TV Rottenburg - finanziell voll ins Netz geschmettert

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Coronakrise

TV Rottenburg - finanziell voll ins Netz geschmettert

Von Olaf Jansen

Volleyball-Bundesligist TV Rottenburg geht in der Coronakrise finanziell in die Knie. So wie dem schwäbischen Verein könnte es demnächst sehr vielen gehen.

Gerade im März und April mag Philipp Vollmer seinen Job eigentlich ganz besonders. "Normalerweise ist das die Zeit, da die Liga zu Ende geht, ich mit den meisten Sponsoren für die nächste Saison klar bin und wir am zukünftigen Team-Kader arbeiten", erzählt der Manager des Volleyball-Bundesligisten TV Rottenburg.

"Coronakrise hat uns letzten Stoß gegeben"

In diesem Jahr ist aber alles anders. Vollmer, der gebürtige Schwabe, musste jüngst den Rückzug seines Klubs aus der Bundesliga bekannt geben. Auch für die 2. Liga wird der TVR keine Lizenz beantragen. Man wird einen Neuanfang in der dritten Liga beginnen. "Die Coronakrise hat uns den letzten Stoß gegeben. Bei uns klafft eine riesige Lücke im Etat. Da mussten wir rechtzeitig die Reißleine ziehen", sagt Vollmer.

Solcherlei Meldungen werden sich in den nächsten Wochen häufen - egal, ob Fußball, Basketball, Eishockey, Handball - beinahe flächendeckend bekommen die Vereine gerade die finanziellen Probleme der Wirtschaft zu spüren. Vor allem mittelständische Unternehmen, die für viele Vereine als Sponsoren eine Hauptrolle spielen, haben wegen der Coronakrise selbst derartige finanzielle Probleme, dass sie in den kommenden Wochen und Monaten als Geldgeber ausfallen werden.

Rottenburgs Rückzug sorgt für Ärger

Dennoch sorgte der frühzeitige Rückzug des TV Rottenburg in der Volleyball-Bundesliga für Ärger. "Der Verein ist unnötig vorgeprescht. Dabei hatten wir gerade erst mit allen Klubs besprochen, die Krise gemeinsam angehen zu wollen", sagt Andreas Bahlburg, Sprecher der deutschen Volleyball-Bundesligen (VBL). "Wir haben den Termin zum Lizenzantrag vom 1. April auf den 15. Mai geschoben, die ersten Planzahlen müssen erst am 1. Juni abgegeben werden. Zudem wollten wir gerade ausloten, wie die Liga in einem Solidarakt jenen Klubs helfen kann, die in finanzielle Schieflage geraten. Man hätte mit derartigen Entscheidungen noch locker sechs bis acht Wochen warten können", so Bahlburg, der selbst auch Vorsitzender beim Bundesligisten SVG Lüneburg ist.

"Es ist nicht korrekt, dass man uns nun mangelnde Solidarität vorwirft", sagt hingegen Rottenburgs Philipp Vollmer. "Wir haben halt keinen Großsponsor wie andere Vereine, sondern mussten unseren Etat von rund 650.000 Euro im Jahr immer mit rund 100 Sponsoren stemmen, die alle einen vergleichsweise kleinen Betrag gegeben haben. Das war schon zuletzt stets ein Drahtseilakt. Als nun deutlich wurde, dass uns diesmal rund 250.000 fehlen würden, war klar, dass es nicht mehr für die Bundesliga reichen wird. Da muss man dann rechtzeitig allen Mitarbeitern reinen Wein einschenken. So bitter das auch ist", so Vollmer.

Existenzängste überall in der Volleyball-Bundesliga

Gut möglich, dass das Aus des Top-Volleyballs am Neckar nur der Beginn einer Entwicklung ist. "Natürlich haben wir auf unserer letzten Videokonferenz gemerkt, dass da gleich mehrere Vereine große Existenzängste haben", räumt Ligaverbandsmann Bahlburg ein. "Mit Ausnahme der Topvereine aus Berlin und Friedrichshafen, die mit ihren Etats von weit über zwei Millionen Euro sicher weniger Probleme haben, werden alle Klubs den Gürtel deutlich enger schnallen müssen", glaubt Bahlburg.

Bahlburg selbst hat seinem Vereinstrainer bei der SVG Lüneburg schon mitgeteilt, dass er in der kommenden Saison in seinem 12er Kader nur noch höchstens mit vier statt der sechs teuren Top-Spieler aus dem Ausland auskommen muss. Zudem ist dem Funktionär klar, dass der Volleyballsport in Deutschland insgesamt eher zwei statt einen Schritt rückwärts machen wird. "Ich denke, dass wir in der Entwicklung unseres Sports um mindestens zwei Jahre zurückgeworfen werden", glaubt Bahlburg.

Hoffnung ruht auf Masterplan der Liga

Die Vereine der 1. Liga hatten vor einigen Jahren einem Masterplan zugestimmt, der die Vereine zu Top-Hallen, Hauptamtlichkeiten im Klub-Management, Qualität im Trainer- und Medizin-Bereich und sukzessive steigenden Lizenzgebühren verpflichtet. "Uns ist ganz klar, dass wir hier in den nächsten Jahren Abstriche machen müssen. Danach wird es aber wieder bergauf gehen und die Liga wird stärker sein denn je", glaubt Bahlburg.

Rottenburgs Philipp Vollmer glaubt das eher nicht. Für ihn ist das Aus seines Vereins eher grundsätzlicher Natur. Er bezweifelt, dass der Volleyballsport im Land flächendeckend auf derart hohem Niveau fortgeführt werden kann. "Wir haben das ja gemerkt. Um sportlich und infrastrukturell in der Bundesliga mithalten zu können, mussten wir uns extrem strecken."

Dass die Bundesliga mit ihren Anforderungen langfristig eine Nummer zu groß sein könnte, merkten die Rottenburger kürzlich, als eines ihrer Heimspiele im Privat-TV live übertragen wurde. "Das war toll. Mit unserem neuen Hallenboden und den teuren LED-Lampen ein Super-Erlebnis. Finanziell haben wir an dem Tag aber ein Minus gemacht. Weil wir keinen unserer regionalen Sponsoren dazu bewegen konnten, eine TV-Werbung zu schalten. Da wurde uns klar, dass die Bundesliga langfristig für uns eine Nummer zu groß sein könnte. Auch ohne Coronakrise."

Stand: 07.04.2020, 08:40

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