Die Angst der Turnerin vor ihrem Trainer

Füße einer Turnerin, im Hintergrund die olympischen Ringe

#gymnastAlliance - Trainingsmethoden im Turnen

Die Angst der Turnerin vor ihrem Trainer

Von Sandra Schmidt

Beleidigungen, Einschüchterung, Schläge, Missbrauch. Dutzende von ehemaligen und aktiven Turnerinnen haben in den vergangenen Wochen unter dem Hashtag #gymnastAlliance die brutalen Trainingsmethoden im Jugendalter öffentlich gemacht. Glaubwürdige Berichte über diesen internationalen Skandal gibt es schon seit Jahrzehnten.

Training mit Verletzungen, Wettkämpfe mit Ermüdungsbrüchen, ständiges Wiegen, Trainer, die in Taschen nach Essen suchen und ihre Turnerinnen wahlweise als "fette Kuh" oder "dickes, dummes Schwein" bezeichnen, perfide Beleidigungen, kontinuierliche Einschüchterung, lauthalses Gebrüll, geworfene Schuhe, Stockschläge, Einsperren in Abstellkammern bis hin zu Vorwürfen von Schlägen. Dutzende von ehemaligen und aktiven Turnerinnen, viele davon Olympiateilnehmerinnen und hochdekoriert, haben in den vergangenen Wochen unter dem Hashtag #gymnastAlliance Berichte über das Erlebte öffentlich gemacht.

Kultur der Angst in den Turnhallen dieser Welt

Die Erzählungen ähneln sich, ganz gleich, ob die Trainingshallen in Großbritannien, Belgien, Mexiko, Australien oder Frankreich stehen. Folglich debattiert die Turnwelt in diesen Tagen über eine Kultur der Angst und ständigen Erniedrigung anstatt sich an neuen akrobatischen Höchstleistungen von Simone Biles zu erfreuen, wie es sich eigentlich für diese Olympiawoche gehört hätte.

Mal wieder, könnte man sagen, denn keiner der nun erhobenen Vorwürfe ist neu in der Turnszene. Die Berichte über Essensentzug und Schläge im rumänischen Turnsport der siebziger Jahre, wie sie zuletzt nochmals Emilia Eberle in Erinnerung rief, sind lange bekannt. Ebenso Schilderungen über unzumutbare Trainingspraktiken wie sie zum Beispiel Joan Ryan 1996 in "Pretty Girls in Little Boxes" beschrieben hat.

Zunächst schwache Reaktionen bei den Verbänden

Neu ist auch nicht die Reaktion der Verantwortlichen: Vereine, die alle Vorwürfe bestreiten, Verbände, die sich überrascht und entsetzt geben und versprechen Untersuchungskommissionen einzurichten oder gar – wie im Falle der Niederlande – die Cheftrainer suspendieren und das gesamte Spitzensportprogramm vorerst vorsorglich auf Eis legen. Dazu ein Weltverband (FIG) unter Führung des japanischen IOC-Mitglieds Morinari Watanabe, der in bester Sonntagsredenmanier verkündet: "All voices matter" und auf die 2019 in Reaktion auf den Missbrauchsskandal um den US-amerikanischen Teamarzt Larry Nassar ins Leben gerufene Ethik-Stiftung der FIG verweist.

Nassar wurde bereits im Januar 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem bei ihm kinderpornographische Schriften gefunden worden waren und über 200 Sportlerinnen in öffentlicher Anhörung darüber berichtet hatten, wie er sie zum Teil schwerst sexuell missbraucht hatte. Viele der betroffenen Turnerinnen hatten damals auch über die Kultur innerhalb des US-Systems auf der berühmt-berüchtigten Károlyi-Ranch in Texas gesprochen, in dem Nassar noch der "Netteste" von allen gewesen sei.

Dokumentation "Athlete A" löst Welle der Empörung aus

Doch erst die Veröffentlichung der Dokumentation "Athlete A" Ende Juni, in der nicht zuletzt das Komplettversagen des US-amerikanischen Verbandes (USAG) thematisiert wurde, hat die jetzige Welle ausgelöst. Das ist ein Aspekt, den auch die deutsche Bundestrainerin Ulla Koch, die selbst mehrmals zu Trainingslagern auf der Karolyi-Ranch war, hervorhebt: "Dass der Verband tatsächlich so viel negiert hat und so viel akzeptiert hat, dass hat mich echt erschüttert".

USAG unter Präsident Steve Penny, dem wegen Vernichtung von Beweismaterial ebenfalls eine Gefängnisstrafe droht, hatte voll und ganz auf das Trainerehepaar Márta und Béla Károlyi gesetzt. Sie waren als Trainer der legendären Nadia Comaneci aus Rumänien in die USA gekommen und hatten gebracht, was es dort bislang nicht gegeben hatte: Medaillen. Von Olympiasiegerin Mary Lou Retton 1984 bis hin zum Superstar Simone Biles zuletzt 2016.

Zahlreiche Hinweise wurden missachtet

Turnen ist in den USA ein Millionengeschäft, von der immensen Popularität der Olympiasiegerinnen profitierte letztlich auch der Verband. Kurzum, das System war denkbar einfach: Der Erfolg heiligt die Mittel, in diesem Fall alle Mittel. Dabei fehlte es spätestens seit den neunziger Jahren nicht an Warnungen – an Büchern und Berichten über inakzeptable Trainingsmethoden aus den USA, die den aktuellen Schilderungen zum Verwechseln ähnlich waren.

Doch die alte Regel hatte weiterhin Bestand: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg, gemessen an Medaillen. Und wer erfolgreich ist, der wird allzuoft  auch zum Vorbild für diejenigen, die es noch werden wollen. So waren die in den USA angewandten brutalen Trainingsmethoden auch in Europa schon häufig Thema, die Namen der einschlägigen Trainer sind bekannt.

Nicht selten mussten sie nach massiven Vorwürfen von Turnerinnen ihre Stellen räumen; und doch fand sich meist rasch ein anderer Verband oder Verein, der sie – wohlwissend um die Vorwürfe – wieder eingestellt hat. So zum Beispiel Eric Demay: 2007 musste er wegen seiner als "unmenschlich" bezeichneten Methoden den Cheftrainerposten in der Schweiz räumen, fand dann Anstellung in Frankreich und zuletzt in Mexiko, wo er im vergangenen Herbst erneut Schlagzeilen machte, nachdem Olympiaturnerin Elsa Garcia schwere Vorwürfe gegen ihn erhob.

Diskussionen um Anhebung des Startalters im Turnen

Alfons Hölzl, Präsident des Deutschen Turnerbunds, bei der Turn-WM in Stuttgart 2019

Auch ein anderer Aspekt der aktuellen Debatte ist keineswegs neu: Das Alter der Turnerinnen, die häufig bereits als 14-Jährige 25-30 Stunden wöchentlich trainieren. Kinderarbeit ist schließlich auch international verboten und geächtet. So fordert aktuell eine ganze Reihe von Spitzenturnerinnen, darunter die britische Olympiaturnerin von 2000, Lisa Mason, eine Anhebung des internationalen Startalters auf 18 Jahre.

Das Startalter war nach langwierigen Auseinandersetzungen zuletzt 1997 von 15 auf 16 Jahre erhöht worden. Und tatsächlich ist das Durchschnittsalter der internationalen Spitzenturnerinnen in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. DTB-Präsident Alfons Hölzl hält eine Anhebung des Startalters auf 18 Jahre allerdings nicht für den richtigen Weg: "Das wäre ein probates Mittel, wenn damit Missbrauchsfälle vermieden werden könnten. Das sehe ich allerdings nicht."

Ein Grundproblem würde auch bei einer Anhebung bestehen bleiben, denn die Anforderungen der Sportart machten das Training in jungen Jahren erforderlich, in jenen Jahren also, in denen erwachsene Trainer viel Einfluss auf sehr junge Menschen ausübten und ihre Macht manchmal missbrauchten. "Ich würde eine Anhebung langfristig nicht ausschließen, aber ich persönlich bin dagegen," fügte er, selbst Inhaber einer A-Trainerlizenz, hinzu.

Noch keine öffentlichen Statements deutscher Sportlerinnen

Ulla Koch

Aus Deutschland gibt es bislang noch keine öffentlichen Statements von Turnerinnen über negative Erfahrungen während ihrer Karrieren. Bundestrainerin Ulla Koch begrüßt die Offenheit aller Turnerinnen, die sich nun äußern: "Dass das jetzt aufploppt in Großbritannien ist gut, weil dann kann daran gearbeitet werden, und dann kann auch was verbessert werden", sagte sie vergangene Woche über die jüngsten Enthüllungen, die sie nicht grundsätzlich überrascht hätten. "Ich hab’, als ich mich vor ein paar Wochen mit einer Athletin von mir unterhalten habe, gesagt: Ich kannte es früher gar nicht anders. Wenn man als junger Trainer damals auf die deutsche oder die internationale Bühne gegangen ist, da herrschte schon ein anderer Ton. Aber das ganze Erziehungssystem, ich bin jetzt 45 Jahre in dem Beruf, hat sich verändert."

DTB beteuert Achtsamkeit

In den Trainingseinheiten der deutschen Nationalmannschaft, der sie seit 2005 vorsteht, sei jegliche Form verbaler Gewalt "absolut tabu“. Der Deutsche Turner-Bund zog als Reaktion auf die jüngsten Debatte die Vorstellung seines Präventionskonzepts zum Schutz vor sexualisierter Gewalt vor. Auf 67 Seiten werden darin die allgemeine Positionen formuliert, konkrete Ansprechpartner genannt und ein Interventionsleitfaden vorgestellt. Alfons Hölzl weiß darum, dass ein Konzept alleine keine Kultur verändert:

"Wir müssen sehr wachsam sein und werden in diesem Bereich nie die Hände in den Schoß legen können und sagen: Wir haben unsere Arbeit gemacht. Es muss sich in der Praxis bewähren." Er versichert, er wolle im DTB eine "Kultur des Hinsehens" schaffen. Bereits im Zuge der Vorstellung des Konzepts hatte Hölzl eventuell Betroffene ausdrücklich ermuntert, sich zu melden. Nun warten alle gebannt darauf, was da kommen mag.

Stand: 31.07.2020, 17:41

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