US Open: Duell der Thronfolger - Thiem ist der Favorit

Dominic Thiem (l.) und Alxander Zverev

Finale, US Open

US Open: Duell der Thronfolger - Thiem ist der Favorit

Von Jannik Schneider

Nach ihrem Halbfinal-Kracher bei den Australian Open treffen Alexander Zverev und Dominic Thiem bei den US Open unter anderen Umständen erstmals in einem Grand-Slam-Finale aufeinander. Der Turnierverlauf spricht klar für den Österreicher.

Der deutsche Ex-Profi Christopher Kas war nicht nur ein exzellenter Doppelspieler. Kas, heute Trainer und TV-Experte, war immer sehr aktiv in den sozialen Medien – vornehmlich mit kurzen Videos.

Am Wochenende hat er eines dieser Kurzinterviews aus seinem Fundus herausgekramt - vom ATP-Turnier in Wien aus dem Herbst 2014. Die Aufnahme zeigt Dominic Thiem, damals 21 Jahre alt, und den erst 17-jährigen Alexander Zverev, gerade waren sie Kas und dessen Doppelpartner Philipp Kohlschreiber knapp in drei Sätzen unterlegen. Thiem war zu diesem Zeitpunkt bereits unter den Top-40 der Weltrangliste, Zverev noch außerhalb der ersten 100.

Freunde außerhalb des Tennisplatzes

Dennoch wirkte Zverev damals etwas selbstbewusster und sagte: "Ich glaube, Dominic und ich haben auch im Einzel die nächsten Jahre eine gute Zukunft vor uns zusammen." Thiem unterbrach ihn lachend und entgegnete: "Und privat auch."

Beide haben recht behalten. Sechs Jahre später treffen Thiem (27) und Zverev (23) erstmals in einem Grand-Slam-Finale aufeinander und verstehen sich auch abseits der Tennisplätze gut. Die Voraussetzungen für das US-Open-Finale aber könnten unterschiedlicher kaum sein.

Thiem hat bisher alle Grand-Slam-Finale verloren

Thiem gilt in Abwesenheit der großen drei Spieler der vergangenen 16 Jahre - Roger Federer (Knieverletzung), Rafael Nadal (Absage wegen Pandemie) und Novak Djokovic (Disqualifikation im Achtelfinale) - als Topfavorit und legitimer Nachfolger des Trios.

Dass Thiem dieses Vakuum füllen möchte, unterstrich er mit einem Dreisatzerfolg in der Vorschlussrunde gegen den ebenfalls hochgehandelten Daniil Medvedev. Zweimal stand Thiem bereits im French-Open-Finale, unterlag dabei jeweils Sandplatzkönig Nadal. Vor der weltweiten Pandemie scheiterte er in Melbourne bei den Australian Open nach dem Sieg gegen Zverev im Halbfinale nur denkbar knapp im Endspiel an Djokovic.

Österreicher will nicht mehr nur der Liebling sein

Stattdessen will der 16-malige ATP-Turniersieger, der anderthalb Jahrzehnte von Günter Bresnik in Wien ausgebildet, gefördert und gefordert wurde, die Erfahrungswerte nun auf dem allerhöchsten Niveau für sich nutzen. Die Ära von Bresnik endete 2019. Seit der Zusammenarbeit mit dem chilenischen Olympiasieger Nicolas Massu tritt Thiem außerhalb der Courts selbstbewusster auf, vertritt klarere Meinungen und will nicht mehr nur der liebe, nette Top-10-Spieler sein.

In New York steigerte sich Thiem von Runde zu Runde und besiegte unter anderem den Sieger von 2014, Marin Cilic sowie die hochveranlagten Nachwuchskräfte Felix Auger-Aliassime und Alex de Minaur mit wenig Problemen.

Zverev muss sich steigern

Vor Zverev bekundete er trotz dessen spielerischen Schwierigkeiten öffentlich großen Respekt: "Er ist insgesamt einer der besten Spieler der vergangenen Jahre, hat außer bei den Majors bereits überall Titel gesammelt."

Im Finale muss sich Zverev aber enorm steigern. Vor allem in den vergangenen beiden Runden hatte er große Schwierigkeiten. Die Matchanfänge: erschreckend schwach. Seine extremen Leistungssteigerungen gegen die keineswegs überragend spielenden Borna Coric und den am Ende körperlich angeschlagenen Pablo Carreno Busta werden von den Fans mehr zur Kenntnis genommen als gefeiert.

Zverevs Fitnessplan zahlt sich aus

Zverev hat nach drei frühen Erfolgen auf Mastersebene und dem Gewinn der ATP-Finals 2018 lange gebraucht, um seinen und den medialen Erwartungen bei den Grand-Slam-Turnieren gerecht zu werden. Vor allem auf den ersten Aufschlag und seine Rückhand ist nun Verlass. Zverevs Plan mit Fitnesstrainer Jez Green hat außerdem zu einer wahnsinnigen Fitness-, aber für seine Größe von 1,98 Metern vor allem beeindruckenden Laufstärke und Beweglichkeit, geführt. Auch deshalb überlebte Zverev Runde um Runde trotz großer Unsicherheiten beim zweiten Aufschlag und generell zu wenig Angriffstennis.

Es entspricht nicht Zverevs Art, dies zuzugeben: "Ich weiß, dass ich früher offensiver spielen muss, aber ich habe tief, sehr tief gegraben, um das Halbfinale zu überstehen. Nicht vielen Topspielern wäre das gelungen", sagte Zverev im Pressegespräch. Erfahrungswerte wie drei große Finale von Thiem, so Zverev weiter, seien wichtig. "Aber ich freue mich auf mein Grand-Slam-Finale. Die beiden besten Spieler der Welt stehen sich gegenüber."

Regeneration steht im Vordergrund

Für diesen letzten Ausspruch wird er in Abwesenheit der drei Topspieler und seinen eigenen Leistungen seit einem Tag etwas belächelt. Zverev aber ist das egal. Er erarbeitet sich das fehlende spielerische Vertrauen zum einen verbal. Zum anderen tut er in den verbleibenden Einheiten alles, um spielerisch ein besseres Gefühl zu bekommen. Physiotherapeut Hugo Gravil hat nach dem letzten Fünfsatzmatch den Fokus noch mehr als sonst auf Regeneration gesetzt. "Körperlich geht es mir aber gut", sagt Zverev.

Auf der anderen Seite hat sich Thiem laut seines Physiotherapeuten, dem Deutschen Alex Stober, bei einem Ausrutscher gegen Medvedev Gewebe an der rechten Achillessehne eingeklemmt. Auf Nachfrage bestätigte Stober aber, dass Thiem am heutigen Sonntag voll da sein werde.

Stand: 13.09.2020, 10:07

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