Wo liegen die deutschen Wintersport-Baustellen?

Eric Frenzel aus Deutschland springt von der Großschanze

Analyse nach der Wintersport-Saison

Wo liegen die deutschen Wintersport-Baustellen?

Von Dirk Hofmeister

Nach der Wintersport-Saison ist vor der Wintersport-Saison. Wo liegen die größten Baustellen im Biathlon, Skispringen, Langlauf, Ski Alpin, Eisschnelllauf und der Nordischen Kombination? Eine Analyse.

Biathlon - Der Nachwuchs

Die deutschen Biathleten haben ein Nachwuchs-Problem. Anders als Norwegen, Frankreich, Schweden, die ihren Nachwuchs in den Top 10 des Gesamt-Weltcups platzieren können, muss man auf der Suche nach den deutschen Biathleten der Zukunft ganz schön häufig in der Liste umblättern. Bei den Männern stehen die beiden besten U25-Deutschen im Gesamt-Weltcup auf Rang 83 (Justus Strelow) und 87 (David Zobel). Bei den Frauen ist Janina Hettich immerhin 22., Anna Weidel und Vanessa Voigt als 70. und 81. sind dagegen ebenso weit hinten wie der Männer-Nachwuchs.

Biathlon-Sportdirektor Bernd Eisenbichler ist das Problem bekannt. "Wir haben da Arbeit vor uns", erklärte Eisenbichler, der die Nachwuchsentwicklung bereits bei seiner Amtsübernahme im November 2019 auf seine To-Do-Liste packte. "Wir müssen Talente sehr gut und sauber entwickeln, wir dürfen uns da keine Fehler erlauben."

Mit den Rücktritten von Arnd Peiffer und Simon Schempp aus der goldenen Generation wird die Situation der Skijäger in der Olympiasaison 2021/22 nicht eben besser. Bundestrainer Mark Kirchner erhofft sich vom Nachwuchs, dem er u.a. beim Weltcup-Finale in Östersund eine Einsatzchance gab, dass er den arrivierten Athleten im Sommer Dampf macht: "Ich bin sehr positiv gestimmt, wie sie sich hier eingebracht haben. Wichtig ist, dass sie gesehen haben, dass sie nicht so weit weg sind von der Spitze", bewertete Kirchner etwa die Ränge 30 (Strelow) und 32 (Zobel) aus dem abschließenden Verfolger.

Die jetzigen Leistungsträgerinnen und Leistungsträger Franziska Preuß, Denise Herrmann, Erik Lesser und Benedikt Doll werden wohl bis mindestens zur Heim-WM 2023 in Oberhof am Start sein. Damit sich bis dahin neue Talente entwickeln, will er vernetzter und systematischer arbeiten. "Mehr Lehrgänge, mehr Reibungspunkte, mehr Präsenzphasen an den Stützpunkten", erklärte Eisenbichler. Kirchner sieht für die kommende Saison übrigens nicht nur das Nachwuchsproblem: Der Thüringer benennt außerdem die schwankende Kondition, Arbeit am Material und fehlende Konstanz am Schießstand als Baustellen. Mit Blick auf den Nachwuchs appelliert er eher zu Gelassenheit: "Wenn man etwa in die Jahre 2010 oder 2011 schaut, wo noch kein Erik Lesser oder Benedikt Doll da war und wir gesagt haben, wir haben keinen Überflieger. Wir haben alle zu WM- und Olympiamedaillen gebracht. Das wird auch das Ziel der nächsten Generation sein."

"Wissen, wo Defizite liegen" - das Saisonfazit des Biathlon-Bundestrainers Sportschau 22.03.2021 12:59 Min. Verfügbar bis 21.03.2022 Das Erste

Skispringen - die Frauen und der Trainer

Als Bundestrainer brachte Andreas Bauer die deutschen Skispringerinnnen an die Weltspitze, feierte mit Carina Vogt und Katharina Althaus Olympia-Medaillen, viele Weltcup-Siege und dreimal WM-Gold. Der Mann, der mit den Springerinnen die größten Erfolge feierte, verlässt nach der Saison den Skiverband. Nach einer Saison, die von vielen Enttäuschungen begleitet war.

Im Mixed-Team gab es zwar sensationell WM-Gold, zum Saisonfinale in Russland noch einmal überraschend einen dritten Rang im Team-Wettkampf. Sonst blieben die deutschen Frauen aber teilweise weit vom Podest entfernt. Springerinnnen wie Althaus oder Juliane Seyfarth konnten bei den wenigen Wettkämpfen des Winters ihre Formschwäche nicht überwinden. Vogt wurde immer wieder von Verletzungs-Rückschlägen geplagt. Dass sie es überhaupt zur WM schaffte, war schon ein Erfolg.

Einen Nachfolger für den analytisch denkenden und in der Skisprung-Szene hoch anerkannten Bauer zu finden und die deutschen Frauen wieder an die Weltspitze zu führen - das ist eine echte Baustelle für den Deutschen Ski-Verband.

Andreas Bauer - Erfolgstrainer der DSV-Springerinnen Sportschau 26.02.2021 08:50 Min. Verfügbar bis 26.02.2022 Das Erste

Ski Alpin - die Technikerinnen

Die größte Baustelle bei den deutschen Skirennläufern sind die Technikdisziplinen der Frauen. Da klafft eine große Lücke zur Weltspitze. Oder, wie Alpinchef Wolfgang Maier es ausdrückt: "Das ist keine kleine Delle, das ist eine Herausforderung." In den Speedrennen gab es immerhin WM-Silber durch Kira Weidle in der Abfahrt. Aber im Slalom oder Riesenslalom sind die Deutschen weit weg. "Bei den Frauen sind wir im Moment nur punktuell konkurrenzfähig. Wir haben viele Aufgaben, die wir noch besser machen müssen", erklärt Maier.

Hinzu kommt: Durch die Corona-Pandemie sind die Deutschen in der Nachwuchsförderung weit zurückgeworfen worden . "Wir haben eine Riesen-Herausforderung, was die Damen betrifft. Insgesamt ist der Damen-Sport gefordert. Wir verlieren in mehreren Disziplinen, besonders bei den Frauen. Wir werden dafür noch einmal spezielle Nachwuchsförderungsprogramme entwickeln", erklärte Maier in der Sportschau und ergänzte: "Wir müssen Konzepte überarbeiten. Wir müssen überlegen, ob die Wege, wie wir Frauen in den Leistungssport entwickeln, zielführend sind."

Maier zur DSV-Saison: "Haben sehr viele gute Rennen gezeigt" Sportschau 21.03.2021 03:41 Min. Verfügbar bis 21.03.2022 Das Erste

Eisschnelllauf - die Unruhe

Über öffentliche Wahrnehmung und Schlagzeilen konnte sich die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft in der vergangenen Saison nicht beklagen. Nur leider waren die Schlagzeilen selten sportlicher Natur. So blieb Europameisterschafts-Bronze von Joel Dufter ein seltener sportlicher Höhepunkt der Saison - und es blieb die einzige Podestplatzierung der deutschen Kufenflitzer in diesem Winter. Zumeist ging es aber um Querelen in und um die DESG, über den Sportschau-Kommentator Ralf Scholt urteilte: "Die Kommunikation ist ein Hauptproblem im Verband. Das ist nicht neu. Es ist schlechter geworden unter dem neuen Präsidium."

Matthias Große ist seit Juni 2020 erst kommissarischer DESG-Präsident, seit September 2020 gewählter Präsident. "Wir haben den Verband nicht am Boden sondern im Keller übernommen", sagt der Lebensgefährte von Claudia Pechstein und verweist darauf, dass der Verband keine Sponsoren, aber dafür Verbindlichkeiten hatte und kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand. Die Kommunikationskultur bleibt aber gestört, es wird eher übereinander als miteinander gesprochen.

Sportler wie Dufter oder Athletensprecher kritisieren Große öffentlich, unter anderem für die Entlassung von Sprint-Bundestrainer Danny Leger. Große drohte den Sportlern mit Konsequenzen auf einen offenen Protestbrief gegen die Entlassung. Andere, wie Bundestrainerin Jenny Wolf, zogen sich selbst zurück. Der beste deutsche Eissprinter Dufter stellt sogar seine Zukunft in Deutschland in Frage, liebäugelt mit einem Wechsel in die Niederlande. Zuletzt schaltete sich sogar die Politik ein, der Sportausschuss des Bundestages will die DESG überprüfen.  

Das alles wirft kein gutes Licht auf eine einstige deutsche Medaillenschmiede, das Eisschnelllaufen. Dabei wünscht sich mit Anni Friesinger-Postma eine einstige Goldschmiedin für die kommende Olympiasaison: "Die Sportler sollen sich in Ruhe in einem ruhigen Umfeld vorbereiten können." Momentan ist es noch schwer vorstellbar, wie das gelingen kann.  

Eisschnelllauf – Probleme im Verband - Probleme auf dem Eis Sportschau 14.02.2021 05:01 Min. Verfügbar bis 14.02.2022 Das Erste

Nordische Kombination - das Springen

Eine einstige Medaillenschmiede ist auch die Nordische Kombination. Und Vinzenz Geiger, Eric Frenzel und Fabian Rießle sind auch weiterhin für vordere Plätze gut. Geiger beendete die Saison auf einem starken zweiten Platz im Gesamt-Weltcup. Doch die Dominanz und Leichtigkeit früherer Jahre ist weg. Bei der Heim-WM in Oberstdorf blieb das Team von Bundestrainer Hermann Weinbuch sogar ohne Einzelmedaille.

Der Grund ist für Horst Hüttel, den sportlichen Leiter der Nordischen Kombination, klar: Das Skispringen ist die große Baustelle. Mit dem neuen Skisprung-Trainer Heinz Kuttin konnte die Lücke zu Norwegen, Japan und Österreich zwar etwas verkleinert werden. Aber, so Hüttel: "Das Fazit ist eher durchwachsen." Klar sei schon jetzt: "Der Schwerpunkt liegt auch in den kommenden beiden Jahren im Sprungbereich." Weinbuch ist mit Blick auf die Olympiasaison ganz optimistisch: "Ich bin zuversichtlich fürs nächste Jahr, dass wir uns noch weiter entwickeln können und wieder ganz vorn landen werden."

Kombinierer-Bundestrainer Weinbuch: "Haben einen großen Schritt gemacht" Sportschau 21.03.2021 02:29 Min. Verfügbar bis 21.03.2022 Das Erste

Rießle zieht positives Saisonfazit: "Gutes Gefühl" Sportschau 21.03.2021 01:10 Min. Verfügbar bis 21.03.2022 Das Erste

Skilanglauf - das Timing

Als Peter Schlickenrieder im April 2018 den Job als Langlauf-Bundestrainer übernahm, veränderte er die Trainingsmethodik hin zu moderneren Formen und mehr Selbstverantwortlichkeit der Sportler - und er gab als großes Ziel die Heim-WM 2021 aus. Gemessen an diesen Vorgaben sind die deutschen Skilangläufer in dieser Saison an ihren eigenen Zielen gescheitert.

"Wir haben es nicht geschafft, zum Saisonhöhepunkt unsere Top-Leistungen abzurufen, davor und danach schon", so die selbstkritische Bilanz des Bundestrainers. Zu den Höhepunkten aus deutscher Sicht dürften der zweite Platz von Katharina Hennig über 20 Kilometer klassisch im Januar ebenso zählen wie Rang vier auf der gleichen Distanz von Laura Gimmler Mitte März. Bei der WM sprangen dagegen nur zwei zehnte Plätze raus.

"Das müssen wir in den Sommer mitnehmen und in der kommenden Saison besser machen. Da haben wir unsere Reserven", sagte Schlickenrieder. "Wir haben gedacht, dass der eine oder andere Athlet schon weiter ist." Ziel für Olympia ist nun, die Langläufer in den Team-Wettbewerben in Medaillennähe zu bringen - und die besten Leistungen zum Saisonhöhepunkt abrufen zu können.

Peter Schlickenrieder - der "Dirigent" der deutschen Langläufer Sportschau 27.02.2021 02:19 Min. Verfügbar bis 27.02.2022 Das Erste

Peter Schlickenrieder: "Platz sieben ist nicht das, was wir uns vorgenommen haben" Sportschau 05.03.2021 03:42 Min. Verfügbar bis 05.03.2022 Das Erste

Stand: 29.03.2021, 10:03

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