Tennis-Doppel Krawietz/Mies: "Es war Liebe auf den ersten Blick"

Doppel-Spieler Kevin Krawietz und Andreas Mies

ATP-Finals

Tennis-Doppel Krawietz/Mies: "Es war Liebe auf den ersten Blick"

Erstmals in der Geschichte der ATP Finals ist im Doppel-Wettbewerb mit Kevin Krawietz und Andreas Mies eine rein deutsche Paarung vertreten. Im exklusiven sportschau.de-Interview sprechen sie über ihr Verhältnis, Spielmanipulationen, Doping und den Traum, für Deutschland zu spielen.

Kevin Krawietz (27) und Andreas Mies (29) haben eine sensationelle Saison 2019 hinter sich, die ihnen niemand zugetraut hatte. Im exklusiven Interview mit sportschau.de sprechen die French-Open-Sieger vor ihrem Turnierstart in London auch über heikle Themen mit entwaffnender Offenheit.

Sportschau: Kevin Krawietz, Andreas Mies – Sie haben eine überragende Saison absolviert und sich gemeinsam als erstes rein deutsches Duo für die ATP Finals der besten acht Doppel des Jahres qualifiziert. Die Laune bei Ihnen ist dementsprechend prächtig. Aber wann haben Sie sich zum letzten Mal gestritten?

Andreas Mies: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass wir uns in den rund anderthalb gemeinsamen Jahren nur ganz selten gezofft haben. Ich kann mich an nur wenige Situationen erinnern.

Kevin Krawietz: Während eines Trainings bei einem Turnier in Genua gab es mal ein bisschen dicke Luft, wenn du dich erinnerst?

Mies: Stimmt, aber das war eher ein Missverständnis. Ich wollte dir einen Tipp geben für Deinen Aufschlag, aber du hast nicht zugehört, warst genervt, weil du keinen ersten Aufschlag getroffen hast. Dann hast du etwas gesagt, was ich als Beleidigung aufgefasst habe.

Krawietz: Aber die Situation hat sich schnell geklärt, oder?

Mies: Ja, wir können auch nie lange sauer aufeinander sein. Wenn mal einer etwas verbockt oder zu spät kommt, hat der jeweils andere kurzzeitig einen dicken Hals. Aber das legt sich bei uns in kurzer Zeit wieder.

Sportschau: Harmonie war bei Ihnen besonders wichtig, weil Sie, Herr Krawietz, bis zum Sommer auch noch im Einzel aktiv waren. Wurde das mit dem Doppelerfolg dann irgendwann zu kompliziert?

Krawietz: Die Spezialisierung hin zum Doppel hat sich Schritt für Schritt ergeben. 2018 war mein Ziel, dass ich es vom Einzelranking in der Weltrangliste schaffe, bei den Grand Slams an der Qualifikation teilnehmen zu dürfen. Das ist mir zweimal gelungen, aber dann wurden wir gemeinsam so erfolgreich, dass wir zusammen entschieden haben: Der Fokus liegt jetzt einzig und allein auf dem Doppel.

Mies: Ich glaube, uns hat diese Entscheidung nochmal einen Schub gegeben. Wir hatten von Anfang an eine offene Kommunikation. Ich wusste, dass Kevin noch Ambitionen im Einzel hatte, die ich wegen meiner Verletzungshistorie eben nicht mehr verfolgt habe. Es gibt ja auch Spieler, die hören mit Doppel auf, weil sie im Einzel den nächsten Schritt gehen wollen, spielen dann aber schlechter, weil sie sich mehr Druck machen. Ich glaube, für uns ist die endgültige Spezialisierung jetzt richtig gewesen.

Sportschau: Vor Ihrem Sieg bei den French Open 2019 waren Sie nur Insidern bekannt. Plötzlich waren Sie Grand-Slam-Sieger. Was hat sich ein knappes halbes Jahr später verändert?

Krawietz: Die Aufmerksamkeit ist von heute auf morgen viel, viel größer geworden. Das muss man so deutlich festhalten. Als wir 2018 erstmals in Wimbledon aufgeschlagen haben, gab es für uns keinerlei Medienanfragen nach den ersten Runden. Als wir Anfang 2019 unser erstes Turnier auf ATP-Ebene in New York gewannen, hatten wir unsere erste Pressekonferenz und in Paris wurde das Medieninteresse dann mehr und mehr. Nach dem Erfolg durften wir auf deutschem Boden ganz neue Erfahrungen machen. Beim Turnier in Halle kamen plötzlich dutzende Kids auf uns zu und wollten Fotos und Autogramme. Das hat uns überrascht, aber auch sehr geehrt. Dafür spielen wir Tennis. Dass wir Menschen fürs Doppel begeistern können.

Sportschau: Nach den French Open hagelte es zunächst Erstrundenniederlagen. Sind sie durch den Rummel in ein kleines sportliches Loch gefallen?

Mies: Das würde ich so nicht bezeichnen. Uns war nach dem Erfolg direkt bewusst, dass Rückschläge kommen könnten. Wir hatten auch gar nicht die Zeit, alles zu verarbeiten. Vielleicht haben wir uns etwas zu sehr unter Druck gesetzt. Das befreite Aufspielen war in Paris noch unsere Stärke.

Krawietz: Verkrampft waren wir nicht, aber die Erwartungshaltung an uns von extern, aber auch an uns selbst, war größer.

Mies: Hinzu kam ein Anpassungsprozess. Wir waren zwar Grand-Slam-Sieger. Aber erst nach diesem Erfolg haben wir unsere ersten Mastersturniere gespielt und regelmäßig gegen Weltklassepaarungen agiert. Daran haben wir uns dann aber gewöhnt. Wír waren davor zunächst ja auf unterklassigen Turnieren unterwegs.

Sportschau: Wo, wann und wie haben Sie beide sich eigentlich kennen gelernt?

Krawietz: Es gab nicht diesen einen Ort, diese eine Begegnung, die entscheidend war. Wir sind ja nur zwei Jahre auseinander und als deutsche Spieler kennt man sich von deutschen Meisterschaften und der unterklassigen Future- und Challengertour. Es war zunächst nur eine lose Bekanntschaft.

Mies: Im Sommer 2017 habe ich mich auf das Doppel fokussiert. Wir hatten auch schon öfter gegeneinander gespielt, beide viele Partnerwechsel hinter uns gehabt. Ich habe viel mit Oscar Otte gespielt, der sich dann auf seine Einzelkarriere konzentrieren wollte. Und dann haben wir gesagt: Wir probieren das jetzt mal. Unser erstes Challengertunier haben wir direkt gewonnen.

Sportschau: Die Chemie hat direkt gepasst?

Mies: Ja, es war Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte schon immer heimlich ein Auge auf Kevin geworfen. (Beide lachen)

Krawietz: Jetzt müssen wir aufpassen, was wir sagen. (schmunzelt). Aber im Ernst: Der Sieg hat uns zunächst einen Schub gegeben. Zwischen uns hatte es auch menschlich gepasst. Andy war so fair und ließ mich zunächst noch viel Einzel spielen und trainieren. Aber wir haben schnell beschlossen, zu schauen, wie weit wir kommen können gemeinsam.

Mies: Es gab dann doch einen entscheidenden Punkt. Ich musste verletzungsbedingt nochmal pausieren und als ich wieder spielen konnte, war Kevin noch in Mittelamerika unterwegs und in der Zeit habe ich mit vier Partnern viermal in der ersten Runde verloren. Als Kevin zurückkam, sind wir in Italien direkt wieder in ein Halbfinale auf Challengerebene eingezogen und wir reihten viele gute Turniere aneinander. Das gab Vertrauen. Unsere Spielweisen haben sich sehr gut ergänzt.

Sportschau: Sie haben die unterklassigen Future- und Challengerturniere angesprochen: Die sind von der Organisation oft weit von Profitennis im klassischen Sinne entfernt. Sind Sie froh, dass Sie sich da durchgekämpft haben?

Krawietz: Ich glaube, die Frage, was man sich da antut, haben sich die meisten Tennisprofis irgendwann mal gestellt, spätestens auf völlig unorganisierten Turnieren irgendwo in Südamerika. Die Voraussetzungen auf unterklassigen Turnieren haben mit Tennis auf ATP-Niveau nichts zu tun. Da wird teilweise mit Bällen gespielt, die würde nicht mal mehr ein Hund zum Spielen in den Mund nehmen. (lacht). Es gibt keine Unterstützung, finanziell ist es ein Minusgeschäft. Das wird auf der Challengerebene dann leicht besser. Aber wir sind froh, dass wir uns auf das höchste Niveau gespielt haben.

Mies: Es gibt so viele unglaubliche Anekdoten, die würden den Rahmen dieses Interviews sprengen. Aber eine muss ich unbedingt erzählen: Mit meinem alten Partner haben wir mal um 35 Weltranglistenpunkte im Nordosten Rumäniens in Bacau aufgeschlagen. Wir kamen an einem winzigen Flughafen an, der nur einmal die Woche angeflogen wird. Es gab genau ein Gepäckband und meine Tasche ist natürlich nicht angekommen und die Verantwortlichen vor Ort waren mit der Organisation heillos überfordert. Und dann hat es die ganze Woche durchgeregnet. Schlussendlich wurde das Turnier kurzerhand in die private Tennishalle eines Sponsors verlegt – ein Sandplatz ohne Auslauf quasi als Wintergarten vor dessen Haus. Da wurden dann von morgens acht Uhr bis Mitternacht die Matches durchgeprügelt. Der Sandplatz sah am Ende der Woche aus wie ein Schlachtfeld. Nach dem Halbfinale wollten wir an die frische Luft, sind aber in so einen zwielichtigen Hinterausgang geraten. Plötzlich wurden wir von zwei Hunden gejagt und mussten über einen Zaun springen. Wir kamen auch noch ins Finale, das wir wieder draußen gespielt und gewonnen haben. Zur Belohnung sind wir dann mehrere Stunden mit der Bimmelbahn nach Bukarest gefahren. Die durfte nicht schneller als 40 Kilometer pro Stunde fahren.

Krawietz: Die Story kannte ja noch nicht mal ich. Wir waren mal in Panama, ein toller Ort. Aber den Verantwortlichen gingen mitten im Turnier plötzlich die Tennisbälle aus. Das konnte ja keiner ahnen.“ (lacht).

Sportschau: Weniger lustig sind die auf den unterklassigen Turnieren wegen des geringen Preisgeldes weitverbreiteten Themen Wetten und Spielbetrug - sogenanntes Matchfixing. Sind Sie jemals damit in Berührung gekommen?

Krawietz: Was wir früher und jetzt noch akuter und häufiger mitbekommen, sind Beschimpfungen in den sozialen Medien – quasi nach jeder Niederlage. Da wird dann suggeriert, man hätte absichtlich verloren. Wir bekommen nach jedem Spiel Hassnachrichten. Und das geht so natürlich nicht. Niederlagen, auch deutliche, gehören zum Sport dazu. Tatsächlich betriebenes Matchfixing dagegen ist natürlich bodenlos. Zu geringes Preisgeld zählt für mich nicht als Ausrede.

Mies: Auf dem ein oder anderen Turnier siehst du schon Ergebnisse, wo du dir verwundert die Augen reiben musst und dich fragst, ob da alles mit rechten Dingen zugeht. Wir haben von anderen Spielern auf den unteren Turnieren auch immer mal wieder gehört, dass Spieler angesprochen wurden, um Matches zu verkaufen. Aber ich, beziehungsweise wir als Team waren davon noch nicht betroffen. Wir versuchen das auch von uns fernzuhalten. Der Tennissport hat uns so viele Türen geöffnet dieses Jahr. Es ist schade, dass er durch Spielmanipulation in den Dreck gezogen wird. Aber Wettprobleme gibt es ja auch in anderen Sportarten.

Sportschau: Ihre Leistungen sind auch deshalb explodiert, weil sie sehr viel in ihren Doppelsport investieren. Sie reisen mit Trainer und Physiotherapeuten. Früher gab es oft Vorurteile gegenüber Doppelspielern, was mangelnde Fitness angeht. Wie wichtig ist diese Komponente im Jahr 2019?

Mies: Die allgemeine Fitness spielt auch im Doppel eine immer größere und wichtigere Rolle. Die etwas unfitter aussehenden Akteure – auch in der Weltspitze – sterben aus. Diese Vorurteile gab es nicht von ungefähr. Da gab es Spieler, die standen mit einer schönen "Plauze" in den Top 20. Die Zeiten sind vorbei. Das Doppelspiel ist sehr viel dynamischer geworden. Es wird sich viel geduckt am Netz. Spieler müssen beweglich sein und gute Reflexe haben und immer explosiver nach vorne kommen, weil auch die Returns schärfer geschlagen werden. Da kommt es schon auf die Fitness an.

Sportschau: Weltklasseprofi Dominic Thiem erklärte zuletzt in einem Interview, Tennis sei dopingfrei und er würde für jeden Topspieler, den er kenne, bürgen. Die amerikanische Doppel-Spezialistin Abigail Spears wurde nach einer positiven Kontrolle auf Testosteron bei den US Open erst diese Woche überführt. Sie hatte 2017 die Australian Open im Mixed an der Seite des Kolumbianers Juan Sebastian Cabal, der hier auch in London aufschlägt, gewonnen. Ist das Doppel anfällig für Doping?

Krawietz: So ein positiver Fall ist schade und beschmutzt den Sport. Insgesamt bin ich aber mit Dominic Thiem einer Meinung und glaube, dass niemand gedopt ist. Ich würde auch meine Hand ins Feuer legen für unsere Doppelszene, dass da niemand dopt. Wir spielen im Schnitt anderthalb Stunden, Fitness wird immer wichtiger. Aber für anderthalb Stunden kann sich jeder auch ohne unerlaubte Mittel fit genug machen. Es gibt gar keinen Grund zu dopen.

Sportschau: Wie oft werden Sie als Doppelspieler denn getestet?

Mies: Die Nationale Antidopingagentur NADA stand dieses Jahr noch nicht vor der Tür. Unser Erfolg kam ja recht plötzlich und wir werden erst jetzt zum nächsten Jahr in den Testpool der NADA aufgenommen. Ich weiß nicht, wie oft wir genau getestet wurden. Aber die ITF hat bei Turnieren in unregelmäßigen Abständen auch uns getestet. Es gehört einfach dazu.

Sportschau: Sie gehören nach dieser Saison zur absoluten Weltklasse dazu. Sie spielen die ATP Finals und wurden zum ersten Mal für den Davis Cup, der übernächster Woche in einer reformierten Endrunde in Madrid ausgetragen wird, nominiert. Zu schön um wahr zu sein?

Krawietz: Manchmal müssen wir uns schon gegenseitig zwicken, um zu verstehen, dass das alles kein Traum ist. Und für Deutschland aufzuschlagen ist ein Kindheitstraum gewesen. Als Michael Kohlmann, der Davis-Cup-Kapitän, angerufen hat, war das schon ein besonderes Gänsehautgefühl.

Mies: Das sehe ich ganz ähnlich. Aber auch hier in London dabei zu sein, macht uns sehr stolz.

Sportschau: Wie ist denn die Zielsetzung hier in London?

Krawietz: Die Gruppenphase ist extrem schwierig. Den Modus kennen wir ja auch so noch nicht. Aber wir glauben, dass uns das entgegenkommt, direkt von Anfang an voll gefordert zu sein. Unser Ziel ist es erst einmal, die Gruppenphase zu überstehen. Alles andere wäre vermessen. Auch wenn es langweilig klingt. Wir denken von Spiel zu Spiel.

Sportschau: Erstmals in der Geschichte dieses Turniers ist Deutschland mit Ihnen und Alexander Zverev gleich dreifach vertreten. Wie ist Ihr Verhältnis zum Titelverteidiger im Einzel?

Mies: Wir kennen ihn wohl schon etwas länger als er uns. Den ersten Kontakt gab es 2018 in Wimbledon. Er ist ein cooler Typ. Wenn wir uns in den Umkleiden sehen, plaudern wir immer und unterstützen uns. Wir haben uns sehr gefreut, dass er sich noch für die ATP Finals qualifziert hat. Vielleicht schauen wir uns am Montag nach unserem Match noch sein Spiel in der Night Session gegen Rafael Nadal an. Bald wollen wir auch mal zusammen essen gehen.

Das Interview führte Jannik Schneider.

Stand: 10.11.2019, 21:18

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