

12.12.2019 - Bouwman und Pechstein legen Streit bei

Am Rande des Weltcups in Nagano im Dezember werden zwischen Bouwmann und Pechstein laut DESG "Differenzen in einem persönlichen Gespräch beigelegt". Das Thema sei damit für beide abgehakt, die volle Konzentration gelte dem Sport. Wenig später dementiert Pechstein - diese Schlichtung habe nie stattgefunden.

08.01.2020 - Matthias Große kandidiert als DESG-Präsident

 Matthias Große beobachtet das Rennen seiner Lebensgefährtin Claudia Pechstein über die 1500 Meter Distanz.

Matthias Große beobachtet das Rennen seiner Lebensgefährtin Claudia Pechstein.

Matthias Große reicht seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten bei der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) ein. "Ich will das Schiff in ruhigeres Fahrwasser bringen. Dafür stehe ich zur Verfügung", sagte Große zwei Tage vor Beginn der EM in Heerenveen. "Mein Team für den Fall einer Präsidentschaft steht. Es gibt Leute, die bereit sind, ab sofort vieles im Verband zu verändern."

12.01.2020 - Drohende Insolvenz: "Unser Haus brennt"

Der Verband steht vor dem finanziellen Kollaps. Eine Initiative "DESG gemeinsam retten", u.a. mit Athletensprecher Geisreiter, gründet sich und schlägt mit einem Schreiben "Unser Haus brennt" Alarm. Die Botschaft: Ohne Hilfe der Politik muss die DESG als erster olympischer Verband in Deutschland Insolvenz anmelden. Die erste Reaktion kommt vom DOSB: Der Dachverband verzichtet auf Eigenmittel der Eisschnellläufer.

27.02.2020 - Bundestrainer Bouwman schießt gegen Pechstein

Bundestrainer Bouwman rechnet in der "Bild" mit der fünfmaligen Olympiasiegerin Claudia Pechstein ab. "Sie trägt eine Maske mit einer boshaften doppelten Agenda", schreibt Bouwman über Pechstein. Sie habe "nur Eigeninteressen", sie habe "noch nie im allgemeinen Interesse gehandelt." Er habe ihre Erfahrung für junge Athleten nutzen wollen. Doch, so Bouwman: "In ihrem Schatten kann sich kein Athlet weiterentwickeln. Die Ambitionen von Pechstein-Freund Matthias Große seien "der größte Witz, den ich je im Spitzensport erlebt habe."

18.06.2020 - Große wird kommissarischer DESG-Präsident

Matthias Große

Matthias Große

Große wird vom DESG-Vorstand zum kommissarischen Präsidenten ernannt. Der Berliner Immobilienmakler verspricht für den Fall seiner Wahl eine finanzielle Konsolidierung des klammen Verbandes und hat bereits einen neuen Hauptsponsor präsentiert, dessen Geld aber an die Wahl Großes zum Präsidenten geknüpft ist.

02.07.2020 - Große entlässt Bouwman

Als erste Amsthandlung als kommissarischer Präsident entlässt Große Bundestrainer Erik Bouwman. Als Grund gibt er an: "Er ist nicht der Richtige."

16.07.2020 - Sportler kritisieren Bouwman-Entlassung

Einige Eisschnellläufer kritisieren Große für die Bouwman-Entlassung. Diese sei ohne Absprache mit den Sportlern erfolgt. "Wir haben das aus der Presse erfahren", sagte Athletensprecher Moritz Geisreiter der "SZ". Leon Kaufmann-Ludwig ergänzt, dass dies kein Zufall gewesen sein könne. Große müsse klar gewesen sein, "dass es dafür keine Zustimmung der Athleten gab. Es waren ja nur Claudia Pechstein und Matthias Große, die einen öffentlichen Streit mit Bouwman hatten."

14.08.2020 - DESG kündigt Sportdirektor Kulik

Die DESG trennt sich vom bisherigen Sportdirektor Matthias Kulik. Der kommissarische Präsident Große teilt mit, Kulik habe die Kündigung wegen "eines indiskutablen Fehlverhaltens über Monate" zum 31. Januar 2021 erhalten. Kulik habe dem Verband nachweislich Schaden zugefügt, so Große. Die frühere Chemnitzer Eisschnellläuferin Nadine Seidenglanz übernimmt den Job.

18.09.2020 - Kritik vor Wahl von Große

Einen Tag vor der Wahl Großes bemängelte Sylvia Schenk, Sportexpertin von Transparency Deutschland, dass Große seine Kandidatur mit viel Geld in Verbindung bringe. "Wer wie Matthias Große im Spiegel-Interview den Eindruck erweckt, ein deutscher Sportverband sei käuflich und man müsse nur genug Leuten Pöstchen geben, damit ihn alle wählen, untergräbt die demokratische Struktur im deutschen Sport", so Schenk. Auch bringe die Tatsache, dass der Präsident zugleich Lebensgefährte der bekanntesten Athletin ist, Probleme mit sich. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) reagierte distanziert. "Die Sorgen von Frau Schenk sehen wir als völlig unbegründet", meinte DOSB-Präsident Hörmann.

19.09.2020 - Große wird zum DESG-Präsidenten gewählt

Matthias Große ist neuer DESG-Präsident. Der Berliner wird auf der Mitgliederversammlung des DESG in Frankfurt/Main mit 70 Ja-Stimmen bei fünf Gegenstimmen und zwölf Enthaltungen in das Amt gewählt. "Es war eine Abstimmung nicht nur über eine Person, sondern über den neuen Weg der DESG", sagte Große nach seiner Wahl. Große verspricht eine finnzielle Konsolidierung des Verbandes.

24.09.2020 - Jenny Wolf wird neue Bundestrainerin

Eisschnelllauf-Trainerin Jenny Wolf während einer Pressekonferenz

Jenny Wolf

Die fünfmalige Weltmeisterin Jenny Wolf wird Chef-Bundestrainerin, die dreimalige Olympiasiegerin Gunda Niemann-Stirnemann übernimmt das Amt der Co-Bundestrainerin. Insgesamt wird eine siebenköpfige Trainerkommission benannt. DESG-Präsident Matthias Große sieht den Verband fünf Tage nach seiner Wahl auf einem guten Weg.

11.12.2020 - Jenny Wolf nicht mehr Bundestrainerin

Nur sieben Wochen ist Jenny Wolf im Amt - dann erklärt sie ihren Rücktritt als Bundestrainerin zum Vertragsende (31.12.2020). "Ich hatte mir die Strukturänderungen anders vorgestellt", sagt Wolf. Große bedauert die Entscheidung: "Jenny war meine Wunschkandidatin."

17.12.2020 - Berliner Stützpunkttrainerin Bunkus tritt zurück

Auch Katrin Bunkus, 2010 Team-Olympiasiegerin, zieht sich zurück. Sie setzt ihr Amt als Leiterin des Bundesstützpunktes Berlin über das Jahresende hinaus nicht fort. "Der neue Kurs der Verbandsführung ist mir trotz mehrfachen Nachfragens nie erläutert worden", wird sie in der "SZ" zitiert. Dieser Umgang mache ihre Arbeit unmöglich.

18.12.2020 - Zwischenfazit von DESG-Präsident Große: "Großes geleistet"

Nach sechs Monaten im Amt zieht Große ein positives Fazit: "Es ist sicherlich ganz, ganz Großes geleistet worden", erklärte Große. Weitere Botschaften: "Wir haben den Patienten, der im Koma lag, aus der Intensivstation herausgeholt" und: "Wir haben gelernt, dass der Weg, den wir gehen, kompromisslos und geradlinig sein muss. Wir wollen Leistungssport machen und nicht dafür sorgen, dass eine Wohlfühl-Komfortzone eingerichtet wird." Doch der klamme Eisschnelllaufverband erhält weniger Unterstützung vom Bund, weil Gelder gar nicht beantragt wurden.

04.01. 2021 - Vertrag mit Sprint-Trainer Leger nicht verlängert

Eisschnelllauftrainer Danny Leger

Eisschnelllauftrainer Danny Leger

Der Ende 2020 ausgelaufene Vertrag mit Eisschnelllauf-Sprint-Bundestrainer Danny Leger ist nicht verlängert worden. Das teilte Verbandspräsident Matthias Große mit. Am 22. Januar soll ein neuer Sprint-Bundestrainer berufen werden. Sprinter Joel Dufter reagiert verärgert: Ich bin richtig angepisst. Ich habe jetzt mehr als zehn Jahre mit Danny zusammengearbeitet, und nun wird einem reichlich ein Jahr vor Olympia der Trainer weggenommen. Dafür habe ich kein Verständnis".

12.01.2021 - Eisschnellläufer attackieren Verbandsspitze

Die Sprintgruppe um Joel Dufter kritisiert in einem Schreiben die Verbandsführung um Präsident Michael Große scharf. Ein zentrales Anliegen der Athleten: die Personalpolitik. Dass nach über sechs Monaten der Präsidentschaft "viele Trainer und Mitarbeiter meist ohne Begründung entlassen, ihre Stellen aber nicht adäquat oder gar nicht neu besetzt wurden, zeigt, mit wie wenig Fingerspitzengefühl und Sachverstand die DESG arbeitet." Es gebe "offensichtlich menschliche Verfehlungen" und "persönliche Rachepläne". Große reagiert in der "FAZ": "Diese Art und Weise wird Konsequenzen haben"

13.01.2021 - Wunderlich tritt als DESG-Schatzmeisterin zurück

Schatzmeisterin Martina Wunderlich ist nur knapp vier Monate nach ihrer Wahl vom Amt als Schatzmeisterin der DESG zurückgetreten: "Neben persönlichen Gründen haben unterschiedliche Ansichten und Auffassungen von der Verbandsarbeit innerhalb des Präsidiums eine Rolle gespielt". Als Nachfolger wurde Rechtsanwalt Frank Rohrlack in die Funktion berufen.

14.01.2021 - Politik schaltet sich ein

Nach diversen Entlassungen von Trainern und Funktionären bei der DESG fordern Abgeordnete des Deutschen Bundestags Aufklärung über die Hintergründe und die Verwendung von Fördergeldern. "Nach Amtsantritt hat Herr Große bereits Bundestrainer Erik Bouwman und den Sportdirektor von den Ämtern entbunden. Das sind alles Gelder, die vom Bundeshaushalt als Förderung gewährt werden. Weder dem BMI, noch dem Sportausschuss ist bislang bekannt, weshalb Herr Große viele angesehene Trainer und Funktionäre der DESG entlässt, ohne für adäquate Nachfolge zu sorgen", sagte Mahmut Özdemir, SPD-Obmann im Sportausschuss. "Dieses Verhalten ist definitiv nicht im Interesse der Athleten oder des Verbandes."

17.01.2021 - Medaillengewinner Dufter blickt in Richtung Ausland

Joel Dufter holt mit Bronze bei der EM in Heerenveen den größten Erfolg seiner Karriere. Es sei eine "riesige Genugtuung" in der aktuellen Situation. Ohne seinen Sprinttrainer orientiere sich der deutsche Medaillengewinner in Richtung ausländische Teams.

Bronze für Dufter, aber Krise im Verband - ein Kommentar von Ralf Scholt Sportschau 17.01.2021 03:12 Min. Verfügbar bis 17.01.2022 Das Erste

Dirk Hofmeister | Stand: 17.01.2021, 14:19

Darstellung: