Immer wieder Ausraster: Was muss Zverev verändern?

Alexander Zverev im Halbfinal-Spiel gegen Dominic Thiem

Tennis

Immer wieder Ausraster: Was muss Zverev verändern?

Von Niklas Schenk

Immer wieder rastet Deutschlands größtes Tennis-Talent Alexander Zverev aus. Jüngste Vorfälle am Wochenende: Am Samstag zertrümmerte er beim ATP Cup seinen Schläger, am Tag darauf raunzte er seinen Vater an. Sportpsychologen raten Zverev zu professioneller Hilfe. Vor allem zwischen den Ballwechseln müsste der Hamburger etwas verändern.

"Der Schlüssel liegt zwischen den Punkten", meint Markus Hornig. Hornig arbeitete früher als Tennis-Profitrainer auf der ATP-Tour, wurde später Mentaltrainer der Frauenfußball-Nationalmannschaft. Heute arbeitet Hornig als Coach, schaut sich aber noch immer fast jedes Tennisspiel an. "Zwischen den Ballwechseln braucht ein Spieler ausbalancierte Emotionen. Hier ist es wichtig, wie man mit sich selbst umgeht und Ballwechsel schnell abhakt", sagt Hornig. Helfen könnte es da auch, sich auf die Atmung zu konzentrieren, Abläufe zu ritualisieren, an positive Erinnerungen zu denken.

Punkt für Punkt spielen

Punkt für Punkt spielen: Das war die Strategie des früheren amerikanischen Tennisspielers Jimmy Conors. "Steffi Graf hat das genauso gemacht, sie wusste teilweise gar nicht im Spiel, wie es genau steht", sagt Hornig. Vielen Spielern würde es helfen, sich nach jedem Ballwechsel wegzudrehen und den Punkt schnell abzuhaken - unabhängig davon, ob der Punkt gewonnen oder verloren wurde.

"Bei Spielern wie Djokovic oder Federer sieht man zwischen den Ballwechseln nur wenig Emotionen, höchstens in Extremsituationen wie nach einem gewonnenen Breakball", schildert der Mentalcoach. Zverev hingegen hadere immer wieder mit sich nach Ballwechseln, lasse sich von schlechten Schlägen viel zu schnell herunterziehen, könne während des Spiels Misserfolge nicht abschütteln. "Er kann mit seinen ganzen Emotionen nicht umgehen", bilanziert Hornig.

Am Wochenende hatte Zverev beim Spiel gegen Alex de Minaur einen Schläger zertrümmert, nachdem er den zweiten Durchgang verloren hatte. Dabei hatte Zverev den ersten Satz gewonnen. Letztlich verlor er das Spiel in drei Durchgängen. Am Tag darauf, in der Partie gegen den griechischen Topspieler Stefanos Tsitsipas, war er beim 1:6, 4:6 völlig chancenlos.

Mal wieder servierte Zverev diverse Doppelfehler. Seinen hinter ihm auf der Tribüne sitzenden Vater raunzte er an: "Halt die Klappe, was zum Teufel redest du da! Ich habe keinen Aufschlag mehr, und du erzählst mir irgendeinen Scheiß." Sein Vater saß anschließend mit Tränen in den Augen auf der Tribüne.

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Auch der Sportpsychologe Stephan Brauner sieht die besondere Herausforderung im Tennis in der Zeit zwischen den Ballwechseln. "Maximale Anstrengung während der Ballwechsel wechselt sich mit viel Zeit zum Nachdenken dazwischen ab. Es ist also umso entscheidender, hilfreiche Gedanken zu entwickeln und seine Selbstgespräche zielführend zu steuern", sagt Brauner.

Neben mentaler Hilfe müsste sich Zverev aber vor allem spielerisch weiterentwickeln. "Er wurde sehr früh sehr hoch gelobt. Nun merkt er, dass ihm die Felle davonschwimmen und Spieler wie Tsitsipas den Rang ablaufen", meint Brauner. Gegen variable Gegner wie eben den Griechen Tsitsipas oder den Russen Medwedew sei Zverev besonders auf seinen Aufschlag angewiesen. "Er braucht da einen guten Serve, um bestehen zu können."

Fast 400 Doppelfehler in der Saison 2019

Gegen Tsitsipas muss sich Zverev wie in einem schlechten Traum aus 2019 gefühlt haben: Er schlug erneut zehn Doppelfehler. Gegen de Minaur waren es am Tag zuvor 14 gewesen. 2019 kam Zverev auf fast 400 Doppelfehler und damit auf mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. "Er muss variabler spielen, hat sich dem modernen Spiel im Gegensatz zu einigen seiner Konkurrenten zu wenig angepasst", meint Brauner. "Die Offenheit zur Weiterentwicklung vermisse ich bei ihm", sagt der Sportpsychologe. Sein Kollege Markus Hornig stimmt zu: "Es sieht nicht so aus, als ob Alexander Zverev Hilfe animmt".

Was passiert, wenn ein Tennisspieler zu angespannt und emotional ist, beschreibt Hornig so: "Der Körper verkrampft, die Feinmotorik geht verloren. Darunter leidet dann das Ballgefühl, das Timing. Der Schwung geht verloren, der Arm wird schwer." Für Hornig ist Zverev deshalb ein "Sklave seiner Emotionen", wie er in einem Interview mit "betway" sagte.

Problem: Zu wenig Training?

"Ich muss ein Stück weit zu meinem Tennis zurückfinden und auch einen frischen Start haben", hatte Zverev vor der Saison als Ziel für die Tennissaison 2020 ausgegeben. Nach seinen 14 Doppelfehlern in der Partie am Samstag gegen de Minaur hatte der Hamburger dann zu Protokoll gegeben: "Es ist offensichtlich, dass ich kein Gefühl für meinen Aufschlag habe, das ist kein Geheimnis. Aber um ehrlich zu sein, habe ich einfach nicht genug trainiert." Einen festen Coach hat Zverev nach der Trennung von Ivan Lendl noch nicht wieder. Auch der längsten Wegbegleiter seiner Karriere, sein Vater, scheint auf ihn nur begrenzt Einfluss zu haben - und auch die Tipps von Boris Becker während des ATP Cups prallten an Zverev ab.

"Man gewinnt keinen Grand-Slam-Titel mit seiner Art des Tennis", sagte Tennis-Startrainer Patrick Mouratoglou über Zverev vor einigen Wochen. Einige Tennisexperten haben den Deutschen zwei Wochen vor dem Start der Australian Open, des ersten Grand Slam-Turniers des Jahres, offenbar schon abgeschrieben. Vielleicht hilft Zverev diese geringere Erwartungshaltung.

Vielleicht sollte er sich aber auch ein Beispiel an Tsitsipas nehmen, jenem Spieler, gegen den er am Sonntag und in der Vergangenheit so oft verlor. Dieser arbeitet seit Jahren mit einem Sportpsychologen zusammen. Nach einem souverän gewonnenen Spiel gegen einen mal wieder mit sich hadernden Zverev sagte der Grieche einmal: "Mein Sportpsychologe hat mir mal was gesagt, an das ich mich immer wieder erinnere: 'Einen guten Spieler erkennt man an einem schlechten Tag.'"

sid, dpa | Stand: 06.01.2020, 13:05

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