Zwischen Regen, Restriktion und Rennfieber

Biathlon - WM ein Lichtblick in Slowenien Mittagsmagazin 10.02.2021 01:42 Min. Verfügbar bis 10.02.2022 Das Erste Von Sebastian Meyer

Biathlon-WM:

Zwischen Regen, Restriktion und Rennfieber

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi

Beim Saisonhöhepunkt der Biathleten geht es in diesem Jahr um weit mehr als nur um Medaillen. Im Weltcup hat die Corona-Blase gehalten und steht nun vor ihrem nächsten Bewährungsstest - einer Biathlon-WM zwischen zwei Orten.

Eine kleine Bühne und zwei Fahnenmasten haben sie aufgebaut, mehr nicht. Im Dauerregen von Bled wirkt alles etwas verloren. Die Promenade des kleinen Städtchens, rund 20 Kilometer vom Biathlon-Stadion entfernt, wäre normalerweise der perfekte Ort für eine WM-Eröffnungsfeier.

Tausende farbenfroh gekleidete Biathlon-Fans würden voller Vorfreude am idyllischen Bleder See ihre Helden empfangen - und über allem thronte eine angestrahlte Burg aus dem elften Jahrhundert auf einem Felsen.

Eröffnungsfeier im Mini-Format

Ein pittoresker Rahmen für den Auftakt einer zweiwöchigen Party - aber nicht in diesem Jahr. Die Eröffnungsfeier der Internationalen Biathlon-Union (IBU) findet zwar statt, ist aber in keinem Fall mit der vergangener Jahre zu vergleichen. Um nicht unnötig Menschenansammlungen zu provozieren, gibt es keine große Show. Nach ein paar Reden und der inbrünstig performten slowenischen Nationalhymne ist Schluss. Den Zusammenschnitt gibt es im Netz zu sehen - die Sportlerinnen und Sportler senden virtuell ihre Grüße.

Wie eine Achterbahn schlängelt sich die Passstraße zum Stadion hinauf

Vom See des 5.000-Einwohner-Luftkurortes geht es nach oben, auf knapp 1.400 Höhenmeter. Die Passstraße schlängelt sich durch die Julischen Alpen, vorbei an Bauernhöfen und kleinen Dörfern, quer durch den Wald. Wer ins Biathlon-Stadion der Pokljuka-Hochebene möchte, muss 129 Kurven hinauffahren. Und das gilt für so ziemlich alle, denn die meisten Sportler, Helfer und Journalisten wohnen unten am See. Außer kleiner Teppiche aus verschmutzten Schneeresten ist vom Winter in Bled nur wenig zu erkennen. Doch je weiter sich die Passstraße nach oben zieht, desto verschneiter wird es. Kurz vor dem Stadion ist der weiße Wall am Straßenrand über zwei Meter hoch aufgetürmt.

Biathlon - Gibt es WM-Stimmung rund um Pokljuka?

Sportschau 09.02.2021 00:54 Min. Verfügbar bis 09.02.2022 ARD Von Uri Zahavi


"Solche Großveranstaltungen sind wichtig, um den Spirit aufrechtzuerhalten“

Die 51. Biathlon WM ist schon vor dem Start besonders, denn es ist die erste der Geschichte ohne Zuschauer. Bis vor einer Woche hatte der slowenische Renndirektor Borut Nunar noch auf 500 Fans pro Tag gehofft. Doch die Corona-Pandemie lässt das nicht zu, Slowenien gilt als Hochinzidenzgebiet, weist aktuell eine Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 200 auf. Nunar erklärt: "Die Regierung hat unser Corona-Konzept akzeptiert. Natürlich war das keine Garantie, aber jetzt sind wir hier und sowohl Sportler als auch Journalisten konnten problemlos einreisen."

"Solche Großveranstaltungen sind wichtig, um den Spirit aufrechtzuerhalten. Ich bin sicher, dass diese WM den Menschen in Slowenien helfen wird - vor allem, wenn unser Team erfolgreich ist", sagt Klemen Bauer, einer der lokalen Biathleten und Hoffnungsträger.

Die Biathlon-Corona-Blase scheint zu halten

Bis Dienstag galt hier ein harter Lockdown. Vor dem WM-Auftakt durften die ersten größeren Einkaufshäuser wieder öffnen. Schulen bleiben geschlossen, sehr zum Unverständnis der Bevölkerung. Auch die Ausgangsperre, die zwischen 21 und 6 Uhr gilt, bleibt. Im Stadion soll eine LED-Wand mit virtuellen Zuschauern ein bisschen Atmosphäre vermitteln und von der Geisterstimmung ablenken. Den entsprechenden Jubel gibt es über Lautsprecher vom Band.

Das Stadion ist farblich in Sektoren geteilt, Journalisten folgen zum Beispiel gelben Schildern, Sportler den roten. Es gibt getrennte Tunnel unterhalb der Strecke, die Abstände in der Mixed-Zone, dem Interview-Bereich, sind groß, durch graue Metallgestänge abgetrennt. Die unterschiedlichen Corona-Blasen sollen aufrechterhalten werden, es gibt für alles enge Zeitfenster. Eine Akkreditierung bekommt nur, wer bei Anreise einen negativen PCR-Test vorweisen kann. 48 Stunden nach Ankunft erfolgt der nächste Test und so geht es im Vier-Tage-Rhythmus weiter.

Preuß, Herrmann, Peiffer, Lesser und Co. - das sind die deutschen Biathlon-WM-Starter

Von Dirk Hofmeister

Mit zehn Biathletinnen und Biathleten reisen die Deutschen zur Biathlon-WM nach Pokljuka - zudem stehen zwei Ersatzathleten bereit. Wir stellen das deutsche Team vor.

Franziska Preuß in Antholz

Angeführt wird das deutsche Frauen-Team von Franziska Preuß. Die 26-jährige Ruhpoldingerin hat sich in dieser Saison stabil wie keine andere Deutsche präsentiert. In der Vergangenheit immer wieder durch Infekte oder Verletzungen zurückgeworfen, ist sie in diesem Winter bisher gesund geblieben, hat sich läuferisch und vor allem im Liegendanschlag verbessert. Im Gepäck für die WM hat sie zwei Einzel-Podestplätze und starke Auftritte als Staffel-Schlussläuferin in diesem Winter.

Angeführt wird das deutsche Frauen-Team von Franziska Preuß. Die 26-jährige Ruhpoldingerin hat sich in dieser Saison stabil wie keine andere Deutsche präsentiert. In der Vergangenheit immer wieder durch Infekte oder Verletzungen zurückgeworfen, ist sie in diesem Winter bisher gesund geblieben, hat sich läuferisch und vor allem im Liegendanschlag verbessert. Im Gepäck für die WM hat sie zwei Einzel-Podestplätze und starke Auftritte als Staffel-Schlussläuferin in diesem Winter.

Die schweren Strecken von Pokljuka dürften Denise Herrmann eigentlich liegen. Eigentlich. Denn so richtig rund läuft es in diesem Winter noch nicht für die sonst so laufstarke Sächsin. Immer wieder haderte die 32-jährige frühere Langläuferin mit ihrer Form oder dem Material. Platz zwei im ersten Einzel der Saison zeigt aber: Passt einmal alles zusammen, ist Herrmann eine klare Podestkandidatin.

Janina Hettich ist wohl die beste Schützin im deutschen Team. Mit einer Trefferquote von 100 Prozent im Liegendanschlag ging sie in die Weihnachtspause. Ihre Quote liegt insgesamt immer noch bei über 90 Prozent - beeindruckend. Die WM-Norm knackte die 24-Jährige mit einem fünften Platz im Einzel von Antholz. Mit überraschend abgeklärten Rennen hatte sie auch ihren Anteil am Staffel-Sieg von Oberhof und Rang zwei von Antholz. Allerdings dürften Hettich bei ihrer zweiten WM die anspruchsvollen Strecken von Pokljuka zu Schaffen machen.

Auch Maren Hammerschmidt verdient das Prädikat "Wundertüte" - ganz positiv und wertschätzend gemeint. Im vergangenen Jahr flog sie aus dem Weltcup-Kader, doch gleich in den ersten beiden Rennen in diesem Winter knackte sie mit Rang neun und zwölf die WM-Norm. Platz 17 im Sprint von Oberhof bei fehlerfreiem Schießen zeigt aber, wo es bei der Staffel-Weltmeisterin von 2017 hakt: Sie kann derzeit läuferisch nicht mit den Besten mithalten. Ihre dritte WM-Teilnahme nach vier Jahren WM-Abstinenz dürfte für die 21-jährige Ruhpoldingerin aber bereits ein großer Erfolg sein.

Bei der WM vor einem Jahr in Antholz holte Vanessa Hinz eine von zwei Einzelmedaillen für das deutsche Team. In diesem Jahr läuft es noch nicht so gut für die Bayerin. Die WM-Norm knackte sie nur zur Hälfte - dennoch darf sie zu den Titelkämpfen. Als verlässliche Staffel-Startläuferin soll sie helfen, dem deutschen Team die prestigeträchtige Team-Medaille zu sichern.

Das deutsche Männer-Team wird angeführt von Arnd Peiffer - dem "Mister Zuverlässig" in der Mannschaft von Bundestrainer Mark Kirchner. Peiffer läuft seine elfte WM - er ist bereits Weltmeister und Olympiasieger, und er feierte in diesem Winter einen etwas überraschenden Sieg im Massenstart. Der beste Beweis für: Wenn der 33-Jährige einen guten Tag erwischt, kann er in jedem Rennen aufs Podest laufen.

Im vergangenen Winter erlebte Erik Lesser eine Berg- und Talfahrt. Wegen schlechter Leistungen flog er zwischenzeitlich aus dem Weltcup-Team und musste im IBU-Cup laufen. Dann wurde er aber zur WM 2020 nachnominiert und lief dort in der Single-Mixed- und Männer-Staffel zu zwei Medaillen. In diesem Winter knackte er die WM-Norm gleich im ersten Rennen mit Rang drei im Einzel. Wenn Lesser fit ist - wie beim Weltcup in Oberhof, springt schnell mal ein vierter Rang im Sprint heraus. Doch der Thüringer hat immer wieder Rücken - und dann wird es schnell mal ein 48. Rang wie beim Einzel von Antholz.

Die gute Nachricht bei Benedikt Doll ist: Am Schießstand hat sich der 30-Jährige in diesem Winter weiter stabilisiert. Mittlerweile stehen 85 Prozent Trefferquote bei dem Schwarzwälder. Nicht ganz so gut allerdings: Der von Lesser gern liebevoll "Rennsemmel" genannte Doll hat etwas von seiner läuferischen Stärke eingebüßt. Material und Form haben in diesem Winter nicht immer harmoniert. Fünf Top-10-Plätze in diesem Winter zeigen aber: Wenn alles passt, ist auch Doll ein Mann für das Podest.

Wie wichtig Roman Rees für das deutsche Team sein kann, zeigte er bei der WM 2019 in Östersund. In der Staffel lief er an Position zwei ein souveränes Rennen und hatte seinen Anteil an der Silbermedaille. Auch in diesem Winter konnte er bei seinen Staffeleinsätzen abliefern. In seinen drei Einsätzen leistete er sich insgesamt nur drei Nachlader und hielt das Team jeweils in Podestnähe. In der WM-Staffel dürfte er daher gesetzt sein. In den Einzelrennen schaffte er es in diesem Winter noch nicht in die Top 15. Einen Einsatz hat der 27-Jährige aber bereits sicher. Bundestrainer Kirchner sicherte Rees einen Startplatz für das Einzel am 17. Februar zu.

Auch Johannes Kühn fährt ohne WM-Norm aber bereits mit einem sicheren Startplatz nach Slowenien. Der 29-Jährige darf beim Sprint am 12. Februar ran. Erkämpft hat sich Kühn diesen Platz durch starke Leistungen bei der Europameisterschaft Ende Januar im polnischen Duszniki Zdroj, wo er im Sprint Bronze gewann und in der Verfolgung Vierter wurde. Zu hoffen bleibt, dass der läuferisch starke aber vor allem im Stehendanschlag schwächelnde Kühn den Schwung der EM in die WM herüberretten kann.

Auf einen kurzfristigen Start in Pokljuka hoffen können Marion Deigentesch und Philipp Horn. Die beiden Ersatzathleten kommen aber nur dran, wenn sich Teamkollegen eine Verletzung oder einen Infekt holen - und darauf hofft natürlich niemand. Für die 27-jährige Deigentesch wäre die Reise nach Slowenien die Krönung einer Überraschungssaison. Fünf Mal durfte die Ruhpoldingerin in ihrer Karriere erst in Weltcups ran. Mit Rang elf im Einzel von Antholz und ihrem ersten Start in einem Massenstart feierte sie in diesem Winter dabei ihre größten Erfolge.

Philipp Horn erlebt dagegen einen Seuchenwinter. Ambitioniert war der laufstarke Thüringer in die Saison gestartert, dann warf ihn ein falsch-positiver Corona-Test zurück. Der verspätete Saisonstart begann schließlich mit Flattereinheiten und vielen Fehlern am Schießstand. Sein spezielles Schießtraining und Veränderungen am Gewehrschaft im Sommer waren nicht so richtig erfolgreich. Negativ-Höhepunkt sicher seine Strafunden als Schlussläufer der Staffel von Oberhof. Und beim teaminternen WM-Ausscheid, der EM in Polen, kam er über zwei 16. Ränge nicht hinaus. Bei der abschließenden EM-Verfolgung schoss Horn siebenmal daneben. Bundestrainer Kirchner gab das letzte WM-Ticket so Johannes Kühn.

Russische Athleten starten unter neutraler Flagge

357 Athleten aus 37 Ländern kämpfen in den nächsten anderthalb Wochen um die Medaillen. Doch eine der traditionsreichsten Flaggen im Biathlon fehlt - die russische. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat Russland bis 2023 von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ausgeschlossen. Die russischen Athleten dürfen jedoch unter neutraler Flagge an den Start gehen.

Arnd Peiffer

Arnd Peiffer

Das Feld der Favoriten ist groß, einer der aussichtsreichen deutschen Kandidaten ist Olympiasieger Arnd Peiffer, der sich auf seine elfte WM freut: "Die Aufregung ist nicht ganz so groß wie beim ersten Mal", sagt er lachend, "aber sie ist mindestens so groß wie bei allen anderen Weltmeisterschaften, das hat sich nicht geändert."

Normal, aber doch ganz anders

In den Tagen vor der WM fühlt es sich im Biathlon-Stadion von Pokljuka trotzdem irgendwie normal an. Während die internationalen TV-Sender abseits der Loipe etwas hektisch mit dem Aufbau und den Proben beschäftigt sind, wuseln die Sportlerinnen und Sportler am Schießstand. Klack. Klack. Klack. Scheibe um Scheibe fällt. Es ist ihre ganz eigene Generalprobe - unter Wettkampfbedingungen. Denn so ähnlich wird die Geräuschkulisse auch während der Rennen sein.

Es wird eine andere, eine ruhigere WM - ob auf der Hochebene Pokljuka oder unten im Städtchen Bled. Aber nicht alle Vorhersagen für diese WM sind trist. Zumindest der Regen soll in den kommenden Tagen weichen.

Stand: 10.02.2021, 09:23

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