ARD-Expertin Magdalena Neuner: Herrmann kann Dahlmeier-Lücke füllen

Vor dem Biathlon-Saisonauftakt

ARD-Expertin Magdalena Neuner: Herrmann kann Dahlmeier-Lücke füllen

Von Bernd Eberwein

Im schwedischen Östersund startet der Biathlon-Weltcup in die neue Saison. Sportschau.de sprach mit ARD-Expertin Magdalena Neuner über das deutsche Team im Jahr eins nach Laura Dahlmeier, Favoritinnnen und Favoriten und die Weltmeisterschaft in Antholz.

Sportschau.de: Jahr eins nach Laura Dahlmeier. Du kennst die Situation, Du bist selbst als Nummer eins im Team zurückgetreten. Was verändert sich im Teamgefüge - fehlt Laura Dahlmeier nicht nur sportlich, sondern auch als Leaderin?

Magdalena Neuner: "Ich glaube, da Laura Dahlmeier eher der Typ Einzelgänger war, wird es im Team nicht ganz so viel ausmachen. Natürlich fehlt für die Zuschauer erst einmal ein Magnet, den man in der Favoritenrolle sieht.

Wobei für mich persönlich Denise Herrmann eine Biathletin ist, die diese Lücke im Team auch füllen kann. Und sie ist auch die Älteste im Team und sehr beliebt - sie kann diese Führungsposition übernehmen."

Denise Herrmann hast Du schon angesprochen. Wer kann sonst die Lücke im Team füllen? Franziska Preuß, auch wenn ihr etwas die Konstanz fehlt?

Neuner: "Franzi hatte im Herbst große gesundheitliche Probleme, sie hat ganz lange nicht gut trainieren können. Daher habe ich etwas Sorge, dass auch dieser Winter nicht ganz optimal für sie laufen wird. Das ist aber nur eine Einschätzung, was ich bisher mitbekommen habe.

Maren Hammerschmidt hat ja im vergangenen Jahr ihre Verletzungspause gehabt mit Schienbein-Operation. Sie kommt jetzt wieder zurück und das wäre für mich auch eine, die im deutschen Team zu den Besseren gehört."

Magdalena Neuner

Maren Hammerschmidt ist läuferisch wieder fit, hat im Frühjahr die „Chiemgau Trophy“ gewonnen, das Sprungeglenk hält. Aber sie startet zunächst nur im zweitklassigen IBU-Cup in der neuen Saison …

"Das ist eigentlich ein normales Prozedere. Die anderen haben sich ja bewiesen in der vergangenen Weltcupsaison. Es ist immer schwer, jemandem einen „Krankenbonus“ zu geben und nach einem Jahr gleich wieder in die Weltcupmannschaft aufzunehmen. Sie muss sich jetzt wieder beweisen und zeigen, dass sie das Niveau für den Weltcup hat.

Am Anfang der Saison ist es immer ein buntes Würfeln, bis sich alles sortiert hat. Bis man sieht, wo sich jeder einreiht. Dieses A- und B-Team wird sich relativ schnell vermischen. Spätestens zu den Weltcups nach Weihnachten wird die Aufstellung wahrscheinlich noch einmal anders ausschauen."

Eine positive Überraschung der vergangenen Saison war Anna Weidel mit Weltcupplätzen zehn und elf, ihren ersten Top-Platzierungen. Was traust Du den jungen Biathletinnen im deutschen Team zu?

Neuner: "Anna Weidel hat sich gut präsentiert, bei den anderen muss man einfach mal schauen. Ich glaube, viele von den Jungen brauchen noch Zeit bis zur Weltspitze. Es ist schon nochmal ein Sprung von 'Ich bin in der Nationalmannschaft' bis zu 'Ich bin in der Weltspitze'.

Aber es schaut nicht so schlecht aus. Es ist einiges im Nachwuchs da, das B-Team ist bei uns gut besetzt. Deswegen finde ich es in diesem Jahr spannend, wie sich am Ende die Nationalmannschaft zusammenstellt."

Schauen wir auf die Herrenmannschaft: Da nur die „üblichen Verdächtigen“? Die Deutschen, die vorne mitlaufen können, sind Arnd Peiffer, Erik Lesser & Co. wie in den letzten Jahren?

Neuner: "Ich finde es gut, dass Simon Schempp in diesem Jahr nach seiner Schulterverletzung wieder dabei ist. Nach der deutschen Meisterschaft im Herbst hat er sich als 'Frontmann' präsentiert, da hat er ziemlich abgeräumt.

Arnd Peiffer als absolut routinierter und erfolgreicher Athlet wird auch diese Saison wieder gute Rennen machen. Auch Benedikt Doll ist bei den Herren immer vorne mit dabei. Also bei den Herren sieht es meiner Meinung nach wirklich gut aus. Da haben wir Leute die auch das Potential haben, Weltmeister zu werden oder im Gesamtweltcup weiter nach vorne zu laufen.

Auch die jungen Biathleten – Roman Rees, Johannes Kühn, Philipp Nawrath – haben sich im vergangenen Winter gut präsentiert."

Vom deutschen Team zur internationalen Spitze – wer sind die Favoritinnen und Favoriten im neuen Winter? Kann man da überhaupt eine Prognose abgeben? Werden wir wieder Dorothea Wierer und Johannes Thingnes Bö vorne sehen?

Neuner: "Ich würde sagen: Ja. Für mich sind Wierer oder auch Lisa Vittozzi die Favoritinnen. Bei den Herren natürlich die Norweger, die Bö-Brüder. Dann die starken Franzosen um Fillon Maillet. Wobei ich glaube, dass auch Martin Fourcade diese Saison wieder vorne mitmischt, was ich ihm sehr wünschen würde. Er hat ja letztes Jahr negativ-überraschend geschwächelt.

Aber man weiß nie, ob die anderen Nationen nicht plötzlich einen Jungen haben, den wir alle überhaupt noch nicht kennen, dessen Namen wir noch nie gehört haben – das kann natürlich auch sein. Ein paar Große haben aufgehört, bei den Damen zum Beispiel Anastasiya Kuzmina, die über Jahre absolute Weltspitze war. Auch die Laura ist weg. Es wird spannend dieses Jahr, weil man nicht so recht weiß, was eigentlich passiert."

Zum Abschluss: Was sind für Dich die Höhepunkte des Biathlon-Winters? Und wo werden wir Dich im Ersten sehen?

Neuner: "Mein absolutes Highlight wird die WM in Antholz. Das war 2007 meine erste WM, bei der ich dabei und auch erfolgreich war. Ich finde es toll, dass ich die WM 2020 als Expertin in der ARD begleiten darf. Ansonsten bin ich noch bei den Weltcups in Hochfilzen und Pokljuka im Einsatz."

Stand: 19.11.2019, 12:29

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