Das dunkle Erbe

Das dunkle Erbe

Von Hajo Seppelt, Grit Hartmann, Jörg Winterfeldt

Nach den schweren Vorwürfen gegen die Internationale Biathlon-Union erkennen einige Beobachter nun einen Neuanfang. Indizien sprechen allerdings dagegen. Warum der Verband seinen Athleten in dieser Saison immer noch keinen fairen Wettkampf garantieren kann.

Biathlon Weltcup: Athleten beim Saisonauftakt im slowenischen Pokljuka

Biathlon Weltcup: Athleten beim Saisonauftakt im slowenischen Pokljuka

An einem regnerischen Novembermorgen war der deutsche Polizist Günter Younger neulich zum Pressetermin ins ehrwürdige Cricketstadion Lord’s in London gereist. Mehr als 5.000 Kilometer aus dem kanadischen Montreal, wo der Münchner seit Oktober 2016 als Chefermittler der Welt-Anti-Dopingagentur WADA arbeitet. In England sollte er seiner Organisation bei einem Medientag aus der Patsche helfen.

Deren Führung um den Schotten Craig Reedie ist – wegen ihrer Nähe zum Internationalen Olympischen Komitee und fehlender Entschlossenheit im Umgang mit dem russischen Staatsdoping - stark in die Kritik geraten. Auch deshalb wohl nutzt sie Younger so gern als eine Art Blitzableiter – auch bei Auftritten wie dem in London vor internationalen Medienvertretern. Der kahlköpfige Bayer steht nämlich nicht im Ruch, für Vertuschung zugänglich zu sein.

Vollkommen unabhängig

Ende vergangenen Jahres etwa hatte Younger ein Dossier gefertigt, das Strafermittler aus Norwegen und Österreich im April zu spektakulären Razzien ermutigt hat: einen Report über Korruption in der Internationalen Biathlon-Union (IBU) mit Sitz in Salzburg. Die beiden Hauptbeschuldigten, der norwegische IBU-Präsident Anders Besseberg, seit 25 Jahren auf dem Posten und seit 2001 auch im WADA-Stiftungsrat, und die deutsche Generalsekretärin Nicole Resch verloren daraufhin ihre Ämter.

Younger betont gern, dass seine Abteilung vollkommen unabhängig von der WADA-Spitze arbeitet: „Von den Ermittlungen gegen die IBU zum Beispiel hat Craig Reedie erst erfahren, als die Durchsuchungen der Polizei in Österreich und Norwegen stattgefunden haben“, sagte er der ARD-Dopingredaktion in London. „Es gab keinerlei Einfluss, auch keinerlei Nachfragen.“

Dabei wiegen die Vorwürfe schwer: Die IBU-Spitze soll von russischen Biathlon-Funktionären mit Geld und Gefälligkeiten – etwa geschenkte Urlaube oder Prostituierte – gefügig gemacht worden sein, damit positive Dopingtests ihrer Athleten vertuscht und ihre Belange wohlwollend behandelt werden. Besseberg und Resch haben das inzwischen nachdrücklich bestritten. 

Klimawechsel

Zum aktuellen Ermittlungsstand hält sich Younger bedeckt: „Derzeit werden die Unterlagen bei der Wiener Staatsanwaltschaft ausgewertet. Wir unterstützen sie dabei; schon deshalb kann ich keine weiteren Informationen herausgeben.“ Gegenüber der ARD-Dopingredaktion legt der Wada-Chefermittler zudem Wert auf die Feststellung, dass es sich bisher lediglich um einen Anfangsverdacht handelt: „Die Frage ist, ob man Dopingvertuschung und Betrug tatsächlich auch beweisen kann.“

Seit eine neue IBU-Führung im Amt ist – seit September steht der Schwede Olle Dahlin dem Biathlon-Weltverband als Präsident vor –, beobachtet Younger jedoch einen Klimawechsel, einen „Aufbruch“, wie er es nennt: „Wir arbeiten inzwischen sehr gut mit der IBU zusammen. Sie geht sehr aktiv gegen die Altfälle vor.“ 

Allein: Auch die IBU-Spitze um Dahlin kann nicht gewährleisten, dass in der neuen Saison alles mit rechten Dingen zugeht und ihre Athleten sich auf faire Wettkämpfe verlassen können. 

Eindrucksvolle Beweislast

Der neue Mann an der Spitze der Internationalen Biathlonunion: Olle Dahlin

Der neue Mann an der Spitze der Internationalen Biathlonunion: Olle Dahlin

Weil die Aufklärung nur träge in Gang kommt, dürfen noch immer Sportler starten, gegen die längst Belastendes vorliegt. Und dabei handelt es sich keineswegs ausschließlich um Russen.

Schwer unter öffentlichen Druck geraten, hatte noch die frühere Führung einen Kurswechsel eingeleitet. Als erster Wintersportverband sperrte die IBU im Mai eine Athletin infolge des russischen Staatsdopingskandals - allein auf der Grundlage von Datensätzen aus dem Moskauer Dopingkontroll-Labor sowie Aussagen und Berichten von Whistleblowern. Jekaterina Glasyrina, vielfache Weltcup-Starterin, zog ihren Einspruch schnell zurück – die Beweislast war eindrucksvoll.

In diesem Sommer leitete die IBU gegen vier weitere noch ungenannte russische Athleten Verfahren ein. Vergangene Woche, pünktlich zum Weltcupauftakt, erhob der Verband Klage und gab die Namen offiziell bekannt: die Olympiasieger Jewgeni Ustjugow und Swetlana Slepzowa sowie Alexander Petschonkin und Alexander Tschernyschow. Aus dem Quartett allerdings war allein Petschonkin noch aktiv.

Selbst in der IBU weiß man, dass noch mehr Fälle kommen aus Russland. Der Kanadier James Carrabre sitzt dem Medizin-Komitee des Weltverbands vor: „Ich sehe keine 20, 30, 40 – aber zehn könnten es womöglich sein. Da bin ich mir sicher, sehr sicher.“

Zur Kasse gebeten

Das sind viele – mehr als aus anderen Wintersport-Verbänden bekannt. Auch, weil vorher so viele Fälle vertuscht worden sind? Trotzdem hat auch die neue IBU - anders als etwa die Weltverbände für Leichtathletik oder Gewichtheben - das generelle Startrecht der russischen Skijäger nicht angetastet. Der russische Verband ist nicht gesperrt, sondern lediglich zum provisorischen Mitglied degradiert. Vor drei Wochen diktierte die IBU den Russen einen Forderungskatalog, der für erneute Vollmitgliedschaft erfüllt werden muss. Unter anderem sollen sie zahlen – etwa für Trainingskontrolle oder Dopingverfahren der IBU. Das klingt gut – allein: Die Integrität des Wettbewerbs ist damit nicht geschützt.

Fakt ist: Auch in diesem Winter hat der russische Verband noch zwölf Biathleten gemeldet, die nach ARD-Recherchen ins Staatsdoping verstrickt gewesen sein könnten. Ihre Namen finden sich im McLaren-Report, der Wada-Untersuchung zum Russland-Skandal. Einige waren auch bei den Olympischen Spielen in Sotschi dabei, als das gesamte russische Biathlon-Team gedopt gewesen sein soll: Das behauptet zumindest der bisher verlässliche Kronzeuge Grigori Rodschenkow.

So dürfen etwa die drei Teamkollegen des gerade erst angeklagten Jewgeni Ustjugow aus der Gold-Staffel von Sotschi weiter antreten: Alexei Wolkow, Dmitri Malyschko und Anton Schipulin. Letzterem verweigerte sogar das in der Regel russlandfreundliche IOC einen Start bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang. In der IBU darf Schipulin ungehindert siegen – wie kurz nach den Spielen beim Sprint-Weltcup im finnischen Kontiolahti. 

Risikogebiet Österreich

Für die ersten drei Weltcup-Rennen der neuen Saison hat der russische Verband seinen Star allerdings nicht nominiert. Offiziell, weil er nicht fit genug ist. Allerdings geht es von Pokljuka ins österreichische Hochfilzen weiter – dorthin, wo sich womöglich die Strafermittler für Schipulin interessieren. 

Und was ist mit Skijägern aus anderen Nationen? Dazu enthält das Dossier von WADA-Ermittler Younger explosives Potenzial, das bisher weitgehend unbeachtet blieb. Demnach hat die WADA nämlich alle 406 bei der IBU geführten biologischen Blutpässe analysiert: "Atypische Blutpässe sind ein Hinweis auf Doping. Von den 406 sind elf atypisch – sechs davon betreffen Russen." Woher also kommen die anderen fünf verdächtigen Athleten? Und warum ist die IBU bisher nur gegen einen der Athleten mit abnormalem Blutprofil vorgegangen – gegen den Russen Ustjugow? 

Gerade erst, vor drei Wochen, hat der Weltverband eine neue Kommission unter dem englischen Rechtsanwalt Jonathan Taylor eingesetzt, die sich um, wie die IBU-Pressemitteilung es nennt, "historischen Anschuldigungen" kümmern soll. Historisch?

Dahlins Heimatproblem 

Von aktueller Brisanz und bisher kaum wahrgenommen ist auch der Fall eines Trainers: des Deutschen Wolfgang Pichler. Einst trainierte er Stars wie die umstrittene Langläuferin Evi Sachenbacher-Stehle; vor Olympia in Sotschi dann die Russinnen. Pichler betonte stets, dass er von Moskaus staatlichem Dopingprogramm nichts mitbekommen habe.

Zuletzt gab der Trainer eine eidesstattliche Versicherung zugunsten seines früheren Schützlings Jekaterina Glasyrina im Dopingverfahren ab. Whistleblower Rodschenkow hatte berichtet, Glasyrina sei eiligst vor den Spielen in Sotschi abgezogen worden, weil sie sonst bei Dopingtests aufgeflogen wäre. Pichler hingegen versicherte, sie sei nur aus trainingstaktischen Gründen zurückgezogen worden.

"Nicht eingängig und nicht verifizierbar"

Im Doping-Urteil gegen Glasyrina, es stammt aus diesem Jahr, halten die IBU-Richter fest: "Die eidesstattliche Versicherung von Herrn Pichler ist nicht eingängig und nicht verifizierbar." Sie sei "auch nicht überzeugend".

Pichler ist jetzt Nationaltrainer für die Schweden, dem Heimatverband des neuen IBU-Präsidenten Olle Dahlin.

Stand: 06.12.2018, 14:20

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