Arnd Peiffer macht Schluss - der richtige Zeitpunkt

Die Karriere von Arnd Peiffer - erfolgreich, dramatisch und bewegend Sportschau 19.03.2021 04:34 Min. Verfügbar bis 19.03.2022 Das Erste

Zum Karriereende von Arnd Peiffer

Arnd Peiffer macht Schluss - der richtige Zeitpunkt

Von Christian Dexne

"Irgendwann mache ich einfach Schluss", hatte Arnd Peiffer vor kurzem noch verkündet. Jetzt hat er seine erfolgreiche Karriere als Biathlet noch vor dem Saisonfinale beendet - zum für ihn richtigen Zeitpunkt.

Das Interview nach seinem letzten Rennen hätte typischer kaum sein können. Die deutsche Mixed-Staffel war gerade enttäuschend auf Platz acht gelandet, stand zwischenzeitlich nur 30 Sekunden davor, von den herausragenden Norwegern überrundet zu werden. Und wie reagierte Peiffer? Sachlich.

Er erklärte, warum sich bei Wind speziell in Nove Mesto der Abstand zwischen den Führenden und den zu Beginn eines Rennens schwächelnden Mannschaften schneller vergrößere als auf anderen Strecken oder bei anderen Bedingungen. Es war eine bezeichnende Reaktion für einen der erfolgreichsten Biathleten, den Deutschland je hatte.

Arnd Peiffer - ein Mann der klaren Worte

Zu emotionalen Ausbrüchen hat er sich selten hinreißen lassen, weder im Erfolg noch nach Niederlagen. Peiffer war immer ein Mann der klaren, klärenden und erklärenden Worte, aber nie ein Sprücheklopfer oder Provokateur.

Der ruhige Athlet aus dem Harz war und ist ein reflektierter Mensch. Arnd Peiffer schaut sich jeden Abend die Tagesschau an. Er kann stundenlang genauso leidenschaftlich über Skistrukturen, Streckenpräparierung oder Startgruppen diskutieren, wie über die Rolle der Medien in der Pandemie oder die Fridays-for-Future-Bewegung.

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Arnd Peiffer - mit der Portion Selbstironie

Gleichzeitig hat Arnd Peiffer einen ausgeprägten Sinn für Humor und Ironie. Als die Sportschau vor einigen Jahren einige Filme aufnahm, in denen die Biathleten sich und ihren Sport selbst auf die Schippe nahmen, ging die Initiative dazu von Arnd Peiffer und seinem Freund Erik Lesser aus.

Sie fanden die ewig gleichen Vorberichte zu langweilig und verwiesen auf das norwegische Fernsehen. Dort liefe Johannes Thingnes Bö auch mal nackt durchs Bild oder Tiril Eckhoff mit einer Schlange um den Hals.

Diese Wintersportler machen Schluss

Abschied von der Wintersport-Bühne: Nach der ersten kompletten Saison ohne Zuschauer verlassen einige Wintersportler die große Wettkampfbühne.

Arnd Peiffer macht einfach Schluss "Irgendwann mache ich einfach Schluss", hatte Arnd Peiffer während der Saison noch verkündet. Wenige Wochen später war es schon soweit. Noch vor dem Saisonfinale beendete der 34-Jährige seine Karriere. 13 Winter im Biathlon reichen, Olympia 2022 stellte für ihn keinen Reiz dar. Der Zeitpunkt sei ideal, sagte Peiffer, der bei der WM im Februar mit Silber die einzige deutsche Einzelmedaille gewann. Es war seine 17. insgesamt.

Simon Schempp sucht neue Herausforderungen

Der ehemalige Spitzenathlet Simon Schempp hing das Gewehr schon im Januar an den Nagel, auch weil sein Körper den Belastungen nicht mehr gewachsen ist. Die langjährige deutsche Nummer eins hatte in seiner Karriere vier WM-Titel, zweimal Olympia-Silber und einmal Bronze sowie zwölf Weltcupsiege gewonnen. Er "habe viele tolle Momente erleben können", so der 32-Jährige, der sich ein Wirtschaftsingenieursstudium als neues Ziel vorgenommen hat.

Andi Bauer - "privates Projekt" statt Skispringen

Der Mann der ersten Stunde im Frauen-Skispringen verlässt die Bühne. Andreas Bauer betreute die Skispringerinnen seit dem erstem Weltcup, seinen Abschied zum Saisonende kündigte er während der Ski-WM in seinem Heimatort Oberstdorf an. Der zeitintensive Trainer-Job sei mit dem nicht näher erläuterten privaten Projekt zukünftig nicht mehr vereinbar, sagte der 57-Jährige.

Snowboard-Weltmeisterin Selina Jörg hört auf

Selina Jörg beendet ihre überaus erfolgreiche Laufbahn im Frühling. "Mit zwei WM-Medaillen beim Heim-Weltcup am Götschen abzutreten - besser geht’s nicht", sagt die Sonthofenerin. Mit zweimal Gold und einmal Bronze ist sie die erfolgreichste deutsche Snowboarderin bei einer WM. 21 Mal stand sie auf dem Weltcup-Podest und bei drei Rennen sogar ganz oben. Zur Sammlung gehört auch das Olympia-Silber von 2018.

Auch Snowboarderin Cheyenne Loch sagt Servus

Der Körper spielt nicht mehr mit: Nach anhaltenden Problemen am Sprunggelenk beendet auch Cheyenne Loch ihre Karriere. "Der Funke ist nach meinem Comeback diesen Winter nicht mehr zurückgekommen", sagt die 26-Jährige, die mit zahlreichen Verletzungen (u. a. zwei Kreuzbandrissen) zu kämpfen hatte.

Ski Alpin: Hannes Reichelt beendet Karriere

Ex-Weltmeister Hannes Reichelt verabschiedet sich von der großen alpinen Ski-Bühne. Der 40-jährige Österreicher hat "das Gefühl gehabt, dass nach 20 Jahren im Skiweltcup der Zeitpunkt gekommen ist, mich zu verabschieden." Größter Erfolg von Reichelt war der Gewinn der Goldmedaille im Super-G bei der WM 2015. Bei der WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen hatte er bereits Silber in dieser Disziplin geholt, drei Jahre zuvor die kleine Weltcup-Kristallkugel.

Skirennläuferin Marina Wallner - der Körper spielt nicht mehr mit

"Wenn der Körper nicht mehr so belastbar ist, wie man sich das wünscht, dann leidet die Motivation und es ist Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen." Skirennläuferin Marina Wallner hört auf, weil die Belastungen zu groß sind. Immer wieder wurde die 26-Jährige, die 2013 ihr Weltcupdebüt gefeiert hatte, von Verletzungen zurückgeworfen. Unter anderem kämpfte sie sich zwei Mal nach einem Kreuzbandriss zurück. Von ihren Verletzungen geprägt, will sie jetzt eine Ausbildung als Physiotherapeutin beginnen. 

Ondrej Moravec - der Sotschi-Abräumer geht

Mit 36 sagt der beste tschechische Biathlet des zurückliegenden Jahrzehnts Servus: Ondrej Moravec beendete in seiner Heimat Nove Mesto seine Karriere. Ohne Fans, aber mit seiner Familie. Emotional waren die Bilder, die um die Welt gingen. Von den neun Medaillen, die Moravec von 2013 bis 2020 bei Olympia und Weltmeisterschaften gewann, holte er drei bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi.

Bernhard Gruber - Österreichs erfolgreichster WM-Kombinierer und das Herz

Eigentlich hatte Bernhard "Bernie" Gruber diese Saison sein großes Comeback geplant. Ein Jahr nach seiner Herz-Operation hatte er sogar mit der WM in Oberstdorf geliebäugelt. Im Januar in Lahti stand er wieder auf der Schanze - doch dann wurde es dramatisch. Herkranzgefäßverengung, eine erneute Operation, zwei neuerliche Stents. "Das war recht heftig und ein ordentlicher Schuss vor den Bug. Ich habe auch mit den Ärzten gesprochen, und sie haben gesagt, es ist eher gescheiter, wenn ich mich vom Leistungssport verabschiede", erklärte Gruber. Statt Comeback folgte das engültige Karriereende für den 38-Jährigen. Mit je drei Gold- Silber- und Bronzemedaillen war er Österreichs erfolgreichster Nordischer Kombinierer - sogar erfolgreicher als Felix Gottwald .

Ski Alpin: Ted Ligety - der Rücken streikt

Überraschend kam der Rücktritt nicht - zu viele Verletzungen hatte der US-amerikanische Skirennläufer Ted Ligety in seiner Karriere erlitten: Kreuzbandriss, Operation an der Wirbelsäule, Bandscheibenprobleme. Eigentlich wollte der 36-Jährige noch die WM 2021 in Cortina fahren. Doch der Rücken machte nicht mit. Vor den Titelkämpfen gab er sein Karriereende bekannt. Was bleibt? Ligety gewann in seiner langen Karriere allen Disziplinen Weltcuprennen und geht als einer der besten Riesenslalomfahrer in die Geschichte ein. Fünf WM-Titel gewann er, außerdem 2006 und 2014 Olympia-Gold.

Und auch in seiner insgesamt sachlichen und fachlichen Auswertung von Rennen war zwischen den Zeilen stets eine Portion Selbstironie zu spüren. Das eigene Wirken setzte Peiffer immer in Relation zu den wichtigen Dingen des Lebens. Was häufig wie eine Floskel dahergesagt wird, hätte er so nie formuliert, er hat es gelebt.

"Der perfekte Zeitpunkt" - Arnd Peiffer hört auf

Sportschau 16.03.2021 02:13 Min. Verfügbar bis 16.03.2022 ARD


Arnd "Pfeiffer" - ein beliebter Fehler

Über große Siege konnte er sich freuen, über herbe Niederlagen ärgern, doch das alles hatte seine überschaubare Zeit und war für Peiffer am nächsten Tag Geschichte.

Als er 2008 bei den Weltmeisterschaften der Junioren im Sprint Bronze gewann, stand auf der Urkunde noch Arnd Pfeiffer. Der damalige Teamleiter Eberhard Rösch ließ es ändern. Die Frage, ob Peiffer oder Pfeiffer musste er in den folgenden Jahren noch viele Male beantworten, inzwischen aber gehört er zu den bekanntesten Wintersportlern des Landes.

Sein Debüt im Weltcup im Januar 2009 verdankt er seinem Dickschädel. Beim Hallenfußball in Oberhof traf Peiffer mit dem Kopf die Nase seines Teamkollegen Christoph Stephan. Stephan brach sich die Nase und musste operiert werden. Peiffer rückte für ihn in die Staffel und brachte Deutschland als dritter Läufer zwischenzeitlich sogar in Führung. Sein erster Einsatz im Weltcup endete auf Platz drei, vor 19.000 Zuschauern am Rennsteig in Oberhof.

Peiffer war seit Januar 2009 fester Bestandteil des Weltcupteams. Nur fünf Wochen später reiste er im Februar zu seinen ersten Weltmeisterschaften und gewann in Pyeongchang zwei Bronzemedaillen mit den beiden Staffeln. Neun Jahre später feierte er an gleicher Stelle seinen größten Erfolg.

Sprint-Olympiasieger 2018 in Pyeongchang

2018 reiste er das dritte Mal als Teilnehmer zu Olympischen Spielen. In Pyeongchang nahm Peiffer erstmals an der Eröffnungsfeier teil. Peiffer ging mit einer anderen Einstellung in diesen Olympiasprint. "Ich habe mich nicht auf eine mögliche Medaille konzentriert, sondern ich wollte einfach meine bestmögliche Leistung zeigen", erklärte er später.

Biathlet Arnd Peiffer während des Rennens und bei der Siegerehrung

Ein vermeintlicher kleiner Unterschied in der Herangehensweise führte zu seinem größten sportlichen Erfolg. Dabei verlief der goldene Sonntag zunächst denkbar unglücklich. Erst hatte er den Schlüssel zum Gewehrschrank vergessen. Eine halbe Stunde vor dem Start brach ihm der Schlagbolzen in seinem Gewehr, und dann stolperte er auch noch auf der Treppe des Wachscontainers und prellte sich den Ellbogen. Dennoch war Peiffer dann einer von nur vier Athleten, die in diesem Rennen ohne Schießfehler blieben.

Olympiagold mit der Staffel 2014 in Sotschi?

Ein zweites Olympiagold steht noch aus. 2014 in Sotschi war die deutsche Staffel knapp hinter Russland auf Platz zwei ins Ziel gekommen. Der Russe Jewgeni Ustjugow wurde später des Dopings überführt. Damit wären die Deutschen nachträglich Olympiasieger geworden, doch Ustjugow ging gegen ein Urteil des internationalen Sportgerichtshofs CAS in Revision. Sieben Jahre nach dem Rennen läuft das Verfahren immer noch.

Arnd Peiffer und seine Mannschaftskollegen beobachten es ernüchtert, sind aber bereit für eine eventuelle Siegerehrung. Sollte das Verfahren irgendwann zu einem Abschluss zugunsten der Deutschen kommen, würden sich Arnd Peiffer, Erik Lesser, Daniel Böhm und Simon Schempp zu einer eigenen kleinen Siegerehrung treffen, im Garten am Grill, so ist es besprochen.

Erfolgreiche Abschlusssaison für Peiffer

Seine letzte Saison war noch einmal erfolgreich. Im Dezember gewann er in Hochfilzen den Massenstart. Ein typischer Peiffer-Sieg, denn er kam unerwartet. Die deutschen Männer standen in der Kritik, die Ergebnisse waren nicht gut. Peiffer selbst war in Sprint und Verfolgung nur auf den Plätzen 22 und 24 gelandet. Scherzhaft hatte er noch am Vorabend dem nicht für den Massenstart qualifizierten Philipp Horn seine Startnummer angeboten, so müde fühlte er sich.

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Dann aber blieb er im Wettkampf ohne Schießfehler. Die Führungsgruppe wurde von Runde zu Runde kleiner, bis auf der Schlussrunde nur noch der Schwede Ponsiluoma und Peiffer übriggeblieben waren, den er in der vorletzten Kurve vor dem Ziel überholte. Ungewohnt emotional lief Peiffer laut jubelnd mit geballter Faust ins Ziel. Es war sein erster Sieg im Massenstart.

20 WM- und Olympiamedaillen

Bei den Weltmeisterschaften im Februar auf der Pokljuka gewann Peiffer im Einzel die Silbermedaille. In jedem seiner dreizehn Jahre im Weltcup hat er damit mindestens eine Medaille bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen gewonnen, insgesamt sind es zwanzig.

Arnd Peiffer und Erik Lesser bei der WM in Pokljuka

Bis zum Schluss gehörte er zu den Besten der Welt. Emotional sicherlich der Sieg mit der Männer-Staffel in Nove Mesto. Darauf hatten Peiffer und die deutsche Mannschaft über vier Jahre warten müssen. Der Sieg gelang keine zwei Wochen nach dem sportlichen Debakel bei den Weltmeisterschaften, als ausgerechnet Peiffers Freund und Zimmerpartner Erik Lesser in der Staffel einen Leistungseinbruch erlitt.

Nun nahmen sich Peiffer und Lesser nach dem Rennen lange in den Arm. Lesser hatte in der letzten gemeinsamen Staffel als Startläufer eine herausragende Leistung gezeigt und die Grundlage für den Sieg bereitet. Eine Geschichte, die angesichts des da bereits beschlossenen Abschieds von Arnd Peiffer fast schon kitschig wirkt.

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Schluss nach 366 Weltcup-Einsätzen

Sein Berufsleben fand öffentlich statt, das nahm er hin. Sein Privatleben hielt Peiffer aus der Öffentlichkeit. Es dürfte aber der Hauptgrund sein, warum er jetzt Schluss macht. Es sei der richtige Zeitpunkt, meint Peiffer zu den Gründen, denn noch könne er sportlich mithalten, wer aber wisse schon, wie lange noch. Peiffer ist Elfter der Weltrangliste, mit 33 Jahren also noch konstant und konkurrenzfähig. Doch die Prioritäten haben sich verschoben.

Mehr Zeit für die Familie wünsche er sich, sagt Peiffer und erinnert daran, dass er nicht nur im Winter vier Monate unterwegs sei, sondern auch im Sommer während zahlreicher Trainingslager. 2018 wurde er zum ersten Mal Vater, mit seiner Frau und seiner Tochter lebt er in der Nähe von München. Dort hat er sich vor einigen Jahren eingerichtet, mit einem Kraftraum im Keller und guten Möglichkeiten, im Sommer in der Nähe auf Skirollern zu trainieren.

Viel mehr ist nicht bekannt über die Privatperson Arnd Peiffer, und das wird auch so bleiben. Er selbst ist zwar großer Fan der ARD-Serie "Ohne Gewehr", die ehemalige Biathleten in ihrem Leben nach dem Sport porträtiert. "Aber mich braucht ihr dafür nicht anzufragen, da gibt es eh eine Absage", stellte er erst kürzlich lachend klar.

red | Stand: 16.03.2021, 16:00

Biathlon | Weltcupstand Herren

NameP
1.Simon Desthieux88
1.Johannes Thingnes Bö88
3.Tarjei Bö83
4.Vetle Sjaastad Christiansen78
5.Sivert Guttorm Bakken72

Biathlon | Weltcupstand Damen

NameP
1.Marketa Davidova86
2.Dsinara Alimbekawa86
3.Marte Olsbu Röiseland79
4.Lisa Theresa Hauser74
5.Denise Herrmann64
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