Waren die Militärweltspiele in Wuhan der erste Corona-"Superspreader"?

Fechter Matteo Tagliariol

Bundeswehr denkt an Nachuntersuchung

Waren die Militärweltspiele in Wuhan der erste Corona-"Superspreader"?

Die Militärweltspiele in Wuhan sollen schon im Oktober 2019 das Coronavirus verbreitet haben. Das behauptet ein italienischer Fechter, der damals an Covid-19 erkrankt gewesen sein will. Aus der deutschen Mannschaft ist kein Fall bekannt, aber es gibt Verdachtsmomente. Die Bundeswehr diskutiert nun Nachforschungen.

Mehrere Indizien nähren die Theorie, die Armee-Weltspiele mit fast 10.000 Athletinnen und Athleten aus 110 Ländern seien ein sogenannter Corona-"Superspreader" gewesen. Womöglich sogar der erste.

Der italienische Fechter Matteo Tagliariol ist sich sogar ziemlich sicher. "Als wir in Wuhan eingetroffen sind, sind wir alle erkrankt. Alle sechs Personen in meiner Wohnung waren krank, auch viele Athleten anderer Delegationen", sagte der Olympiasieger von 2008 der Zeitung "Corriere della Sera".

"Auch Antibiotika halfen nicht"

Er habe schwer gehustet, nach der Rückkehr bekam er "sehr hohes Fieber, ich konnte kaum atmen. Auch Antibiotika halfen nicht." Schließlich habe sich sein zweijähriger Sohn infiziert, dann seine Freundin: "Als man begonnen hat, vom Virus zu sprechen, dachte ich: Ich habe mich angesteckt. Das war Covid-19."

Schützin berichtet von "zwei Krankheitsfällen" mit typischen Symptomen

Christoph Holtherm vom Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr in Warendorf war als Arzt für die deutsche Delegation in China. Etwa 300 Soldatinnen und Soldaten seien damals für Deutschland in Wuhan an den Start gegangen. Bei keinem von ihnen seien während der Spiele und danach ähnliche Beschwerden bekanntgeworden, so Holtherm im Gespräch mit der Sportschau.

Training trotz Ungewissheit - Oliver Zeidler rudert weiter für Olympia Sportschau 08.05.2020 05:09 Min. Verfügbar bis 08.05.2021 Das Erste

Eine Schützin, die nicht namentlich genannt werden will, sagte hingegen der Sportschau, es habe in ihrem Apartment in Wuhan "zwei Krankheitsfälle" gegeben, bei denen die Symptome mit dem heutigen Wissen auf eine Covid-19-Krankheit hindeuteten. Sie selbst sei weder in Wuhan noch später krank gewesen.

Zwei Athletinnen posieren mit Soldaten während der Militärweltspiele in Wuhan im Oktober 2019

Zwei Athletinnen posieren mit Soldaten während der Militärweltspiele in Wuhan im Oktober 2019.

Nachdem es zum Jahreswechsel die ersten Meldungen über das neuartige Coronavirus gegeben habe, sei mit Sportlern und Trainern nochmal über die Zeit in Wuhan und mögliche Folgen gesprochen worden, so Holtherm. Dabei habe es keine Erkenntnisse über Krankheiten gegeben, die auf Covid-19 hindeuteten.

Keine Blutentnahmen bei Dopingkontrollen

Aufgrund der Schilderungen von Degenfechter Tagliariol gebe es nun aber Diskussionen innerhalb der Bundeswehr, Untersuchungen anzustellen. "Es gibt Überlegungen, der Sache nachzugehen", sagte Holtherm der Sportschau. In welcher Form, sei offen.

Hätte es bei den Militärweltspielen Blutentnahmen bei den Dopingkontrollen gegeben, wäre der Nachweis von Coronaviren heute noch möglich. Es seien aber nur Urinproben genommen worden, ein Nachweis somit nicht möglich. Mit Antikörpertests könnte zwar nachgeweisen werden, ob ein Sportler infiziert gewesen sei, aber nicht der Zeitraum.

Studien: Ausbruch schon im September möglich

Zwar wird der erste offizielle Coronafall weiterhin auf Anfang oder Ende Dezember datiert, doch Studien legen einen früheren Ausbruch nahe. Ein deutsch-britisches Forscherteam hat laut "Süddeutscher Zeitung" errechnet, dass dieser mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen dem 13. September und 7. Dezember stattgefunden hat - die Weltsoldatenspiele liefen vom 18. bis 27. Oktober.

Etwa 10.000 Menschen, die sich aus aller Welt kommend an einem Ort versammeln und nach zehn Tagen wieder zurück reisen, dazu 230.000 freiwillige Helfer, alles in einer Stadt mit elf Millionen Einwohnern: Das klingt als Verteilerkreisel für ein Virus geradezu logisch.

"Wir waren alle krank"

Laut der französischen Sporttageszeitung "L'Equipe" haben sich die frühere Fünfkampf-Weltmeisterin Elodie Clouvel ("Wir waren alle krank") und ihr Kollege Valentin Belaud, Weltmeister 2019, wahrscheinlich ebenfalls bei den Spielen in Wuhan infiziert. Weitere Fälle werden aus Italien gemeldet, in Luxemburg gibt es zumindest einen Verdacht.

"Im Nachhinein haben wir natürlich schon gescherzt: Wuhan, da waren wir doch, das kannte vorher ja keiner", sagte Luftpistolenschützin Sandra Reitz aus Regensburg dem Sportinformations-Dienst (SID) am Freitag. Reitz hat bei den Militärspielen Gold gewonnen, Außergewöhnliches hat sie unter den 243 deutschen Sportlern und insgesamt nicht bemerkt: "Es gab auch in unserem Umfeld verschiedene Erkrankungen. Das ist aber nichts Verwunderliches, das war eigentlich immer so."

Laut Auskunft des deutschen Delegationsleiters Christian Lützkendorf lag die Zahl der Erkrankungen im deutschen Team sogar unter jener vergangener Spiele. "Wir haben gar nichts davon gehabt", sagte er dem SID.

bar/sid | Stand: 08.05.2020, 14:05

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