Biathlon-Damencoach Mehringer - entspannt in die erste Weltcupsaison

Kristian Mehringer

Vor dem Weltcup-Saisonauftakt

Biathlon-Damencoach Mehringer - entspannt in die erste Weltcupsaison

Von Bernd Eberwein

37 Jahre jung und schon leitender Trainer eines der besten deutschen Weltcup-Teams: den Biathlon-Damen. Kristian Mehringer geht trotzdem entspannt in seine erste Saison als Chef. Im Interview mit Sportschau.de spricht er über Biathlon, Berge - und warum Bayern ein idealer Trainingsstandort ist.

sportschau.de: 37 Jahre jung, für viele überraschend neuer Cheftrainer der deutschen Biathlondamen. Biathlon zählt zu den beliebtesten Wintersportarten in Deutschland. Sie stehen fast jedes Wochenende im Fokus, auch im Fernsehen. Geht man da trotzdem relaxed in die Saison?

Kristian Mehringer: Bisher hatte ich mit den Medien im Nachwuchsbereich natürlich noch nicht so viel Kontakt. Aber bis jetzt bin ich noch entspannt. Wenn die Wettkämpfe kommen, werden wir natürlich öfter mit den Medien konfrontiert. Aber ich sage immer: Man lernt bei jedem Interview dazu. Schauen wir mal, was auf uns zukommt.

Lassen Sie sich auch sportlich keinen Druck machen und gehen den ersten Weltcup so entspannt an?

Mehringer: Druck? Ich denke, es gibt Erwartungen an die Trainer und die Sportler. Auch die Sportler haben Erwartungen an sich selbst, was sie sich für den Winter vornehmen. Da warten wir einfach ab, wie wir in die Saison einsteigen und sehen, wie sich das entwickelt. Die WM, der Höhepunkt, ist ja erst Ende der Saison.

In einem Interview über die Saisonvorbereitung haben Sie erklärt, dass viele Einzelgespräche geführt wurden um auszuloten, "was wir besser machen können." Was kann man denn verbessern in einem eigentlich schon sehr guten Team?

Mehringer: Natürlich kann man an den individuellen Schwerpunkten jeder Sportlerin arbeiten. Wir haben eine gewisse Bandbreite, etwa beim Alter. Eine Denise Herrmann oder Franziska Hildebrand zum Beispiel zählen zu den erfahrenen oder älteren Athletinnen, Franziska Preuß ist sechs Jahre jünger. Da muss man schauen, dass zum Beispiel das Konditionstraining den Jüngeren nicht zu viel wird und die Älteren nicht unterfordert sind.

Meistens geht es um solche Schwerpunkte im konditionellen Bereich. Ansonsten messen sich die Athletinnen ja auch untereinander beim Schießen, arbeiten da tagtäglich miteinander, dass sie sich dort auch weiterentwickeln. Und es war unser großes Ziel, jeder irgendwo ein µ (Anm.d.Red. das griechische "µ", gesprochen "Mü", wird gerne verwendet statt "ein bisschen". Auch Kristian Mehringer wählte im Interview zwei Mal diese Formulierung) weiterzuhelfen, so dass sie die nächsten vier Jahre gut angehen können.

Betreffen die Unterschiede im Training ausschließlich den konditionellen Bereich?

Mehringer: Der Inhalt der Trainingseinheiten ist identisch. Ob es am Trainingsmittel liegt wie Skiroller, Radfahren oder Cross. Aber im Gesamtumfang auf die Woche oder den Monat gerechnet, haben die - ich sage mal - etablierten oder älteren Sportlerinnen ein bisschen mehr auf dem Programm. Da spricht man im Monat von vier oder fünf Stunden, in der Woche von einer oder eineinhalb, wo ein Unterschied gemacht wird.

Aber es sind immer alle gleich vor Ort, jede macht das gleiche Programm. Im Endeffekt mal eine Viertelstunde länger für die älteren Sportlerinnen, für die jüngeren dementsprechend weniger. Im Jahr gesehen heißt das: Wir nehmen uns 800 Trainingsstunden vor, bei den Jüngeren sind es 720 bis 750 Trainingsstunden. Das ist unser Ziel, damit wir den Trainingsumfang bei den Jüngeren auch die nächsten vier Jahre ein µ steigern können.

Die Steigerung ist nicht ins Unendliche möglich. Aber wenn man von vier Jahren, einem Olympiazyklus redet, kann man schon immer mal ein Prozent mehr machen oder die Intensitäten verschieben. Da gibt es viele Möglichkeiten.

Wie fit sind die deutschen Biathlon-Damen kurz vor dem Saisonauftakt - wen werden Sie beim Auftakt im slowenischen Pokljuka einsetzen?

Mehringer: Bei uns sind ganz klar die Gesetzten vom letzten Jahr dabei, also Franziska Hildebrandt, Denise Herrmann und Vanessa Hinz. Durch die deutschen Meisterschaften im Herbst haben sich dazu qualifziert Franziska Preuß und Karolin Horchler. Wir sind mit fünf dabei. Und aus dem IBU-Cup könnten sich weitere Sportlerinnen anbieten - sollte Laura Dahlmeier noch nicht dabei sein.

Sie würden in der Saison also auch durchwechseln, der Weltcup-Startkader muss nicht unbedingt der WM-Kader sein?

Mehringer:  Nein, das muss er nicht. Jede soll - oder muss auch - ihre Leistung bringen, die sie natürlich selbst auch erbringen möchte. Für die "zweite Garde" ist es auch Motivation, sich mit guten Leistungen im IBU-Cup für den Weltcup anzubieten. Das ist während der Saison jederzeit möglich.

Sie haben Laura Dahlmeier angesprochen - was ist der letzte Stand in Sachen Comeback?

Mehringer: Wir sind im ständigen Kontakt mit ihr, mein Trainerkollege Florian Steirer und ich. Laura ist im Training die letzten Wochen soweit gut gestartet. Wir Trainer werden uns diese Woche mit der medizinischen Abteilung und mit Laura zusammensetzen und nach dem Gespräch eine Meldung herausgeben, wie der Stand der Dinge ist und wann sie wieder an den Start gehen wird.

Ob das jetzt schon in den nächsten Woche ist, also im Dezember - das klären wir alles diese Woche ab und dann gibt es ein Statement. Bisher sind wir sehr zufrieden, wie es gerade verläuft.

Wie ist es für den Trainer, eine Ausnahmeathletin wie Laura Dahlmeier im Kader zu haben, die so im Fokus der Medien steht? Erschwert es die Arbeit oder macht es die Aufgabe leichter?

Mehringer: Es ist schon eine Herausforderung für ein junges Trainerteam. Man kennt es natürlich aus dem Nachwuchs auch, dass Leistungsträger verletzungsbedingt oder gesundheitlich ausfallen. Wie gesagt: Wir sehen das als Herausforderung. Wir möchten jeder Athletin helfen, ihre optimale Leistungsfähigkeit zu entwickeln und wenn es ernst wird, abzurufen.

Zum jetztigen Zeitpunkt sage ich: Es ist schade, dass die Situation bei Laura so ist. Aber die anderen fünf Athletinnen, die ich schon genannt habe - Hildebrand, Herrmann, Hinz, Preuß, Horchler - haben sich gut vorbereitet und können durch gute Ergebnisse zeigen, dass auch sie absolute Leistungsträgerinnen sein können.

Ein Name ging in der Öffentlichkeit etwas unter: Maren Hammerschmidt, immerhin Staffel-Weltmeisterin 2017. Sie hatte Verletzungsprobleme, wurde erst im Oktober am Sprungelenk operiert. Hat sie in dieser Saison überhaupt Comeback-Chancen?

Mehringer: Maren Hammerschmidt ist zur Zeit im Reha-Programm am Chiemsee. Wann sie wieder ins Wettkampfgeschehen einsteigen kann, ist derzeit noch offen. Jetzt beginnt erst einmal das Aufbau-Training bzw. die Reha-Maßnahmen. Dementsprechend müssen wir abwarten, wie sich der Gesundheitszustand und die körperliche Verfassung entwickeln. Ob sie in diesem oder erst im nächsten Jahr zurückkommt, können wir jetzt noch nicht sagen.

Kommen wir zurück zum Trainerteam. Sie sind neu dabei als leitender Disziplinen-Trainer, ihren Assistenten Florian Steirer haben Sie bereits angesprochen - und trainiert wird komplett in Bayern an den Stützpunkten Ruhpolding und Garmisch-Partenkirchen. Was ist denn der Standortvorteil von Bayern?

Mehringer: (lacht) Das ist schon eine gute Situation, dass wir in Ruhpolding vor Ort sind und dort auch die meisten Top-Athletinnen trainieren. Laura Dahlmeier und Nadine Horchler sind allerdings in Garmisch. Die Umgebung von Ruhpolding ist natürlich super, ich bin da aufgewachsen, habe meine Kindheit dort verbracht.

Man hat Berge, man hat schönes Wetter, man hat eine Top-Rollerbahn. Florian und ich können die Lehrgänge des Deutschen Skiverbands nahtlos an das Stützpunkt-Training anknüpfen und das auf den Lehrgängen dann vertiefen. Das ist der große Vorteil, wenn man tagtäglich mit den Sportlerinnen arbeitet.

Kristian Mehringer

Florian Steierer (links, Disziplinentrainer Biathlondamen) und Kristian Mehringer (leitender Disziplinentrainer Biathlondamen)

Wie schaut ein typischer Tag an einem der Stützpunkte aus?

Mehringer: 8.30 Uhr ist immer Trainingsbeginn in Ruhpolding, als Trainer ist man natürlich eine halbe Stunde vorher da, bereitet das Vormittagstraining vor. Wenn die Sportlerinnen kommen, fängt man mit Trockentraining und Erwärmung an und spricht dann das Trainingsprogramm mit ihnen ab. Das Vormittagstraining dauert circa drei Stunden.

Während die Sportlerinnen in ihrer Mittagspause bzw. Ruhephase sind, werten die Trainer das Training aus oder planen das Nachmittagstraining. Oftmals werden da gemeinsame Trainingseinheiten absolviert, aber auch individuelle Einheiten oder eigenes Programm nach Absprache durchgeführt. Auch da sind wir dabei, um zu motivieren, aber auch zu kontrollieren, ob alles passt.

Und wie so ein normaler Arbeitstag ist: Gegen 18 Uhr ist man dann zu Hause - und dann geht's schon weiter mit der Planung des nächsten Tags, des nächsten Lehrgangs, dem Buchen von Unterkünften, der Trainingsauswertung usw. Die Arbeit geht nicht aus.

Und wie läuft dann der Austausch mit Bundestrainer Mark Kirchner oder Schießtrainer Gerald Hönig ab? Es klingt so, als würden Sie mit Ihrem Team die meiste Zeit in Bayern trainieren?

Mehringer: Mit Mark Kirchner sind wir immer telefonisch in Kontakt oder direkt auf Lehrgängen, wenn es etwa gemeinsame Lehrgänge mit dem Herrenteam gibt. Aber er überlässt uns die Handhabung des Trainings als übergeordneter Bundestrainer. Er steht eher in beratender Funktion zur Verfügung: Wenn wir Fragen haben, egal ob Richtung Training oder wenn's zu den Wettkämpfen geht Richtung Mannschaftsaufstellung - da steht er uns immer beratend zur Seite.

Gerald Hönig steht uns je nach Bedarf als Bundestrainer Schießen zur Verfügung. Vor allem in der Vorbereitung haben wir da einiges zusammen gemacht. Zwei Sportlerinnen haben sich in Oberhof neue Gewehrschäfte bauen lassen. Das hat er betreut, hat die Anschläge eingestellt, hat geprüft, ob noch etwas verbessert werden muss, etwas dazu muss oder noch etwas weggeschnitten werden muss. Manchmal führt er auch individuelle Trainings mit einer Sportlerin durch, wenn diese intensiver an einer bestimmten Sache arbeiten möchte oder soll.

Zum Abschluss - wie würden sie diesen Satz vervollständigen: "Die neue Biathlonsaison ist für mich eine gute, wenn ..."

Mehringer: ... sich jede Sportlerin individuell weiter verbessert - im konditionellen wie im Schießbereich.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg beim Weltcupauftakt!

Stand: 27.11.2018, 09:20

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