Feuerwerk, Alters-Diskussion und deutsche Medaillenchancen

Eiskunstlauf - Minerva Hase und Nolan Seegert vor den Europameisterschaften Sportschau 21.01.2020 02:34 Min. Verfügbar bis 21.01.2021 Das Erste

Vor der Eiskunstlauf-EM in Graz

Feuerwerk, Alters-Diskussion und deutsche Medaillenchancen

Von Dirk Hofmeister

Im österreichischen Graz geht es in dieser Woche um EM-Medaillen für die Eiskunstläufer. Zehn von zwölf Medaillen könnten russische Athleten holen. Ein Podestplatz für deutsche Sportler wäre eine dicke Überraschung. In der Szene wird unterdessen über Alters-Untergrenze diskutiert.

Ab Mittwoch (22.01.2020) steht für die Europas Eiskunstläufer das erste Highlight des noch jungen Jahres auf dem Programm. Bis Samstag werden im österreichischen Graz die Europameisterinnen und Europameister gesucht. In drei von vier Wettbewerben wird es neue Titelträger geben, nur bei den Eistänzern sind mit Gabriella Papadakis und Guillaume Cizeron die Vorjahressieger am Start.

Acht deutsche Starter

Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) darf acht Starter entsenden. Bei den Frauen, Männern und Eistänzern die deutschen Meister Nicole Schott, Paul Fentz und Katharina Müller/Tim Dieck dabei. Bei den Paarläufern hat die DEU zwei Startplätze. Neben den deutschen Meistern Minerva Fabienne Hase und Nolan Seegert dürfen auch Annika Hocke und Robert Kunkel zur zwölften EM in Österreich.

Frauen: "Feuerwerk von Dreifach und Vierfach-Sprüngen"

Die Schlagzeilen werden aber vermutlich andere liefern. Denn, so ARD-Eiskunstlauf-Kommentator Daniel Weiss: "Die jungen Russinnen werden für Furore sorgen." Das Trio Alena Kostornaja, Anna Scherbakowa und Alexandra Trusowa ist zwar erst 15 oder 16 Jahre alt, bestimmt aber schon die Weltspitze. Scherbakowa und Trusowa reisen mit Vierfachsprüngen an, Trusowa und Kostornaja haben dreifache Axel im Repertoire. Alle Bestwerte der Saison hat eine aus diesem Trio aufgestellt. "Die drei werden ein Feuerwerk von Dreifach- und Vierfach-Sprüngen abbrennen", erwartet Weiss.

Kritik an Sprung-Entwicklung

Allerdings: Die Bestmarken werden zunehmend kritisch betrachtet. Über die unglaubliche Artistik, mit der immer jüngere Athletinnen zu neuen Bestmarken springen, ist in der Eiskunstlauf-Szene längst eine Diskussion entbrannt. "Diese Tendenz zu jungen, hochgezüchteten Sportlerinnen gab es so extrem noch nie. Aber Eiskunstlauf ist nicht nur, einen Sprung technisch sauber zu stehen. Eiskunstlaufen ist auch Ausstrahlung und Ästhetik. Und das können diese ganz jungen Russinnen noch gar nicht haben", kritisiert Weiss.

Kommt die Alters-Untergrenze?

In der Eiskunstlauf-Szene wird unter Trainern und Experten daher längst über eine Altersgrenze gesprochen. Der Hintergrund: Athletinnen, deren Körper noch nicht vollentwickelt ist, können technische Elemente springen, an die ältere Läuferinnen kaum noch herankommen. Kostornaja und Co. haben im russischen Team bereits Weltmeisterin und Olympiasiegerin Alina Sagitowa (ebenfalls erst 17) und die 20-jährige Olympia-Zweite Jewgenija Medwedewa verdrängt. "Man sollte überlegen, ob man bis 16 nicht ausschließlich im Juniorenbereich starten darf. Das Thema ist hochpolitisch", erklärt Weiss.

Nicole Schott: Ästhetischer Kontrapunkt und Award-Nominierung

Die einzige deutsche Starterin Nicole Schott mag sich in der Diskussion nicht festlegen, denn "alle Seiten haben gute Argumente", wie sie im Gespräch mit Sportschau.de sagt: "Für mich ist es einfach zu sagen: Super, lasst uns eine Altersgrenze einführen. Aber als ich mit 15 deutsche Meisterin war, wollte ich auch bei den Senioren laufen."

Die 23-jährige Essenerin setzt einen ganz bewussten Kontrapunkt. "Für mich war klar, dass ich nicht den ganzen Sommer Vierfachsprünge trainieren werde", so Schott im Interview: "Ich habe mich darauf fokussiert, mehr auf die frühere B-Note zu achten. Ich glaube, dass ich durch meine Erfahrung, durch Emotion und Ausdrucksstärke Akzente setzen kann." Belohnt wurde diese Herangehensweise in dieser Saison bereits mit zwei dritten Plätzen in internationalen Wettbewerben.

Der Ansatz, Eiskunstlauf weniger über technische Höchstleistungen, sondern mehr über die Ästhetik zu definieren, wird auch vom Weltverband ISU unterstützt. So kann die Nominierung Schotts für den neu geschaffenen "ISU Skating Award" interpretiert werden. In der Kategorie "Unterhaltsamstes Programm" steht Schott neben internationalen Größen wie Olympiasieger Yuzuru Hanyu auf der Kandidatenliste für den höchsten Preis des Weltverbands.

Schott-Trainer Huth: "Zwischen Platz vier und Rang 15 alles drin"

Nicole Schott bei der Deutschen Meisterschaft in Oberstdorf

Wohin geht die Reise für Nicole Schott bei der Eiskunstlauf-EM?

Bei der EM will sie nun in die Top Ten laufen. Nach Aussagen von Schotts Trainer Michael Huth ist sogar "zwischen Platz vier und Rang 15 alles drin." Allerdings: Schott reist angeschlagen zu den Titelkämpfen. Bei einem Trainingssturz zog sich die fünfmalige Deutsche Meisterin in der vergangenen Woche eine Leistenverletzung zu: "Die Verletzung wird bis zu meinem Start nicht ausgeheilt sein. Es wird aber gehen, dass ich laufen kann."

Paul Fentz: "Keiner kann mich abschreiben"

In die Top Ten will auch Paul Fentz. Zur EM reist er dafür mit zwei vierfachen Toeloops und zwei Dreifach-Axeln im Programm. Nach einer starken Kür bei den Deutschen Meisterschaften Anfang Januar präsentierte sich der 27-Jährige kampfeslustig. Zum Motto seiner Kür nach dem Elton-John-Klassiker "I'm still standing" erklärte er: "Ich bin immer noch da. Keiner kann mich abschreiben." Obwohl Fentz in Oberstdorf seinen dritten DM-Titel in Serie feierte, zeigte sich bei den Meisterschaften, wie entscheidend bei ihm die Tagesform ist. Mit Schmerzen am Start ging im Kurzprogramm nur wenig zusammen, erst mit einer deutlichen Steigerung in der Kür sicherte er sich den Meistertitel.

"Wenn die Konkurrenz mitspielt, sind die Top Ten drin", prognostiziert Weiss. Mit der angestrebten Platzierung würde Fentz der Deutschen Eislauf-Union nicht nur einen zweiten Startplatz bei der kommenden EM sichern. Nachdem dem Berliner zuletzt die Sportförderung gestrichen wurde und er seinen Dienst bei der Bundeswehr quittieren musste, könnte Fentz mit einem guten Abschneiden unter den finanziellen Schirm der DEU zurückkehren. "Die Aussichten sind gut", sagte Sportdirektor Udo Dönsdorf der Nachrichtenagentur dpa: "Wenn er die Leistung stabilisiert, kann er uns auch bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking gut vertreten."

Männer: Fernandez-Nachfolger gesucht

Im Kampf um die Medaillen haben sieben, acht Eiskunstläufer gute Chancen auf einen der vorderen Plätze. Um die Nachfolge des zurückgetretenen Vorjahressiegers Javier Fernandez aus Spanien bewerben sich vor allem die beiden Russen Alexander Samarin und Dimitri Alijew sowie der Franzose Kevin Aymoz, der mit 275,63 Punkten die Saisonbestmarke aufstellte.

Paarlaufen: Deutsche Medaillenchance?

Das aus deutscher Sicht sportlich anspruchsvollste Programm werden die beiden Paarläufer Minerva Fabienne Hase und Nolan Seegert auf das Grazer Eis bringen. Für die Vorjahres-Sechsten könnte es sogar noch einen Tick weiter nach vorn gehen. "Wenn alles optimal wird, können Hase/Seegert auf Platz vier oder fünf laufen", glaubt ARD-Reporter Weiss.

In Abwesenheit der französischen Titelverteidiger Vanessa James/Morgan Cipres und den ebenfalls pausierenden Aljona Savchenko/Bruno Massot sind Hase/Seegert in der aktuellen Weltrangliste das drittbeste europäische Paar. Die beiden haben sich auf dem Eis noch einmal gesteigert und mit ihrem dritten Platz beim Grand Prix im November in Moskau ihre persönliche Bestleistung auf 186,16 Punkte steigern können. Gelingt das wieder, greift das Duo im besten Fall sogar um Medaillen. Das zweite deutsche Paar Annika Hocke und Robert Kunkel wird mit den vorderen Plätzen dagegen nichts zu tun haben.

Paarlaufen: Russische Paare sind Top-Favoriten

Die Top-Favoriten auf die Medaillen kommen allerding aus Russland: Jewgenija Tarasowa und Wladimir Morozow wollen nach Rang zwei im vergangenen Jahr zurück auf den Thron. Auch Alexandra Boikova/Dimitri Koslowski mit der Weltjahresbestleistung von 229,48 Punkten und die Junioren-Weltmeister von 2018, Darija Pawlitschenko/Denis Chodykin, zählen zu den Top-Favoriten.

Eistanz: Sechster Titel für Papadakis/Cizeron?

Im Eistanz geht der Titel nur über die Olympia-Silbermedaillengewinner Gabriella Papadakis und Guillaume Cizeron. Die vierfachen Weltmeister aus Frankreich peilen ihren sechsten EM-Titel in Serie an. Das deutsche Paar Katharina Müller/Tim Dieck wird mit den Top Ten wohl nichts zu tun haben.

Europameisterschaft ist auch WM-Qualifikation

Die Europameisterschaft ist zugleich die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im März im kanadischen Montreal. Bei den Männern, Frauen und im Eistanzen darf die DEU je einen Starter entsenden. Norm für die WM ist eine EM-Platzierung in den Top 12. Im Paarlaufen dürfen sogar zwei deutsche Paare nach Kanada, hier will die DEU aber erst im Februar entscheiden, wer das sein wird. Falls Schott und Fentz ihre angepeilten Top-Ten-Platzierungen schaffen, hätte das zudem Auswirkungen auf die kommende Europameisterschaft: Dann dürften 2021 wieder zwei deutsche Frauen und Männer aufs Eis.

Eiskunstlauf-EM - Zeitplan und Livestreams
Mittwoch, 22.01.Kurzprogramm MännerLivestream ab 13.00 Uhr und auf One
Mittwoch, 22.01.Kurzprogramm der PaareLivestream ab 19.20 Uhr
Donnerstag, 23.01.EistanzLivestream ab 13.00 Uhr und auf One
Donnerstag, 23.01.Kür der MännerLivestream ab 18.35 Uhr
Freitag, 24.01.Kurzprogramm FrauenLivestream ab 13.00 Uhr und auf One
Freitag, 24.01.Kür der PaareLivestream ab 19.05 Uhr
Samstag, 25.01.Eistanzen KürLivestream ab 14.00 Uhr
Samstag, 25.01.Kür der FrauenLivestream ab 18.35 Uhr
Sonntag, 26.01.SchaulaufenLivestream ab 14.30 Uhr

Stand: 21.01.2020, 07:45

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