Friedrichshafen hat das Verlieren verlernt

Jubel beim VfB Friedrichshafen

Volleyball

Friedrichshafen hat das Verlieren verlernt

Von Frank van der Velden

Friedrichshafens Volleyballer sind seit 31 Spielen ungeschlagen. Jetzt darf der VfB sogar vom Sieg in der Champions League träumen. Es wäre der erste seit 2007. Doch auf dem Weg dahin steht ein alter Bekannter im Weg.

Meister Berlin hat es nicht geschafft, die ambitionierten United Volleys Rhein-Main auch nicht. Ankara hat sich tapfer geschlagen, und Saloniki war ganz nah dran - doch auch für die Griechen hat es am Ende nicht gereicht. Die Volleyballer des VfB Friedrichshafen scheinen in dieser Saison unbezwingbar zu sein.

Das Team vom Bodenseee hat wettbewerbsübergreifend 31 Siege in Serie gefeiert - im Supercup, in der Bundesliga, in der Champions League und im Pokal. Das ist in Europa keiner anderen Volleyball-Mannschaft gelungen. Und auch in Deutschland gibt es keinen Klub, der ähnlich erfolgreich ist. Weder Münchens Fußballer, Basketballer und Eishockeycracks, noch Mannheims Handballer kommen ähnlich sorgenfrei durch die Saison.

Nur 14 Sätze abgegeben

Für die Gegner ist es am Ende schon ein Erfolg, einen Satz gegen den VfB gewonnen zu haben. In den 31 Spielen gaben die Blau-Weißen gerade mal 14 davon ab. Mittelblocker Philipp Collin weiß gar nicht mehr genau, wann der das letzte Mal ein Spiel verloren hat. "Ich glaube in Frankreich im April 2017", sagt er. Da schmetterte der Nationalspieler noch für Tours VB.

Anfang März holten die Häfler beim 3:0-Sieg im Endspiel gegen Bühl den deutschen Pokal. Es könnte der Auftakt einer ganz besonderen Erfolgsgeschichte gewesen sein. In den Meisterschafts-Play-offs sind sie klarer Favorit. Und in dieser Form darf Friedrichshafen sogar vom Sieg in der Champions League und damit vom Triple träumen.

"50:50-Chance" im deutschen Duell

Friedrichshafens Trainer Vital Heynen

Friedrichshafens Trainer Vital Heynen

In der Runde der letzten zwölf muss das Team in der Königsklasse in einem deutschen Duell gegen Meister Berlin ran. Das Hinspiel steigt am Mittwoch (14.03.2018) in der Hauptstadt, acht Tage später geht es im Rückspiel am Bodensee um den Einzug in die nächste Runde. Der Terminplan will es so, dass beide Klubs zwischendrin auch in der Liga gegeneinander antreten - am 18. März, ebenfalls in Friedrichshafen.

"Sehen wir das positiv", sagt VfB-Trainer Vital Heynen: "Mindestens ein Team aus Deutschland wird in die nächste Runde einziehen." Die Chancen für seine Mannschaft sieht der Belgier bei "50:50". Es sind Duelle auf Augenhöhe. Für die Süddeutschen spricht, dass sie im Supercup und in der Liga Berlin in dieser Saison schon zwei Mal geschlagen haben. Es ist das erste Mal, dass die beiden Spitzenteams in der Königsklasse aufeinander treffen.

Heynens Fehlervermeidung

Der ehemalige deutsche Nationaltrainer Heynen übernahm den VfB im Sommer 2016. In seiner ersten Saison führte er den Verein zum Pokalsieg, musste sich jedoch im Endspiel um die Meisterschaft dem Dauerrivalen Berlin geschlagen geben.

Der Trainer gilt als akribischer Arbeiter. Seine Philosophie lässt sich in einem Wort ausdrücken: Fehlervermeidung. Heynen setzt auf eine gute Verteidigung, die den Gegner dann zwangsläufig zu Patzern zwingt. Den aktuellen Erfolg sieht er als das Ergebnis harter Trainingsarbeit. Die Spieler müssten seine Philosophie erst verinnerlichen, hat er einmal gesagt, und das funktioniere erst im zweiten Jahr so richtig gut.

Moculescus Rückkehr nach Friedrichshafen

Berlins neuer Trainer Stelian Moculescu

Berlins neuer Trainer Stelian Moculescu

Heynen freut sich auf die Spiele gegen Berlin. "Viele Gesichter und Geschichten" bringe dieses Duell mit sich, sagt er. Damit meint er vor allem den Trainer der Berliner, und das ist in Friedrichshafen ein alter Bekannter und Heynens Vorgänger. Stelian Moculescu trainierte 19 Jahre lang den VfB. Der Rumäne holte mit dem Klub 13 Mal die Meisterschaft und den Pokal. Und er führte ihn im Jahr 2007 zum Sieg in der Champions League. Das ist bis heute noch keinem anderen deutschen Verein gelungen. Der VfB ist mit 13 Titeln Rekordmeister und mit 15 Erfolgen Rekordpokalsieger, doch dieser Sieg vor elf Jahren gilt immer noch als das Nonplusultra in der Vereinsgeschichte.

Tischer schon 2007 dabei

Simon Tischer

Simon Tischer

Simon Tischer war damals mit dabei. "Der Sieg damals war eine Riesenüberraschung. Es war auch ein bisschen Glück dabei. Wir hatten aber eine wahnsinning tolle Mischung in der Mannschaft. Wir hatten keinen Superstar, dafür viele tollen Talente. Das war sensationell", erinnert sich der Kapitän.

Nach dem Triumph verließ der heute 35-Jährige den Klub. Er spielte in Griechenland, der Türkei, in Russland, Polen und Frankreich. "Die Tore nach Europa haben sich geöffnet. Der Titel hat mir die Möglichkeit gegeben, auch international Erfahrungen zu sammeln", sagt Tischer. 2014 kehrte er nach Friedrichshafen zurück. "Der VfB ist mein Herzensverein, das Gesamtpaket stimmt", sagt der Zuspieler. Gemeinsam mit Markus Steuerwald ist er der Routinier, einer der mit seiner Erfahrung das ansonsten junge Team anführt.

Gegen Moculescu: "Merkwürdig"

Gegen seinen ehemaligen Trainer Moculescu anzutreten, findet Tischer "merkwürdig". Etwas überraschend kehrte der 67-Jährige erst im Februar in die Bundesliga zurück und wurde in Berlin Nachfolger des glücklosen Luke Reynolds. "Ich habe sehr lange unter ihm gespielt, und er hat mich zu dem Spieler gemacht, der ich heute bin. Durch ihn hatte ich die Möglichkeit, im Ausland zu spielen und dort Erfolge zu feiern und auch in der Nationalmannschaft meinen Weg zu gehen. Es ist schon ungewöhnlich, gegen ihn anzutreten", sagt Tischer.

Angst vor den Künsten des Trainerfuchses hat er aber nicht. "Wenn wir unser Niveau abrufen, das wir auch in den letzten Spielen gezeigt haben, dürfte es schwer werden, uns zu schlagen", sagt der VfB-Kapitän. Dass sie irgendwann kommen kann, die erste Niederlage, das weiß er. "Wir blicken von Spiel zu Spiel und lassen uns nicht verrückt machen", sagt Tischer.

Erneuter Sieg in der Champions League "schwierig"

2007 gewann  Friedrichshafen die Champions League

2007 gewann Friedrichshafen die Champions League

Der Sieger des deutschen Duells muss in der Runde der letzten sechs Teams gegen einen Gegner aus Polen ran - gegen Jastrzebski oder Kedzierzyn-Kozle. Dort geht es dann um die Teilnahme am Final Four im russischen Kasan im Mai. Zenit Kasan ist als Gastgeber automatisch für die Endrunde qualifiziert.

Was Friedrichshafen in Deutschland ist, das ist Zenit in Europa - eine Übermannschaft. Die Russen konnten die Champions League drei Mal in Folge gewinnen. Simon Tischer macht sich deshalb auch keine großen Hoffnungen, den Erfolg von 2007 wiederholen zu können: "Ich weiß nicht, ob es das nochmal geben wird, dass eine deutsche Mannschaft die Champions League gewinnt. Das ist sehr schwierig. Das ist ein langer Weg."

"Wachsen an unseren Aufgaben"

Außenangreifer David Sossenheimer dagegen will sich das Träumen nicht verbieten lassen. "Jedes Spiel, jeder Sieg ist einfach unbeschreiblich", sagt er: "Jedes Spiel wachsen wir mehr zusammen, wir wachsen mit unseren Aufgaben." Für die Konkurrenz, auch für die in der Champions League, muss sich das wie eine Drohung anhören.

Stand: 13.03.2018, 08:00

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