Biathletin Herrmann: "Laura ist Laura und ich bin ich"

Biathletin Denise Herrmann

Deutschlands neue Nummer eins?

Biathletin Herrmann: "Laura ist Laura und ich bin ich"

Von Bernd Eberwein

In der Loipe zählt sie zu ohnehin zu den Besten, im Sommer hat sie intensiv an ihrer Schwäche, dem Schießen, gearbeitet. Denise Herrmann könnte die neue Topathletin im deutschen Biathlonteam werden. Vergleiche mit Laura Dahlmeier scheut sie aber.

Sportschau.de: Herzlichen Glückwunsch! Platz zwei im Massenstart bei den Testwettkämpfen in Sjusjön/Norwegen – das macht Lust auf mehr?

Denise Herrmann: "Ja, auf jeden Fall. Ich habe im Vorfeld nicht so viele Einheiten mit hohen Intensitäten gemacht, sondern den Wettkampf genutzt, um in Schwung zu kommen. Die Rennen hier waren richtig gut besetzt, da sieht man gleich mal, wo die Trauben hängen."

Auf dem Papier waren es "nur" Testwettkämpfe. Aber wenn man sieht, wer vorne mitgelaufen ist, die Italienerin Dorothea Wierer gleich wieder ganz vorne, sagt das doch schon einiges über die Form aus?

Herrmann: "Sicher. Man geht schon noch etwas anders heran. Manche kommen aus dem Training, manche haben davor schon Testrennen gehabt, das ist unterschiedlich. Aber prinzipiell ist es ein Wettkampf: Du hörst den Startschuss, du musst gut schießen - es ist das erste Kräftemessen.

Ich denke: Wir sind gut dabei. Man sieht: Es wird gut geschossen, auch die anderen haben ihre Hausaufgaben gemacht, man muss stets auf der Hut bleiben."

Stichwort "Schießen": Sie sind gut gestartet, haben im Testrennen 19 von 20 möglichen Scheiben getroffen. Sie haben im Sommer speziell am Schießen gearbeitet und auch einen neuen Gewehrschaft?

Herrmann: "Für mich persönlich liegt im Schießen immer noch das größte Potential. Ich habe im April schon mit einem neuen Schaft begonnen. Das war ein sukzessiver Prozess bis drei Wochen vor der Deutschen Meisterschaft (im September 2019, Anm.d.Red.).

Bis dahin wurden immer noch kleine Details verfeinert, man muss immer wieder was probieren unter Belastung und kann danach sein Feedback geben. Ich denke, das war noch mal ein guter Schritt in die richtige Richtung. Ob’s jetzt mehr Treffer werden in der gesamten Saison? Ich hoff' es. Wenn pro Wochenende ein, zwei Scheiben mehr fallen, wär’'s gut.

Prinzipiell kann ich beim Schießen, Schießzeiten, Anschlageinnahme noch extrem viel rausholen. Dafür haben wir richtig hart gearbeitet. Ich hoffe, dass ich das unter Wettkampfbelastungen und verschiedenen Druck- und Wettersituationen auch abrufen kann."

Das heißt, in der Sommervorbereitung lag der Fokus auf dem Schießen? Bei den Deutschen Meisterschaften waren sie gleich mehrmals erfolgreich. Woran haben Sie sonst gezielt gearbeitet?

Herrmann: "Im Schießen war es bei den Deutschen Meisterschaften richtig gut im Sprint und Massenstart. Beim Verfolger habe ich hinten raus etwas danebengeballert. Aber da sieht man: Es kann einen Tag gut gehen, den anderen Tag … Man darf nicht denken 'Jetzt läuft’s, es geht von alleine.'

Am Schießstand muss man sich immer weiterentwickeln. Selbst die älteren oder erfahreneren 'Schießhasen' haben Phasen drin, in denen es nicht so gut läuft.

Aber unsere Stützpunkt-Trainingsgruppe ist am Schießstand stark. Die eine schießt sehr schnell, bei der anderen kommt selten ein Fehler, egal unter welchen Belastungen - da kann ich mich täglich mit den Besten messen. Das bringt mich voran."

Sie sind in der neuen Saison nach dem Rücktritt von Laura Dahlmeier stärker im Fokus der Öffentlichkeit. ARD-Expertin Magdalena Neuner traut Ihnen eine Führungsrolle im deutschen Team zu. Nehmen Sie das selbst so wahr, dass Sie stärker in den Mittepunkt rücken?

Herrmann: "Ich merke schon, dass von außen eine neue Führungsperson gesucht wird. Klar, Laura ist jetzt weg. Aber Laura ersetzen, das kann keine von uns. Laura ist einfach Laura und ich bin ich.

Ich weiß: Wenn es sportlich läuft, kann ich Akzente setzen. Es kann bei mir aber auch Phasen geben, in denen es überhaupt nicht läuft. Aber es gibt ja auch die anderen Mädels im Team. Im vergangenen Winter gab es fünf unterschiedliche Namen auf dem Podest (aus dem deutschen Team, Anm.d.Red.). Das zeigt ja das Potential der Mannschaft. Wenn eine einen schwachen Tag hat, springt die andere in die Bresche.

Ich bin ja eine trainingsältere Athletin, zusammen mit Karolin Horchler und Franziska Hildebrand. Da ist man schon aufgrund des Alters so eine Art 'Sprachrohr'. Aber von den sportlichen Leistungen? Natürlich habe ich Erwartungen an mich und hoffe, dass ich diese erfüllen kann.

Ich denke, dass wir insgesamt eine starke Mannschaft sind. Jede Einzelne hat schon gezeigt, dass sie vorne mit dabei sein kann. Wenn wir das alle miteinander so oft wie möglich schaffen könnten, wären wir sehr zufrieden.

Gerade bei den Staffeln werden wir in Antholz (WM 2020, Anm.d.Red.) richtig angreifen. Nach den letzten Großereignissen haben wir da noch ein, zwei Rechnungen offen."

Sie waren als Achte im Gesamtweltcup im vergangenen Winter beste Deutsche, dazu drei WM-Medaillen. Und jetzt im Fokus der Öffentlichkeit. Erzeugt das keinen zusätzlichen Druck?

Herrmann: "Was heißt Druck? Man kann ja Druck auch im positiven Sinne nutzen. Es wäre verwegen zu sagen: 'Wenn ich bei der WM Zehnte werde, bin ich zufrieden.' Ich weiß, wo es hingehen kann, wenn alles gut läuft.

Es ist definitiv mein Ziel, an die Ergebnisse anzuknüpfen und sie vielleicht einzustellen. Aber: Man muss gesund bleiben. Viele Faktoren spielen da mit rein - und nicht alle hat man selbst in der Hand.

Im vergangenen Winter war ich anfangs läuferisch auch gut drauf, konnte dann aber meine Erwartungen nicht erfüllen. Ich war mehr in der Strafrunde unterwegs als auf der Wettkampfstrecke. Im Biathlon kann es schnell gehen.

Es ist ein schönes Gefühl, am Start zu stehen und zu wissen: 'Man hat an jedem Tag das Zeug dazu, aufs Podest zu laufen.' Ich kann Akzente setzen, wenn alles passt.

Es ist irgendwo auch ein Druck. Aber dafür macht man's: Es ist Leistungssport. Dafür rackert man sich den ganzen Sommer und den Herbst ab. Dass es nicht jeden Tag aufgehen wird, ist mir auch klar, ich bin ja auch keine Maschine.

Aber mir wäre schon daran gelegen, dass ich so oft wie möglich - vielleicht,  zwei, drei Mal mehr wie in vergangenen Jahren - mein Maximum abrufen kann. Wenn das am Tag X in Antholz passieren kann, hätte ich natürlich nichts dagegen."

Also keine konkreten Saisonziele in Zahlen ausgedrückt, aber Sie sagen: Mindestens wieder Achte im Gesamtweltcup oder besser und eine WM-Medaille nimmt man gerne mit, wenn’s klappt?

Herrmann: "Das große Ziel ist natürlich die WM und da Medaillen zu gewinnen. Den Gesamtweltcup zu planen … das ist schwierig. Das Wichtigste ist, dass man ein halbes Jahr lang gesund bleibt. Die Reiserei, schlechtes Wetter bei Wettkämpfen, stellenweise Rumstehen nach den Rennen - das birgt Gefahren an jeder Ecke. Aber wenn man die clever umgeht, kann ich ein Wörtchen mitreden. Es wäre ja langweilig, wenn's immer nur die Italienerinnen machen (lacht)."

Sie haben die Italienerinnen angesprochen. Dorothea Wierer, Lisa Vittozzi & Co. - erneut die Topfavoritinnen für den Winter? Wer sind die Haupt-Konkurrentinnen um WM-Medaillen?

Herrmann: "Die Italienerinnen werden richtig brennen in diesem Jahr, gerade mit einer Heim-WM. Das merkt man jetzt schon. Sie übernehmen gerne mal das Zepter und haben ihre Hausaufgaben gut gemacht. Man muss auf der Hut sein, aber man hat in Sjusjoen gesehen: Wir sind voll dabei und wenn alles gut geht sind auch die Italienerinnen auf jeden Fall schlagbar.

Man hat im vergangenen Jahr gesehen, dass sie konstant durch eine Saison durchkommen können. Damit muss man auch wieder rechnen. Ich denke aber auch, dass die Norwegerinnen richtig gut drauf sind.

Und mal schauen, was die anderen Mädels machen. Eine Kaisa Mäkäräinen (Finnland, Anm.d.Red.) und andere laufstarke Mädels. Da weiß man einfach: Die können eine ganze Saison vorne mitlaufen. Da liegt es oft - wie bei mir - am Schießen. Es gibt mehrere Podest-Anwärterinnen. Aber die Italiener-Mädels sind da richtig heiße Eisen im Feuer."

Vielen Dank für das Gespräch!

Stand: 21.11.2019, 12:07

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