Tennis - Dominic Thiems nächste Reifeprüfung

Österreichs Dominic Thiem jubelt im Spiel gegen Serbiens Novak Djokovic bei den ATP Finals in London.

ATP-Finals

Tennis - Dominic Thiems nächste Reifeprüfung

Der Österreicher Dominic Thiem gilt schon länger als einer der Kronprinzen im Tennis. Seine furiosen Auftritte bei den ATP-Finals gegen Roger Federer und Novak Djokovic wecken Hoffnungen, dass die Wachablösung womöglich früher bevorsteht.

Dominic Thiem wurde nach seinem spektakulären Drei-Satz-Sieg gegen Novak Djokovic bei den ATP-Finals in London mit Lob überhäuft, auch vom Gegner: "Ich weiß, dass er ein hohes Level spielen kann. Aber heute Abend war er einfach phänomenal", sagte Djokovic.

Szenen wie diese hat man in den vergangenen Jahren häufig erlebt auf der ATP-Tour: Die Dominatoren der Szene, Roger Federer, Rafael Nadal oder Djokovic, loben die "Young Guns", die Top-Spieler aus der nächsten Generation und potenziellen Erben auf dem Tennis-Thron, die es immer mal wieder schaffen, einen der großen Drei zu bezwingen. Bei den Grand-Slam-Turnieren aber, wo es um die Trophäen geht, die wirklich etwas zählen, triumphieren am Ende immer noch die Altmeister. Auch Thiem wurde bei seinen beiden Major-Endspielteilnahmen, in Paris bei den French Open, zweimal von Nadal in die Schranken gewiesen.

Djokovic über Thiem: "Kann nur meinen Hut ziehen"

Nun hat der Österreicher aber bei den ATP-Finals, dem traditionellen Saisonabschluss, aufhorchen lassen. Nicht nur, weil er in London nach Federer auch Djokovic geschlagen hat - und damit bereits vor dem abschließenden Gruppenmatch gegen Matteo Berrettini im Halbfinale steht. Vor allem die Art und Weise, wie er den Wimbledonsieger in die Knie zwang, beeindruckte: 51 Gewinnschläge knallte er Djokovic, der als bester Defensivspieler der Welt gilt, um die Ohren. "Er hat das ganze Match wie den letzten Punkt gespielt. Ich kann nur meinen Hut ziehen", sagte der Djoker im Anschluss.

Thiem kann seine großen Stärken, die präzise wie druckvolle Rückhand und die mit extremem Topspin gespielte Vorhand, inzwischen nicht mehr nur auf Sand ausspielen. Drei seiner fünf Turniersiege im Jahr 2019 gelangen dem Österreicher auf hartem Belag.

Erfolgreiches Jahr 2019 - ohne Coach Bresnik

Die Tennis-Tour sehnt sich schon länger nach neuen Typen und Geschichten, mit seinem Auftritt in London weckte Thiem einmal mehr Hoffnungen. Vor kurzem erzählte er im Magazin Sokrates noch von seinen Anfängen als 19 Jahre alter Jungprofi, zu einer Zeit, als Federer und Co. auch schon seit Jahren dominierten: Bei einem Turnier der Future Tour in Marokko gab es im Hotel keine Heizung und kein warmes Wasser, eine Woche lang war Thiem nicht duschen.

Im selben Interview äußerte er sich aber auch zum Thema Doping. "Tennis ist sauber", sagte Thiem. Er würde für alle Top-Spieler seine Hand ins Feuer legen - und selbst wenn jemand zu unerlaubten Mitteln greifen würde: Er glaube nicht daran, dass dadurch jemand besser spielen würde. Aussagen, die man bestenfalls als unvorsichtig bezeichnen könnte.

Von einem erfahrenen Tennis-Weltmann wie Roger Federer würde man so etwas wohl nicht zu hören bekommen, wobei auch Thiem mit seinen 26 Jahren nicht mehr unbedingt als ungestümer Tour-Neuling durchgeht. Doch der Weltranglistenfünfte steckt eben noch mittendrin im Reifeprozess, im Frühjahr hat er sich von Trainer Günter Bresnik getrennt, der über 15 Jahre lang an seiner Seite war und "immer der Boss", wie Vater Wolfgang Thiem kürzlich im "Krone"-Interview erzählte. "Jetzt ist Dominic selbst Chef des Teams, er gibt den Takt vor", so Thiem senior, das habe ihn reifer und selbstbewusster gemacht.

Grand-Slam-Titel als ultimative Reifeprüfung

Die wahre Reifeprüfung steht ihm aber immer noch bevor, der Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier. Im Vorjahr triumphierte Alexander Zverev in London - und wähnte sich bereit für den großen Wurf. Ein Jahr später steht er immer noch ohne Major-Titel da. Auch Thiem hat nie einen Hehl aus seinen Ambitionen gemacht. Als Kind habe er oft das Video von Thomas Musters Sieg gegen Boris Becker 1995 in Monte Carlo geschaut, hat er dem österreichischen Sportportal "LaOla" erzählt. Wie Muster will auch Thiem einen Grand-Slam-Titel gewinnen.

Der Sieg gegen Djokovic sei das beste Match seiner Karriere gewesen, sagte Thiem und sieht seine Mission in London noch nicht beendet. "Es wäre der größte Titel meiner Karriere. Ich glaube, dass dieses Turnier fast auf dem gleichen Level wie ein Grand-Slam-Turnier ist, weil es so schwer zu gewinnen ist", sagte Thiem. "Du musst hier nur Top-Ten-Spieler schlagen." Die Nummer zwei und die Nummer drei der Welt hat er jedenfalls schon mal besiegt.

mixa/sid/dpa | Stand: 13.11.2019, 14:29

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