Eiskunstlauf im Jahr eins nach Savchenko/Massot

ARD-Eiskunstauf-Experte Daniel Weiss

Interview

Eiskunstlauf im Jahr eins nach Savchenko/Massot

Daniel Weiss vom Hessischen Rundfunk kommentiert seit Jahren Eiskunstlauf für die ARD. Für seine Übertragung der Olympiakür von Aljona Savchenko und Bruno Massot wurde er unlängst auf dem Deutsche Sportpresseball ausgezeichnet. Sportschau.de sprach mit ihm über das Jahr eins nach dem Olympiasieg, neue Wettkampfregeln und die Chancen der deutschen Starter.

sportschau.de: Die neue Eiskunstlauf-Saison hat bereits die ersten Wettkämpfe gehabt, u.a. die Nebelhorn-Trophy oder der Grand-Prix in Helsinki. Was lässt sich aus diesen ersten Wettkämpfen für die Saison ableiten?

Daniel Weiss: Man merkt deutlich, dass einige Läufer noch hinter nicht in der optimalen Form sind, denn die Olympischen Spiele hängen vielen noch in den Knochen und auch in den Köpfen. Das ist aber normal nach so einer anstrengenden Saison mit einem Höhepunkt wie diesem. Erschwerend kommt hinzu, dass es im Eiskunstlauf auch in der Olympischen Saison noch eine Weltmeisterschaft gibt und damit die Regeneration noch weiter nach hinten verschoben wird.

Welche Änderungen gibt es in dieser Saison?

Weiss: Den größten Einschnitt erleben die Männer und die Paare. Deren Küren wurden um 30 Sekunden auf vier Minuten gekürzt. Nach dem wiederholten, peinlichen Sturzfestival der Männer bei der WM in Mailand musste auch etwas geschehen. Einige Männer waren mit der explosionsartigen sportlichen Entwicklung einfach überfordert. Daher wurde auch festgelegt, dass nur noch ein Vierfach Sprung, statt bisher zwei wiederholt werden darf. Dazu wurden die Bonuspunkte für Sprünge in der zweiten Hälfte eines Programms gekürzt, denn auch da waren einige Sportler einfach überfordert und gingen zu hohe Risiken ein. Ich glaube, dass es jetzt wieder ausgewogener Programme gibt und der eine oder andere wird sich auch genau überlegen, welche Risiken er eingeht.

Hängt das auch damit zusammen, dass das Wertungssystem verändert wurde?

Weiss: Ganz sicher! Bisher konnten die Preisrichter die Qualität der Ausführung eines Elements in einer Skala von -3 bis +3 Punkten bewerten. Jetzt gibt es einen viel größeren Spielraum von -5 bis +5 Punkten. Das bedeutet, dass sich die Trainer und Eiskunstläufer sehr wohl überlegen werden, ob sie lieber einen top ausgeführten Dreifachsprung mit bis zu 5 Punkten aufgewertet sehen, oder ob sie einen riskanten Vierfachsprung im schlimmsten Fall abgewertet bekommen und damit weniger Punkte bekommen als für einen sehr gut ausgeführten Dreifachsprung.
Auf der anderen Seite kritisieren viele Experten und Trainer, dass man der sportlichen Entwicklung damit einen Riegel vorschiebt. Wie so oft im Leben liegt die Wahrheit in der Mitte. Auf alle Fälle musste etwas passieren, denn die Männerkonkurrenz war ja zuletzt kaum anzuschauen.

Nimmt damit die Einflussnahme der Preisrichter nicht wieder zu?

Weiss: Absolut! Genau da liegt die Gefahr. Mehr Punkte vergeben bedeutet auch, mehr Macht in die Hände der Preisrichter zu geben. Hier werden der internationale Verband, aber auch wir Medien genau hinsehen müssen, ob da nicht wieder zu viel Schindluder getrieben wird. Dennoch sind die Justierungen insgesamt der richtige Schritt, denn es war an der Zeit, einige Änderungen vorzunehmen. Insgesamt hat sich das Punktesystem aber bewährt und die Benotung deutlich gerechter gemacht als im 6,0-System der Vergangenheit!

Wer sind die Favoriten der Saison?

Weiss: Bei den Herren natürlich Yuzuru Hanyu, der zweifache Olympiasieger aus Japan. Bei den Damen die russische Olympiasiegern Alina Sagitowa. Bei ihr bin ich gespannt, wie sie ihre Sturzkür von den Weltmeisterschaften verarbeitet hat. Im Paarlaufen will ich mich gar nicht festlegen, denn Aljona Savchenko und Bruno Massot, die deutschen Olympiasieger, setzen diese Saison aus. Und im Eistanzen gibt es für mich nur ein Paar: Gabriella Papadakis und Guillaume Cizeron aus Frankreich.

Wir zeigen am Samstag in der ARD die Kür der Herren in Moskau. Worauf können sich die Zuschauer freuen?

Weiss: Auf den Ausnahmesportler im Eiskunstlauf schlechthin: Yuzuru Hanyu aus Japan. Zweimal Olympiasieger, Weltmeister. Kaum einer kann Kunst, Ästhetik, Eleganz und allerhöchstes sportliches Können so gut miteinander verbinden wie dieser junge Mann. Ihm wird kaum einer das Wasser reichen können. Nicht einmal die jungen Russen, die ein Heimspiel haben. Und ich bin gespannt, wie sich unser Deutscher Meister Paul Fentz schlägt. Er hat seine Kür zur Musik aus dem Serienhit "Game of Thrones" überarbeitet und will seine einzige Chance bei einem Grand Prix nutzen und einen guten Eindruck hinterlassen. Paul will noch vier Jahre im Wettkampfsport bleiben und muss jetzt zeigen, dass er sich weiterentwickeln kann.

Wo steht das deutsche Eiskunstlaufen iohne Aljona Savchenko und Bruno Massot?

Aljona Savchenko Bruno Massot beim Sportpresseball

Daniel Weiss (links) und die Olympiasieger Savchenko/Massot auf dem Sportpresseball. Der hr-Reporter wurde für seine Kommentierung der Siegerkür mit dem PEGASOS-Preis geehrt.

Weiss: Leider unter "ferner liefen". Kein deutscher Athlet ist derzeit für Medaillen gut. Nicole Schott bei den Damen muss den Anschluss an die Weltspitze finden und Stabilität zeigen. Über Paul Fentz habe ich schon berichtet und gerade im Paarlaufen hinterlassen Aljona und Bruno derzeit natürlich eine monstergroße Lücke. Von ihrer Olympiakür werden noch Generationen schwärmen. Wir haben aber mit Annika Hocke und Ruben Blommaert ein junges, aufstrebendes Paar mit viel Talent. Gerade diese beiden müssen jetzt den Windschatten von Savchenko/Massot ausnützen und Hartnäckigkeit an den Tag legen. Sie werden auch lernen müssen, in ihrer sportlichen Beziehung gemeinsam durch dick und dünn zu gehen. Das macht einen wahren Champion aus. Bestes Beispiel: Aljona Savchenko. Und im Eistanzen müssen sich nach der Trennung von Kavita Lorenz und Joti Polizoakis die Paare erst einmal etablieren.

Wie wahrscheinlich ist eine Rückkehr der beiden Olympiasieger?

Weiss: Ich habe Aljona und Bruno erst kürzlich beim Sportpresseball in Frankfurt getroffen. Aljona hat das Feuer natürlich noch voll in sich und glaubt, dass sie Bruno überzeugen kann, im nächsten Jahr noch einmal anzugreifen. Der ist mittlerweile Vater geworden und schien insgesamt sehr ausgeglichen. Für den Deutschen Eiskunstlauf würde ich mir eine Rückkehr wünschen. Wenn man aber auf dieses Märchen von Pyeongchang zurückblickt, dann muss man doch eigentlich sagen: "Besser geht es einfach nicht".

Das Gespräch führte Dirk Hofmeister

Thema Im Programm: Wintersport im Ersten, Samstag, 17.11., ab 10 Uhr

Stand: 16.11.2018, 11:28

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