Daniil Medwedew ist nicht aufzuhalten

Tennisspieler Daniil Medwedew aus Russland

Bester Spieler der Saison?

Daniil Medwedew ist nicht aufzuhalten

Von Jörg Strohschein

Die zweite Hälfte des Tennisjahres gehört Daniil Medwedew. Der 23-Jährige eilt von Erfolg zu Erfolg. Mit seiner variablen Spielweise mischt der Russe die Welt der Etablierten auf dem ATP-Circuit auf.

Wie er so dastand, hätte der Eindruck entstehen können, als wäre er ein spätpubertierender Junge, dem es etwas unangenehm ist, was gerade passierte. Daniil Medwedews Blick wirkte ungläubig, fast schon etwas gequält. Die gesamte Aufmerksamkeit richtete sich naturgemäß auf den schlacksigen, spindeldürren Russen, der immer irgendwie aussieht, als wären Shirt und Hose stets eine Nummer zu groß. Sein äußeres Erscheinungsbild korrespondiert allerdings keineswegs mit den Leistungen, die er seit geraumer Zeit auf den Platz bringt. Die sind deutlich passgenauer.

Medwedew hatte einige Minuten zuvor Alexander Zverev mit 6:4, 6:1 im Finale des Masters von Shanghai geradezu aus der Halle geschossen und erteilte dem Deutschen eine (Tennis-)Lektion. "Ich kann gar nicht glauben, was in den vergangenen Wochen mit mir passiert ist. Das ist wie ein Traum", sagte Medwedew.

Sechs Finale in Folge

Der 23-Jährige ist seit Wochen kaum aufzuhalten. Nach dem Wimbledon-Turnier im Juni und mit Beginn der Hardcourt-Saison kassierte Medwedew ganze drei Niederlagen bei 29 Siegen. Fünf seiner insgesamt acht Siege gegen Top-Ten-Spieler feierte er in diesem Dreimonatszeitraum.

Das Finale in Shanghai war das sechste in Folge, drei ATP-Titel konnte er sich in diesem Zeitraum sichern. Im Finale der US Open unterlag er in einem echten Fünf-Satz-Krimi nur ganz knapp dem spanischen Weltstar Rafael Nadal. Mit dieser Erfolgsbilanz wandelt er auf Roger Federers Spuren in dessen besten Zeiten.

Insgesamt konnte Medwedew 59 Partien auf der ATP-Tour in diesem Jahr für sich entscheiden. Und damit elf mehr als Novak Djokovic, der in diesem Ranking auf Platz zwei geführt wird. Die Belohnung für Medwedew, der vor zwei Jahren noch die Nummer 67 der Welt war, ist aktuell Weltranglistenplatz vier.

Bester Spieler der Welt?

"Daniil ist momentan gerade der beste Spieler der Welt, wenn es nach der Form geht", sagte Zverev nach seiner Pleite, die er wegen der Überlegenheit des Russen offenbar nicht so sehr an sich heranlassen wollte.

Dabei ist der Stil des Russen alles andere als spektakulär. Medwedew ist beweglich auf dem Platz und läuft selbst dann noch unentwegt, wenn es scheint, als hätte er seine Kräfte schon aufgebraucht. Medwedew ist wie eine Ballwand, die, wenn nötig, aber auch jede gelbe Filzkugel zurückspielt, bis das Gegenüber der Verzweiflung nahe ist. Und wenn Medwedew die Chance erkennt, dann greift er an, erscheint plötzlich am Netz und spielt solide Volleys. Und auch sein Aufschlag kann sich sehen lassen, rund 1.500 Asse hat er bereits zustande gebracht.

Große Chance beim ATP-Finale in London

Medwedews technische Variabilität sowie seine Fähigkeit, seine Taktik innerhalb eines Matches zu verändern, steht für eine moderne Interpretation des Tennis, die den Russen nur sehr schwer schlagbar macht.

In dieser Hochform wird Medwedew nun zum großen ATP-Finale in London (10. bis 18. November) der besten acht Spieler der Saison fahren. Es ist gut möglich, dass der Shootingstar der diesjährigen Tennissaison sich selbst nochmal überraschen kann.

Klare Niederlage für Zverev im Finale von Schanghai

Sportschau 13.10.2019 00:37 Min. Verfügbar bis 13.10.2020 ARD Von NDR-Reporter Thomas Perlebach

Stand: 15.10.2019, 12:18

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