Triathlon-Deutschland "sprachlos": Haug und Frodeno im Ironman-Olymp 

Anne Haug

Doppelsieg auf Hawaii

Triathlon-Deutschland "sprachlos": Haug und Frodeno im Ironman-Olymp 

Von Patrick Stricker

Der Doppeltriumph von Anne Haug und Jan Frodeno gibt der Dominanz deutscher Triathleten beim Ironman Hawaii eine neue Bedeutung. Beide schreiben bei diesem historischen Rennen ihre ganz eigene Geschichte.

Die Gratulation der früheren Chefetage ließ nicht lange auf sich warten. "Wir sind immer noch sprachlos nach dieser Nacht", hieß es am Sonntag (13.10.2019) aus Kreisen der Deutschen Triathlon-Union (DTU). Sprachlos - und vermutlich auch ein bisschen müde, dauerten doch erst der Wettkampf und dann die deutschen Feierlichkeiten rund um den Ironman Hawaii hierzulande bis in die frühen Morgenstunden.

Anne Haug und Jan Frodeno, das betonte Verbandspräsident Martin Engelhardt, "gehörten viele Jahre der Nationalmannschaft der DTU an und haben hier den Grundstein für ihre sportliche Karriere gelegt". Frodeno, nur um ein Beispiel zu nennen, wurde in dieser Zeit Olympiasieger. 2008 in Peking war das.

Ironman-WM auf Hawaii - die Zusammenfassung Sportschau 12.10.2019 12:34 Min. Verfügbar bis 12.10.2020 Das Erste

Haug und Frodeno sorgen für ein Novum 

Elf Jahre später gelingt ihm und Haug ein Erfolg, der die Prädikate sensationell und historisch auf gleich mehreren Ebenen verdient - individuell wie gemeinschaftlich: Ironman-Weltmeister 2019. Für Frodeno ist es nach 2015 und 2016 der dritte Titel, er ist der erste Deutsche, dem das gelingt. Haug, im vergangenen Jahr noch Hawaii-Dritte, holt im Frauen-Rennen die Krone von Kona erstmals überhaupt nach Deutschland. Die Langstrecken-Champions sorgen für eine Premiere in der 41-jährigen Ironman-Geschichte.

Ein Erfolg, der verbindet. Der in der Entstehung aber unterschiedlicher nicht hätte sein können. 3,8 Kilometer Schwimmen durch Flut und Wellen des Pazifik, 180 Kilometer Radfahren in der Einsamkeit der hawaiianischen Lavawüste, zum Abschluss ein Marathon. Und was macht Frodeno? Legt einen Start-Ziel-Sieg hin. Stark im Wasser, einsame Spitze auf zwei Rädern, uneinholbar auf der Laufstrecke.

Ironman-WM auf Hawaii - das Schwimmen Sportschau 12.10.2019 50:36 Min. Verfügbar bis 12.10.2020 Das Erste

Lange mit Schwindelanfällen raus 

Vorjahressieger Patrick Lange war da schon längst ausgestiegen: Fieber, Schwindelanfälle, Dunkelheit vor den Augen. Mittlerweile gehe es ihm den "Umständen entsprechend gut", war am Sonntag aus seinem Management zu hören. Frodeno waren die Strapazen seines Kampfes gegen sich und die Verfolger um den Drittplatzierten Sebastian Kienle frühestens nach der Halbmarathon-Marke anzusehen. Eine Phase, in der Haug über sich hinauswuchs. 

Auf dem Weg zum Titel und zu einem Preisgeld von mehr als 100.000 Euro kassierte sie die lange Zeit führende Britin Lucy Charles-Barclay und zauberte eine Laufzeit von 2:51:07 Stunden in den Asphalt. "Das ist fantastisch", jubelte sie im Ziel. "Ich bin total glücklich und freue mich besonders für mein Team, das hinter mir steht." Frodeno verspürte im gleichen Moment ein "fantastisches Gefühl". DTU-Präsident Engelhardt, das liegt in der Natur seines Amtes, hängt den deutschen Doppelsieg noch ein Stückchen höher.

Ironman-WM auf Hawaii - das Radfahren Sportschau 12.10.2019 04:15:34 Std. Verfügbar bis 12.10.2020 Das Erste

"Tolle Werbung für unseren Sport“

"Dieses Rennen war tolle Werbung für unseren Sport", schlussfolgert er, und hat damit natürlich recht. Man könnte aber auch sagen: Es war die nächste Werbung. Frodenos Olympia-Gold 2008 erscheint rückblickend wie der Startschuss für einen Triathlon-Boom in Deutschland, der in den folgenden Jahren von weiteren Erfolgen zehren sollte. Den nächsten Höhepunkt gab es 2013, als die deutsche Mixed-Team-Staffel in Hamburg Weltmeister wurde. Mit Haug und Frodeno. 

Der Ironman über die Langdistanz - aber auch die zahlreichen Halbdistanz-Rennen 70.3 – erfreuen sich hierzulande spätestens seit 2014 steigender Popularität. Mit seinem Sieg auf Hawaii bereitete Kienle eine Bühne, auf der allen voran Frodeno und Lange einen atemberaubenden Auftritt nach dem anderen hinlegten. Sechs schwarz-rot-goldene Siege in Folge: Kinder, die demnächst eingeschult werden, wissen gar nicht, dass ein Ironman-Weltmeister nicht zwangsläufig aus Deutschland kommen muss. 

Ironman Hawaii: Mythos und Kommerz

Eine Serie, die sich auch an der Basis bemerkbar macht. Ob Volkswettkämpfe oder Ironman-Veranstaltungen: Triathlon boomt seit Jahren. Der Traum von der Ziellinie auf Hawaii, er lebt nicht nur bei den Profis, sondern auch bei zahlreichen Amateuren, die aufgrund der Trainingsumfänge und finanziellen Herausforderungen aber besser Altersklassen-Athleten genannt werden sollten. Ironman, Hawaii - das ist längst nicht mehr nur Mythos, es ist auch Kommerz, mit einer professionellen Struktur.

Mit einem professionellen Training sowie einer professionellen Einstellung hat sich Jan Frodeno am Wochenende seinen Platz im Ironman-Olymp gesichert. Auch wenn es ihm selbst, so sagt er, rein um den Sieg ging: Der gebürtige Kölner, mittlerweile im spanischen Girona heimisch, kann ab sofort einige Alleinstellungsmerkmale nicht mehr von der Hand weisen.

Ironman-WM auf Hawaii - der Marathon Sportschau 12.10.2019 03:56:10 Std. Verfügbar bis 12.10.2020 Das Erste

Neben der Tatsache, dass er nun der erste Deutsche mit drei Titeln ist, hält er seit dem Wochenende auch den Streckenrekord. In Abwesenheit des bisherigen "Recordbreakers" Patrick Lange raste Frodeno in 7:51:13 Stunden über die Pazifikinsel. 

Frodeno suchte diesen einen Tag

All das, möchte man sagen, nach seinen schwierigen Jahren 2017 und 2018, als er sich erst mit Rückenproblemen durch den Marathon quälte und zwölf Monate später sogar verletzungsbedingt absagen musste. Und was kommt nun? Manch ein Frodeno-Fan ist am frühen Sonntagmorgen möglicherweise zusammengezuckt, als der König von Kona unter Einfluss der Zieleuphorie sagte: "Es war der Tag, den ich meine Karriere lang gesucht habe."

Könnte jetzt, nach drei WM-, drei EM- und zahlreichen weiteren Titeln Schluss sein? Spekulationen über ein Karriereende gab es zuletzt häufiger, Frodeno aber erteilte ihnen zumindest vor dem Rennen auf Hawaii eine Absage. Im Ironman-Olymp, in dem jetzt auch Anne Haug einen festen Platz hat, dürfte das Glückwunschschreiben aus der früheren Chefetage längst angekommen sein.

Stand: 13.10.2019, 15:54

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