Eiskunstläuferin Nicole Schott: "Ich bin nicht mehr so schlampig"

Nicole Schott bei der Deutschen Meisterschaft in Oberstdorf

Vor der Eiskunstlauf-EM in Graz

Eiskunstläuferin Nicole Schott: "Ich bin nicht mehr so schlampig"

Von Dirk Hofmeister

Nicole Schott, die beste deutsche Eiskunstläuferin, startet in Graz zum fünften Mal bei einer Europameisterschaft. Im Sportschau.de-Interview spricht sie über ihre Ziele, Schalter im Kopf, die Nominierung für den Welt-Eislauf-Award, Olympia-, WM- und EM-Träume sowie die Diskussion über eine Altersgrenze beim Eiskunstlaufen.

Sportschau.de: Frau Schott, in dieser Woche ist die Eiskunstlauf-EM in Graz. Sie sind die einzige deutsche Starterin im Frauen-Wettkampf. Nach Ihrer verletzungsbedingt schwierigen Saison 2018/19 sind Sie in diesem Winter bisher gesund geblieben. Sind Sie auch verletzungsfrei durch die letzten Tage vor der EM gekommen?

Nicole Schott: "Leider nicht. Seit vergangenem Montag (13.01.2020) habe ich Probleme mit meiner Leiste, weil ich mich bei einem Sturz leicht verletzt habe. Dadurch konnte ich die letzten Tage nicht richtig trainieren. Das ist etwas Muskuläres, eine leichte Zerrung oder ein leichter Muskelfaserriss. Die Verletzung wird bis zu meinem Start am Freitag/Samstag nicht ausgeheilt sein. Es wird aber gehen, dass ich laufen kann."

Sie haben in dieser Saison bereits mit mehreren Top-fünf-Platzierungen bei internationalen Wettbewerben aufhorchen lassen. Dabei folgen Sie aber nicht dem internationalen Trend immer komplizierterer Sprünge, sondern setzen auf Ästhetik und Eleganz. Zudem erklingt bei Ihnen Musik mit asiatischen Anklängen. Was hat sich für Sie in dieser Saison geändert?

Schott: "Das stimmt, wir haben meine Programme zu ganz anderer Musik entwickelt, dadurch habe ich mir neue Motivation geholt. Für mich war klar, dass ich nicht den ganzen Sommer Vierfachsprünge trainieren werde. Ich wollte die Sachen, die ich kann, stabilisieren. Es ging mir darum, die Qualität zu verbessern. Die Mädchen, die alle diese Vierfachen springen, die Japanerinnen, die Koreanerinnen und die Russinnen, die sind in einer eigenen Liga.

Ich habe mich darauf fokussiert, mehr auf die frühere B-Note zu achten. Ich glaube, dass ich durch meine Erfahrung, durch Emotion und Ausdrucksstärke Akzente setzen kann."

Ihr Trainer lobte Sie nach den Deutschen Meisterschaften mit den Worten: "Ich hätte nie gedacht, dass man sie noch mal zu einer solchen Athletin formen kann." Irgendwas muss vor dieser Saison passiert sein …

Schott: "Bei mir hat sich hauptsächlich was im Training geändert, meine Einstellung, meine Disziplin am Eis. Ich bin aus der Pubertät raus, ich weiß, was wichtig ist, um an meine Ziele heranzukommen. Weltmeisterin oder Olympiasiegerin zu werden ist nicht realistisch. Aber um meine Ziele zu erreichen, muss ich Vollgas trainieren, da muss ich qualitativ trainieren. Ich bin nicht mehr so schlampig."

Was sind denn Ihre Ziele?

Schott: "Mein Ziel für dieses Jahr ist, bei der EM meine persönliche Bestleistung zu übertreffen. Mein zweites Ziel ist, in die Top Ten zu kommen - bei der Europameisterschaft und der Weltmeisterschaft."

So offensiv haben Sie das in Ihrer Karriere noch nie formuliert. Ihr bestes WM-Ergebnis ist Rang 13 aus dem Jahr 2018 …

Schott: "Vielleicht schaffe ich die Top Ten bei der WM noch nicht in diesem Jahr. Aber das ist ein Ziel für die Zukunft."

Für die anstehende EM hält Ihr Trainer von Rang vier bis Rang 15 alles für möglich. Rang vier wäre aber schon eine richtig dicke Überraschung, oder?

Schott: "Wenn ich mir meine Ergebnisse in dieser Saison anschaue und zusammenrechne – dann ist das durchaus drin. Im vergangenen Jahr hätte ich das so noch nicht gesagt. Da bin ich viel verletzt gewesen. Aber dieses Jahr bin ich fast verletzungsfrei durchgekommen und kann mich realistischer einschätzen."

Sie wurden in der Vergangenheit in der Presse immer wieder als fragil, sturzgefährdet und auch mental anfällig beschrieben. Woher kommt die neue mentale Stabilität, die Ihre Auftritte in diesem Jahr auszeichnet?

Schott: "Den Schalter habe ich ehrlich gesagt schon in der vorolympischen Saison umgelegt. Seither geht es bei mir bergauf. Nur die Verletzung im Sommer 2018 hat mich rausgebracht. Ich bin kein neuer Mensch geworden. In der Olympiasaison 2018 hatte ich keinen schlechten Wettkampf. Aber der Schwierigkeitsgrad war noch nicht so hoch. Da habe ich mich weiterentwickelt. In einem langen Prozess bin ich stabiler geworden. Das habe ich auch meinem Trainer Herrn Huth zu verdanken."

Was ist das Geheimnis Ihres Trainers?

Schott: "Ich weiß nicht genau, was er macht, wie er es schafft, immer neue Schritte und neue Übungen einzubauen. Obwohl ich schon 20 Jahre auf dem Eis stehe, ist jede Stunde anders. Da frage ich mich manchmal, wo er das herzaubert. Das Repertoire ist abwechslungsreich und nie langweilig. Jede Stunde ist anders."

Eine Anerkennung Ihrer Arbeit ist sicher die Nominierung für den neu ins Leben gerufenen "Skating Award" des Weltverbandes ISU. In der Kategorie "Unterhaltsamstes Programm" stehen Sie zusammen mit Weltmeistern und Olympiasiegern. Was haben Sie gedacht, als Sie von der Nominierung gehört haben?

Schott: "Ich war wirklich sehr überrascht, habe nie damit gerechnet. Wenn man bedenkt, wer da noch alles in der Liste steht: Yuzuru Hanyu oder Gabriella Papadakis und Guillaume Cizeron - das sind die Top-Stars im Eiskunstlaufen. Und ich da mittendrin. Es ist einfach eine Ehre für mich, dabei zu sein. Es freut mich, dass gesehen wird, dass sich mein Fokus verändert hat, neues auszuprobieren."

Das Frauen-Eiskunstlaufen wird derzeit von drei Russinnen im Alter von 15 und 16 Jahren dominiert, die mit immer schwierigeren Sprüngen und einer beeindruckenden Artistik die Szene dominieren. Da kommt selbst die 17 und 20 Jahre alten Olympia-Gold- und Silbermedaillengewinnerinnen Alina Sagitowa und Jewgenija Medwedewa nicht mehr mit. In der Eiskunstlauf-Szene wird diskutiert, eine Alters-Untergrenze einzuführen, damit ältere und "fraulichere" Athletinnen weiterhin eine Chance haben. Wie ist Ihr Standpunkt in dieser Diskussion?

Schott: "Das ist ein sehr schwieriges Thema. Eigentlich möchte ich mich dazu nicht äußern. Jüngere Läuferinnen haben den Vorteil, dass die Drehgeschwindigkeit höher ist und dass sie noch vor der Pubertät sind.

Jetzt ist es für mich einfach zu sagen: Super, lasst uns eine Altersgrenze einführen. Aber als ich mit 15 deutsche Meisterin war, wollte ich auch bei den Senioren laufen und bin mit 17 zur EM. Hinzu kommt, dass die Eine mit 13 in die Pubertät kommt, die andere mit 15 - wie soll man da gerecht definieren, wer wann starten darf? Vielleicht sollte man trennen, dass man nicht gleichzeitig bei den Junioren und den Senioren laufen kann. Das Thema beschäftigt die Eislaufwelt derzeit sehr, ständig liest man neue Artikel. Ich kann finde, alle Seiten haben gute Argumente. Das ist wirklich ein schwieriges Thema."

Sie sind jetzt 23. Wenn man russische Verhältnisse anlegt, sind Sie …

Schott: "… eine richtige Eislauf-Oma." (lacht).

Wie lange möchte die 'Oma' denn noch laufen?

Schott: "Ich will den Olympiazyklus noch zu Ende voll durchziehen. Was danach kommt, weiß ich nicht. Meine Heimatstadt Essen hat sich für die EM 2023 beworben. Wenn das Wirklichkeit wird, würde ich keinen Gedanken an das Karriereende verschwenden. Sonst schaue ich einfach, wie der körperliche und mentale Zustand ist und ob ich Lust habe oder nicht."

In der ganz kurzen Zukunft liegt die EM in Graz. Was muss passieren, damit Sie sagen können: "Das war eine gute EM"?

Schott: "Ich möchte die zwei Programme sauber laufen und wünsche mir, dass die Schwierigkeit funktioniert. Die Platzierung ist bei einer EM auch immer ausschlaggebend. Mit einer guten Platzierung bei der EM kann man sich schmücken. Mit den Top 10 wäre ich sehr zufrieden."

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die EM!

Eiskunstlauf Europameisterschaft Graz 2020 Trailer 25.01.2020 00:26 Min. Verfügbar bis 25.02.2020 ONE

Stand: 21.01.2020, 07:45

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