Turnen in den USA - Sieg um jeden Preis

Star-Turnerin Simone Biles holte in Rio 2016 viermal Gold

Skandal in den Vereinigten Staaten

Turnen in den USA - Sieg um jeden Preis

Von Nick Butler und Hajo Seppelt

Der Bericht einer Rechtsanwaltskanzlei über den Skandal im US-Turnen und den ehemaligen Mannschaftsarzt Larry Nassar hat das erschreckende Ausmaß des Missbrauchs aufgedeckt, der auch von Funktionären ermöglicht wurde, die ihre Augen verschlossen haben. Er wirft auch weitergehende Fragen nach einer Sportkultur auf, die bedenkenlos Gewinnen über alles andere stellt.

"Teilnehmen ist bei den Olympischen Spielen wichtiger als Siegen. Das Wichtigste im Leben ist nicht, gesiegt zu haben, sondern sich wacker geschlagen zu haben“, so Baron de Coubertin, Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit. An dieses Zitat erinnert man sich noch heute und es wird gern zitiert.

Und doch wird es ignoriert. Beim Sport ging es schon immer um den Sieg und im Spitzensport war Gewinnen noch nie so wichtig wie heute.

"Besessener Zwang"

Das beste Beispiel dafür ist der Fall Larry Nassar. Der US-Arzt wurde im Januar wegen Missbrauchs zu 175 Jahren Haft verurteilt. Er hatte über 13 Jahre hinweg unter dem Vorwand, medizinische Behandlungen vorzunehmen, 350 Mädchen und junge Frauen sexuell missbraucht. Der Bericht der Anwaltskanzlei Ropes & Gray, der in dieser Woche veröffentlicht wurde, steht am Ende einer zehn Monate dauernden Ermittlung der Gründe dafür, wie dies geschehen konnte.

Larry Nassar

Verurteilt zu mehr als 175 Jahren Haft: Larry Nassar, Ex-Teamarzt der US-Turnerinnen

Weiter heißt es im Bericht, dass der besessene Zwang zu gewinnen es offenbar rechtfertigte, angehende Turnerinnen in einem entlegenen Trainingslager wegzusperren, sie von ihren Familien und jeglichen Rudimenten eines normalen Teenagerlebens zu trennen, damit sie sich zielstrebig auf die Jagd nach olympischem Gold konzentrierten.

Es war diese Besessenheit, die Trainer, Journalisten, Fans und selbst einige Eltern von Turnerinnen dazu veranlassten, Verdachtsmomente gegen Nassar zu ignorieren, da dies den Traum vom Gold gefährden könnte.

Und es war auch diese Besessenheit, die den organisierten Sport dazu veranlasste, seine Reihen zu schließen, um die eigenen Interessen zu schützen und, im Fall des ehemaligen Vorstandsmitglieds des Olympischen Komitees der Vereinigten Staaten (USOC) Scott Blackmun, anscheinend gar nichts zu unternehmen, als man ihn mit Bedenken gegen Nassar konfrontierte.

Ignorieren anderer Werte

Der Bericht kommt zum folgenden Schluss: "Viele Athleten haben ihre Frustration, Bestürzung und Besorgnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass die USAG (USA Gymnastics) und die USOC sich zu Lasten anderer Werte im Sport fast ausschließlich auf das Gewinnen konzentriert haben und dass man das persönliche Wohlergeben der Sportler dem übergeordneten Ziel der Organisation, Medaillen zu sammeln, unterordnet.“

"In diesem System waren die Athleten Mittel zum Zweck - Gewinnen von Medaillen - und wurden fallen gelassen, wenn sie vom für sie vorgesehenen Kurs abwichen, Schwäche zeigten oder ihr vermeintliches Leistungspotenzial nicht ausschöpfen konnten“, heißt es weiter.

Im Mittelpunkt der meisten Sportskandale steht genau diese Kultur. Die Moral wird geopfert, während Athleten und Mannschaften dopen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Und dieses Verhalten wird im Stillen gerechtfertigt, weil sich die Konkurrenten genauso verhalten. Die einzige Sorge ist, damit durchzukommen. Andere stopfen sich mit Schmerzmitteln und mit anderen nicht verbotenen Medikamenten voll. Viele sind gezwungen, sich für höhere Interessen durch Verletzungen zu kämpfen, die ihre Karriere bedrohen.

Unbedingter Vorrang für Medaillen

Sportler, die in einem solchen Umfeld groß geworden sind, kennen nichts Anderes. Viele von ihnen werden später selbst Trainer und geben so diese Einstellungen weiter. Auch wohlmeinende Sportmanager werden durch diesen immer gleichen Zyklus gelähmt. Medaillen bringen Geld, Sponsoren und Sicherheit und müssen daher Vorrang vor allem Anderen haben.

Simone Biles

Unter Larry Nassars Opfern ist auch Weltmeisterin und Olympiasiegerin Simone Biles

Der Bericht über den Skandal im Turnen beschreibt eine „Ostblock“-Denkweise, die sich in den 1980er Jahren mit dem aus Rumänien stammenden Ehepaar und US-Trainerteam Béla and Márta Károly etabliert hat. Auch wenn sie sich noch nicht überall durchgesetzt hat, so sind doch Formen dieser Kultur im Spitzensport zur Norm geworden. Es ist ein Betrieb, in dem diejenigen, die Schwäche zeigen, rücksichtslos aussortiert werden.

Spitzensportler sind oft nicht mehr der Inbegriff körperlicher Perfektion. Viele ziehen sich mit geschundenen und kaputten Körpern aus dem Sport zurück und leiden im Laufe ihres späteren Lebens an gesundheitlichen Problemen.

Keine Regulierung von Sportorganisationen

Das Fehlen externer Kontrollen im Sport, zum Beispiel durch externe Aufsichtsorganisationen, wie man das in anderen Bereichen kennt, ist ein weiteres Problem.

In gewisser Weise stehen die olympischen Sportarten am schlechtesten da, denn die Sportler erhalten, anders als Athleten in den ebenso wettbewerbsorientierten Profi-Ligen, keinerlei finanziellen Belohnungen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) prahlt nebulös damit, dass 90 Prozent seiner Einnahmen zurück in den Sport fließen. Und trotzdem erhalten die meisten Sportler eine nur unzureichende finanzielle Unterstützung.

Zu seiner Verteidigung führt das IOC an, dass es selbst nicht so sehr auf Sieger fixiert sei und keinen offiziellen Medaillenspiegel veröffentliche. Und dennoch ist es gerade das IOC, das alles daransetzt, dass der Sport „autonom“ und von Einmischungen von außen verschont bleibt. Derzeit widersetzt es sich vehement den Versuchen von Sportlern aus Deutschland und aus anderen Ländern, das System zu verändern. Das IOC hat auch nur wenig zu einem konsequenten Vorgehen gegen sexuellen Missbrauch im Sport beigetragen.

Natürlich sollten wir uns nicht vom Konzept des Gewinnes verabschieden. Gerade deshalb schaut sich fast jeder Sportveranstaltungen an. Das eigene Team anzufeuern, ist eine wertvolle Ablenkung in schwierigen Zeiten. Wir Journalisten wären die ersten, die ihrem Ärger Luft machen würden, wenn unser Land auf der Medaillentabelle nach unten rutscht.

Der Skandal im Turnen zeigt uns allen jedoch die Gefahr, es mit der Fixierung auf das Gewinnen zu weit zu treiben.

Stand: 13.12.2018, 17:45

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