Australian Open - die "Cyborgs" sind noch immer vorne

Die Skyline von Melbourne und das Stadion während eines Tennis-Match bei den Australian Open

Turnierfazit

Australian Open - die "Cyborgs" sind noch immer vorne

Von Jannik Schneider

Auch wenn die Sieger bei den Australien Open mit Naomi Osaka und Novak Djokovic bekannte Namen tragen, war in Zeiten der Pandemie vieles anders. Die Verantwortlichen schreiben einen Rekordverlust.

Jennifer Brady war als Finalteilnehmerin bei den Damen nicht nur eine Turnierüberraschung, sondern blieb die einzige von insgesamt 55 Spielerinnen und Spielern in harter Quarantäne vor den Australian Open, die überhaupt die zweite Woche erreichte. Nach positiven Tests auf ihren Flügen nach Melbourne mussten diese Athleten Mitte Januar zwei Wochen lang auf ihren Hotelzimmern bleiben, während die Konkurrenz fünf Stunden am Tag trainieren durfte.

"Es war mental schwieriger als physisch. Viele haben sich beschwert, ich habe mir vorgenommen, es nicht zu tun", erklärte Brady, die sich unter ihrem deutschen Coach Michael Geserer nach Weltklasseleistungen erst im Endspiel gegen Naomi Osaka geschlagen geben musste.

Erst mit Zuschauern, dann ohne und am Ende wieder mit

Die Quarantänemaßnahmen, die der australische Tennisverband mit den Gesundheitsbehörden des Bundesstaats Victoria ausgehandelt hatte, wurden von Einheimischen, Medien und Tennisprofis kritisch beäugt. Die Frage war ja: Darf man rund 600 Tennisprofis aus der ganzen Welt einreisen lassen, während knapp 37.000 Australier noch in anderen Ländern festsitzen?

Die Entscheidung fiel für das Turnier, das als größtes Sportevent Australiens ein großer Wirtschaftsfaktor ist. Tennis Australia zahlte für 17 gecharterte Flüge der Spieler, die Hotelzeit und alle Maßnahmen rund um das Turnier. Im Gegenzug durfte das Turnier, weil der Bundesstaat nach harten Quarantänemonaten 2020 coronafrei war, zunächst vor Zuschauern stattfinden.

Nach 13 Fällen in einem Einreisehotel, das nicht mit dem Turnier in Verbindung stand, wurde ein fünftägiger Lockdown verhängt, erst am Donnerstag zu den Halbfinalen waren wieder Fans zugelassen – mehr als 100.000 Tickets mussten zurückbezahlt werden.

Veranstalter schreiben 78 Millionen Dollar Verlust

Insgesamt sahen rund 130.000 Tennisfans die Matches, vor einem Jahr waren es 812.000 gewesen. Laut dem emsigen Turnierdirektor Craig Tiley, der als Vermittler an allen Fronten wochenlang alles gab, beläuft sich der Verlust des Turniers auf rund 78 Millionen US-Dollar.

Alle Sponsoren seien an Bord geblieben, sagte Tiley und wiederholte gebetsmühlenartig, dass das Event den Verlust nach der Pandemie im Laufe der Jahre wieder ausgleichen könne. Gerüchte, dass finanzstarke asiatische Länder das Event übernehmen wollen, halten sich seit Jahren – bleiben laut Insidern aber lediglich Gerüchte.

Sportlich war am Ende alles fast wie immer. Naomi Osaka ist die erste Spielerin seit Maria Scharapowa 2014, die ihren bereits vierten Majortitel gewann. Die außerhalb der Tennisplätze so schüchterne Japanerin hat unter ihrem neuen Coach Wim Fissette (der Kerber 2018 zum Wimbledontitel führte) eine echte Siegermentalität entwickelt. Osaka sagte: "Für Finals habe ich mir die Einstellung angeeignet, dass sich die Menschen nicht an die Finalverlierer erinnern." Es war ihr vierter Sieg im vierten großen Finale.

Osaka gewinnt Duell der Generationen

Osaka, die mittlerweile die weltweit bestbezahlte Sportlerin ist (34 Millionen Dollar jährlich laut "Forbes"), gewann auch gegen ihre Vorgängerin Serena Williams. Die 39-Jährige präsentierte sich physisch und spielerisch klar verbessert, schlug mit Simona Halep und Aryna Sabalenka auf dem Weg ins Halbfinale zwei hochgehandelte Top-10-Spielerinnen.

Doch gegen Osaka strauchelte Williams im immer aussichtsloser werdenden Kampf um den ewigen Grand-Slam-Rekord (24). Von solchen Zielen sind die deutschen Damen meilenweit entfernt. Erstmals seit Wimbledon 2008 erreichte keine DTB-Spielerin die dritte Runde.

Zverev: "Bin nicht weit weg"

Bei den Herren lieferte Alexander Zverev, Deutschlands Nummer eins, dem Branchenprimus Novak Djokovic im Viertelfinale einen Kampf. Nachdem der 23-Jährige den ersten Satz gewann, gab er in den Sätzen drei und vier Breakvorsprünge ab. "Djokovic spielt dann eine halbe Stunde fehlerfrei. Da darfst du dir keine Schwäche erlauben. Aber ich habe gezeigt, dass ich nicht weit weg bin", erklärte der sichtbar niedergeschlagene deutsche Davis-Cup-Spieler.

Djokovic ohne Mühe gegen Medwedew Sportschau 21.02.2021 02:56 Min. Verfügbar bis 21.03.2021 Das Erste Von Ralf Scholt

In der anderen Turnierhälfte gelang es Stefanos Tsitsipas als erst zweitem Spieler bei einem Grand Slam überhaupt, Rafael Nadal nach 2:0-Satzrückstand noch zu besiegen. Doch der Grieche wurde im Halbfinale der nächsten Generation von Daniil Medwedew, dem derzeit stärksten jungen Spieler, überrollt. Djokovic hatte nach Zverev mit Aslan Karazew den ersten Grand-Slam-Debütanten aller Zeiten in einem Majorhalbfinale eliminiert und war am Sonntag im Finale gegen Medwedew beim glatten Dreisatzsieg vor allem mental deutlich überlegen.

54 der vergangenen 63 Slams gingen an die Top 3

Die großen drei (Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer) sind noch immer an der Spitze. Medwedew nannte sie in der Pressekonferenz "Cyborgs – aber auf eine positive Art und Weise." Das Trio hat 54 der vergangenen 63 Grand Slams seit Roger Federers erstem Wimbledonsieg 2003 ergattert. Djokovic allerdings kommt mit seinem neunten Titel in Melbourne und nun insgesamt mit 18 Grand Slam-Titeln seinen Kontrahenten (jeweils 20 Titel) nahe.

Obwohl es mit Medwedew, Tsitispas, Zverev, Dominic Thiem und auch Andrej Rubljow gleich fünf junge Spieler gibt, die die großen drei ins Straucheln bringen können, haben sie es bei den Grand Slams noch nicht vollends gepackt: Straucheln ist eben nicht hinfallen.

Eine Bubble wie in der NBA?

Dass die Tour planmäßig fortgesetzt werden kann, darf angezweifelt werden. Djokovic argumentierte angesichts einiger Verletzungen, er spielte laut eigenen Angaben unter starken Schmerzmitteln mit einem Muskelriss, dass die Quarantänemaßnahmen auf Dauer keine Lösung darstellten.

"Wir können momentan keine Reisetour haben", sagte auch Zverev. Beide streben mehrere Turniere am gleichen Standort nach Vorbild der NBA-Bubble an. Die verantwortlichen Verbände haben sich dazu bislang noch nicht geäußert.

Stand: 21.02.2021, 18:30

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