Eiskunstläuferin Annika Hocke: "Wir sind dankbar, bei der WM laufen zu können"

Annika Hocke und Robert Kunkel

Interview vor dem WM

Eiskunstläuferin Annika Hocke: "Wir sind dankbar, bei der WM laufen zu können"

Am Mittwoch (24.03.2021) startet in Stockholm die Eiskunstlauf-WM. Annika Hocke wird mit ihrem Partner Robert Kunkel im Paarlauf antreten. Vor dem Highlight einer wettkampfarmen Saison spricht die 20 Jahre alte Berlinerin über ein Jahr voller Training, ihre Erwartungen an die Titelkämpfe und die Zusammenarbeit mit Aljona Savchenko.

Sportschau: Am kommenden Mittwoch startet die Eiskunstlauf-WM in Stockholm. Wir groß ist die Vorfreude auf das Saisonhighlight? 

Annika Hocke: Wir hatten in dieser Saison kaum Wettkämpfe, es waren nur drei in Europa. Nach der Nebelhorn Trophy in Oberstdorf im September folgte im Dezember die NRW Trophy in Dortmund, und vor drei Wochen waren wir beim Challenge Cup in Den Haag. Das ist im Vergleich zu den anderen Jahren extrem wenig. Deswegen freuen wir uns natürlich, dass wir überhaupt einen weiteren Wettkampf haben und uns dann mit der ganzen Welt messen können. 

Sportschau: Die WM wird ohne Zuschauer stattfinden. Hat das Auswirkungen auf sie und ihre Performance? 

Annika Hocke: Das darf es nicht haben. Wir müssen uns irgendwie daran gewöhnen. Ich laufe sehr gerne vor Publikum, weil es eine riesige Unterstützung ist, wenn dir ein paar Tausend Leute zuschauen. Aber es geht im Moment leider nicht anders. Wir sind einfach nur dankbar, laufen zu können.

Sportschau: Wie liefen die unmittelbaren WM-Vorbereitungen ab? 

Annika Hocke: Die letzte Woche waren wir in Berlin in unserem Haupttrainingszentrum. Da haben wir zwei Stunden auf und zwei Stunden neben dem Eis trainiert. Wir haben uns ganz normal auf den Wettkampf vorbereitet und sind die Programme gelaufen. Am Samstagmorgen gab es die letzte Trainingseinheit zu Hause, dann sind wir losgeflogen. Zuvor haben wir noch unsere Corona-Tests gemacht. Die hatten wir auch noch einmal in Schweden und sind dann einen Tag in Quarantäne.

Sportschau: Wie hat sich die Corona-Pandemie - abgesehen von den Wettkampfausfällen - auf ihre Saison ausgewirkt? 

Annika Hocke: Wir haben in einer Saison kaum Zeit für andere Dinge, da freut man sich schon, wenn man am Wochenende mal seine Freunde sieht oder in ein Restaurant geht. Das geht nun leider für uns alle nicht. Aber wir sind trotzdem in einer glücklichen Situation, weil wir einen "normalen" Tagesablauf haben. Wir können zum Training gehen und verbringen dort vier bis fünf Stunden.  

Dieses Element beinhaltet Daten von Instagram. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Sportschau: Wie war die Ausrichtung im Training, wenn man sich nie sicher sein konnte, welche Wettbewerbe überhaupt stattfinden? 

Annika Hocke: Robert und ich laufen noch nicht lange zusammen und haben noch viel zu verbessern. Natürlich ist man dann traurig, wenn man keine Wettkämpfe hat. Aber dadurch hatten wir keine Motivationsprobleme, weil uns das Training genauso viel Spaß macht. Die Motivation war, dass wir wussten, dass es irgendwann wieder Wettkämpfe geben würde. 

Sportschau: Sie laufen jetzt seit knapp zwei Jahren mit Robert Kunkel, wurden Siebte bei den Europameisterschaften, Vierte bei der Junioren-WM 2020 und Zweite bei den deutschen Meisterschaften. Wo sehen Sie sich in ihrer gemeinsamen Entwicklung? 

Annika Hocke: Obwohl wir in der ersten Saison mehr als erwartet erreicht haben, sind wir noch ziemlich am Anfang. Im Paarlaufen dauert es einfach, bis man richtig erfolgreich ist. Man wird besser, je länger man zusammenläuft.

Sportschau: Sie halten nach der verletzungsbedingten Absage von Minerva Hase und Nolan Seegert bei der WM die deutsche Fahne im Paarlauf hoch. Wie gehen Sie mit dieser Drucksituation um? 

Annika Hocke: Es ist jetzt kein besonderer Druck. Natürlich macht es die Olympia-Qualifikation schwerer, wenn nur ein Paar läuft statt zwei. Aber wir schauen in erster Linie auf uns. Wenn wir auf dem Eis stehen, dann stehen wir dort für uns und müssen unabhängig davon, ob da noch jemand abseits des Eises steht, unser Bestes geben. 

Sportschau: Wann hat man die Olympia-Qualifikation denn sicher? Da gibt es ja verschiedene Möglichkeiten … 

Annika Hocke und Robert Kunkel

Annika Hocke und Robert Kunkel bei der EM 2020 in Graz.

Annika Hocke: Das ist ein bisschen kompliziert. Wären beide Paare gelaufen, hätten die Platzierungen zusammen 27 ergeben müssen für die jeweilige Qualifikation. Jetzt, wo wir alleine sind, hängt es auch ein bisschen davon ab, welche Nationen vor uns sind. Platz 15 könnte für einen Quotenplatz reichen und Platz zehn für zwei. Es ist aber nur die Möglichkeit auf zwei Plätze und nicht sicher. Muss man abwarten, wer vor einem landet.

Sportschau: Also lassen Sie sich von diesen Rechenspielchen auch nicht beeinflussen? 

Annika Hocke: Wenn man nicht gut läuft, ist diese Möglichkeit sowieso nicht gegeben. Die Punktzahl und die Platzierung kommen dann mit einer guten Leistung. 

Sportschau: Wie schätzen Sie ihre eigenen Chancen bei der WM ein? 

Annika Hocke: Wir denken gar nicht in Platzierungen. Wir wollen fehlerfreie Programme laufen und das Bestmögliche zeigen. Ob da jetzt Platz zehn, zwölf oder 15 rausspringt, ist uns relativ egal, solange wir mit unserer Leistung zufrieden sind. 

Sportschau: Auch wenn es schwer war, die Konkurrenz zu beobachten in dieser Saison: Gibt es Paare, die sie als Favoriten bei den Titelkämpfen in Stockholm sehen? 

Annika Hocke: In Russland war viel los, dort gab es ziemlich viele Wettkämpfe. Die russischen Teams werden sicherlich einen Vorteil haben, weil sie einfach sicher sind. Aber auch die Weltmeister von 2019, das chinesische Paar Sui Wenjing und Han Cong, zählen zu den großen Favoriten, die werden den russischen Paaren ordentlich Konkurrenz machen. 

Sportschau: Sie haben gemeinsam mit der Olympiasiegerin Aljona Savchenko trainiert. Was genau war ihre Aufgabe? 

Annika Hocke: Sie war unsere Choreografin für das Kurzprogramm. Da haben wir natürlich auch ein bisschen an der Technik gefeilt, als wir in Oberstdorf waren. Da wir ja aber hauptsächlich in Berlin trainieren, sieht man sich nur ab und zu. Und in diesem Jahr noch weniger. 

Sportschau: Was kann man von ihr lernen? 

Annika Hocke: Viel. Sie hat viele gute Tipps, weil sie so viel Erfahrung hat. Davon kann sie sehr viel weitergeben. Sie hat zum Beispiel ein besseres Auge für die bestimmten Details.

Sportschau: Sie haben 2018 – damals noch mit Ruben Blommaert – den Olympiasieg von Aljona Savchenko und Bruno Massot hautnah miterleben können, wurden selbst 16. Wie war das damals in Südkorea für Sie als junge Athletin? 

Annika Hocke: Das war etwas ganz Besonderes. Es waren meine ersten Olympischen Spiele und dann bekommt man mit, wie jemand um die Goldmedaille kämpft. Da habe ich viel gelernt, weil ich mitbekommen habe, was für ein Druck dahintersteckt. Das war wahnsinnig emotional. Jeder, der die Kür gesehen hat, kann das bestätigen. Wir waren alle zusammen in einem Appartment. Auch wenn jeder auf seinen Wettkampf konzentriert war, hat man sich gegenseitig motiviert. Wir haben sie aufgebaut nach dem Kurzprogramm, als die Laune unten war, und uns dann am Ende mit ihr gefreut. 

Dieses Element beinhaltet Daten von Instagram. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Sportschau: Was macht es mit Ihnen, wenn Sie hören, dass die beiden an einem Comeback arbeiten? Denkt man da direkt an weitere nationale Konkurrenz, die einem selbst möglicherweise das Olympiaticket streitig machen könnte? 

Annika Hocke: Aljona hat so einen großen Namen im Eiskunstlauf und hat den Sport vorangebracht, dass man sich einfach freut, wenn so eine Persönlichkeit den Sport wieder bereichern möchte. Aber wir wollen für uns langfristig nicht nur in Deutschland die Besten sein, sondern generell die Besten. Da schaut man dann nicht mehr nur auf die innerdeutsche Konkurrenz, auch wenn ein Comeback ein enormer Push für Deutschland wäre.

Sportschau: Wann wollen sie denn dann die Besten sein? Schon 2022 in Peking? 

Annika Hocke: (lacht) Eher vier Jahre später. Ein bisschen Zeit brauchen wir dann doch noch.

Das Interview führte Raphael Honndorf

rho | Stand: 23.03.2021, 08:39

Darstellung: