Biathlon-Coach Mark Kirchner - Denise Herrmann ist schon Frontfrau

Herren-Bundestrainer Mark Kirchner bei der Biathlon-WM in Hochfilzen

Interview

Biathlon-Coach Mark Kirchner - Denise Herrmann ist schon Frontfrau

Von Torsten Schwenke

Wie steht es um das deutsche Biathlon nach dem Rücktritt von Laura Dahlmeier? Wie ist die Situation bei den DSV-Männern? Bundestrainer Mark Kirchner blickt im Interview mit sportschau.de optimistisch auf die kommende Saison. Ziel sei es, bei den Weltmeisterschaften Einzelmedaillen zu holen.

Sportschau.de: Es ist Saison eins nach Laura Dahlmeier. Mit ihr hat eines der großen Aushängeschilder im deutschen Biathlon aufgehört. Was bedeutet der Rücktritt für Ihr Team in der neuen Saison?

Mark Kirchner: "Bei all den Erfolgen, die sie gefeiert hat, zolle ich ihr großen Respekt. Aber jede Karriere ist mit dem Rücktritt vom Leistungssport  vorbei. So wie auch bei Ole Einar Björndalen und Darja Domratschewa zum Beispiel. Es ist jetzt nicht die Zeit, um darauf zu schauen wie wichtig sie für uns war, das ist ohnehin unbestritten, sondern um sich auf die Athletinnen zu konzentrieren, die wir haben. Wir schauen nach vorn."

Ganz weg ist Laura Dahlmeier ja nicht. Sie wird nun als Expertin an der Strecke stehen und die Leistungen der früheren Teamkolleginnen im Fernsehen bewerten. Erhöht so etwas den Druck auf Ihre Athletinnen?

"Felix Neureuther spricht jetzt auch über seine ehemaligen Kollegen und Kolleginnen. Das ist absolut nichts Außergewöhnliches, sondern der normale Lauf der Dinge."

Wer kann sportlich am ehesten in Laura Dahlmeiers Fußstapfen treten?

Denise Herrmann

Denise Herrmann

"Da gibt es eine Frontfrau, die da schon ganz tief drin steht: Denise Herrmann. Sie war im vergangenen Jahr bei der WM erfolgreicher als Laura und hat gezeigt, dass sie absolute Weltklasse ist. Aber es gibt nun auch die Chance für jüngere Athletinnen, die wir entwickeln wollen und die erstmals Weltcup-Luft schnuppern können. Außerdem wollen wir Franziska Preuß zu alter Stärke verhelfen. Ich glaube, dass in der Mannschaft eine Menge Potential steckt."

Bei den Herren sind die meisten ihrer Siegläufer schon älter als 30 Jahre. Da rückt das Thema Biathlon-Nachwuchs in den Fokus. Macht es Ihnen Sorgen, dass keine absoluten Top-Talente am Horizont warten - auch im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking?

"Das macht mir gar keine Sorgen. Wenn man mal sechs, sieben Jahre zurückgeht, war das doch genauso. Da hat auch niemand gedacht, dass wir in den Folgejahren viel gewinnen, doch das haben wir. Wir haben unsere Athleten zu Olympiasiegern und Weltmeistern gemacht. Ich sehe bei uns in den Kadern das Potential, um die Lücke zu den erfahrenen Spitzenläufern zu schließen. Roman Rees, Philipp Nawrath und Johannes Kühn können das. Auch Philipp Horn, der die Deutschen Meisterschaften dominiert hat, könnte das. Wir werden nicht anders an die Sache herangehen als vor sechs, sieben Jahren. Ich bin davon überzeugt, dass Top-Leistungen unseren Weg bestätigen werden." 

Dennoch bauen Sie noch stark auf Arnd Peiffer, Simon Schempp und Co. Auch perspektivisch?

"Wir hoffen, dass sich die Athleten noch zwei bis drei Jahre den Qualen im Training stellen wollen. Motivation und Lust sind dabei entscheidend. Und wenn das so ist, bleiben sie natürlich ganz wichtig für uns. Ich gucke ohnehin nicht ewig weit voraus. Man muss immer den Ist-Zustand analysieren. Jetzt steht erst mal der erste Weltcup an. Dann folgt die WM im nächsten Jahr und was dann irgendwann mal in Peking ist, weiß kein Mensch. Es gibt so viele Dinge, die sich ändern können, aber wir hoffen natürlich, dass sie auch dann noch Leistungsträger im Team sind." 

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Qualität im Kader hochzuhalten? Denise Herrmann bei den Frauen ist ein gutes Beispiel als ehemalige Langläuferin, die erfolgreich den Sprung zum Biathlon gewagt hat. Ist sie ein Beispiel, das Schule machen könnte?

Mark Kirchner

Mark Kirchner

"Wir wollen den Langläufern keine Talente wegnehmen. Im Männerbereich gibt es auch keinen, der es im Biathlon ganz nach oben geschafft hat. Im Frauenbereich ist das eine Besonderheit. Da gibt es einige Athletinnen, die Weltklasse-Niveau erreicht haben. Generell muss man heutzutage aber läuferisch und konditionell auf absolutem Topniveau sein. Da waren wir in den vergangenen Jahren immer vorn mit dabei. Es gibt natürlich auch Ausnahmen wie Johannes Thingnes Bö oder Martin Fourcade, die noch eine Stufe darüber sind. Wir arbeiten daran, sie zu ärgern, und das ist uns auch schon ab und an gelungen."

Blickt man auf die vergangenen Jahre ist das Team insgesamt sehr erfolgsverwöhnt. Wie gehen Sie den Spagat zwischen Erfolgsdruck und Wohlfühlatmosphäre an?

"Man muss auf alle Dinge reagieren, die in der Mannschaft präsent sind. Dazu zählt zum Beispiel die Familie oder andere Dinge, die im Fokus stehen können. Wir wollen uns nicht den 'Wir müssen'-Rucksack aufsetzen, sondern aus Freude am Sport und hoher Motivation heraus erfolgreich sein. Andere Nationen blicken da mit großem Respekt auf uns. Aber darauf werden wir uns natürlich nicht ausruhen, sondern immer weiter an uns arbeiten."

Noch ein Blick über das deutsche Team hinaus. Was zeichnet Ihrer Ansicht nach Spitzen-Biathleten wie Johannes Thingnes Bö aus? Auch Martin Fourcade scheint ja wieder gut in Form zu sein.

"Spitzenathleten haben natürlich von Natur aus schon einiges mitgegeben bekommen, zum Beispiel was das Herz-Kreislauf-System betrifft. Außerdem zeichnet sie neben dem Talent auch ein unglaublicher Ehrgeiz aus und eine hohe Motivation, erfolgreich zu sein und vor allem erfolgreich zu bleiben. Das hat viel mit Charakter zu tun. Deshalb gehe ich davon aus, dass Martin Fourcade nach der für ihn enttäuschenden vergangenen Saison wieder mehr investiert hat und voll angreifen wird."

Bitte vervollständigen Sie den Satz: Mit der neuen Saison wäre ich voll zufrieden, wenn…

"…wir vom Saison-Höhepunkt in Antholz ein bis zwei Einzelmedaillen mit nach Hause nehmen können - bei den Männern und den Frauen."

Vielen Dank für das Gespräch!

Stand: 19.11.2019, 10:15

Biathlon | Weltcupstand Damen

NameP
1.Dorothea Wierer96
2.Marketa Davidova78
3.Marte Olsbu Röiseland76
4.Julia Simon72
5.Franziska Preuß72

Biathlon | Weltcupstand Herren

NameP
1.Martin Fourcade100
2.Tarjei Bö92
3.Johannes Thingnes Bö91
4.Matwej Jelissejew82
5.Simon Desthieux81
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