Görges, Struff und Co. - Fitness- statt Tennistraining

Jan-Lennard Struff in Aktion beim Davis Cup

Coronavirus

Görges, Struff und Co. - Fitness- statt Tennistraining

Von Jannik Schneider

Die Corona-Krise trifft auch viele deutsche Tennisprofis. Geschlossene Hallen und Plätze machen Training unmöglich, unterklassige Spieler sind zudem auch finanziell bedroht.

Vor einigen Tagen wurde Benedikt Duda, seines Zeichens einer der besten Tischtennisspieler des Landes, vom Onlineportal "mytischtennis" befragt, wie er zurzeit trainiere: "Bei meinen Eltern steht noch ein alter Tisch im Wintergarten. Wenn sich das Problem nicht lösen sollte, werde ich wahrscheinlich dort mal vorbeischauen."

Das Problem hat sich nicht gelöst, Duda trainiert seine Schlagwiederholungen nun tatsächlich ab und an im Elternhaus. Vor größeren Hürden stehen Tennisprofis. Hallen wurden geschlossen, Reisen sind weitgehend untersagt.

Krawietz: "Tennis ist gerade zweitrangig"

Das Verständnis in der Szene ist vorhanden. "Tennis ist gerade zweitrangig. Wichtiger ist, dass wir als Gesellschaft die Situation unter Kontrolle bekommen und Abstand halten", sagt Doppelspezialist Kevin Krawietz der Sportschau. Ähnlich äußern sich Doppelpartner Andreas Mies und die Einzelprofis Jan-Lennard Struff und Julia Görges.

Sie alle halten sich aktuell fit. "Ich bin bei meiner Familie in Warstein und halte mich in Absprache mit meinem Fitnesstrainer in einem guten Zustand.", sagte der Weltranglisten-34. Struff. Ähnlich geht Görges vor. "Ich versuche positiv zu bleiben und hart an meiner Fitness zu arbeiten", erklärt sie. 

"TennisBase" in Oberhaching geschlossen

Wie fast alle deutschen Profis haben die Genannten zurzeit keinen Zugang zu Tennisplätzen. Der nationale Stützpunkt in Oberhaching bei München, an dem Görges, Philipp Kohlschreiber und weitere Kaderathleten trainieren, ist vom Gesundheitsamt Mitte März geschlossen worden.

"Es läuft ein Sonderantrag, damit hier in absehbarer Zeit zumindest die Profis wieder Tennis trainieren können", sagt der deutsche Davis Cup-Kapitän Michael Kohlmann der Sportschau. Auch die French-Open-Sieger Krawietz/Mies bestätigen, das bei ihnen ähnliche Anträge liefen. Mies trainiert im Kölner Raum, Krawietz in Bayern.

Einzig die deutschen Top-Ten-Spieler genießen Privilegien: Angelique Kerber und Alexander Zverev haben noch Tennisanlagen zur Verfügung. Kerber in der westpolnischen Heimat ihrer Großeltern Puszcykowo nahe Poznan, Zverev in der Saddlebrook Tennis Akademie in Florida. Kerber bestreitet in Folge ihrer langwierigen Oberschenkelverletzung allerdings nach wie vor nur Aufbautraining. Zverev lässt auf Anfrage offen, ob er neben Fitnesseinheiten gerade tennisspezifisch trainiert.

Viele Absagen, Wimbledon-Entscheidung steht an

Die Frage ist aber auch – wofür überhaupt trainieren?  Bis einschließlich der French Open, die ursprünglich am 7. Juni enden sollten und nun in den Herbst verlegt wurden, sind alle Turniere abgesagt. Ende März werden die Wimbledon-Macher in einer Sitzung wohl eine weitere Absage verkünden. Eine Austragung ohne Zuschauer wird ausgeschlossen, aufgrund des sensiblen Geläufs gilt eine Verlegung in den Herbst als unwahrscheinlich. 

Verbände und Turnierveranstalter liefern sich vor dem Hintergrund der Corona-Krise einen Machtkampf, der französische Verband machte sich mit seinem Alleingang bei der Verlegung der French Open keine Freunde.

Die  Verantwortlichen haben längst, ähnlich wie es zuletzt Thomas Bach und dem IOC erging, die Deutungshoheit über ihre finanziell so lukrativen Events verloren. Glaubt man den in dieser Zeit einzig wichtigen Experten, den Virologen, dann gibt es in diesem Jahr keinen Anlass mehr für Profifußball - auch ohne Zuschauer. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betonte zuletzt, dass das Coronavirus auch  bei jüngeren, gesunden Menschen einen lebensbedrohlichen Verlauf nehmen könne. Wie kann man unter diesen Gegebenheiten in den nächsten Monaten mit Profitennis, einem global ausgetragenen Sport, planen?

Existenzielle Fragen bei vielen Spielern

Für viele Spieler ist dieser Machtkampf nur zweitrangig. Jene Spieler, die nicht oben in den Weltranglisten zu finden sind, stehen vor existenziellen Fragen. Yannick Maden ist einer von ihnen. Der 29-Jährige schaffte es 2019 aus der Qualifikation bis in die zweite Runde der French Open und profitierte erstmals in seiner Karriere von den größeren Preisgeldtöpfen. 

"Es ist natürlich nicht die gewünschte Situation, jetzt vom Ersparten leben zu müssen", sagt der Weltranglisten-149. Er müsse aber zum Glück gerade keine Tourcoaches- oder Physiotherapeuten bezahlen.

Private Vorsorge für viele Profis wichtig 

Ex-Profi Philipp Petzschner kennt sich mit schwierigen Situationen im Profi-Tennis aus. Nach zahlreichen Verletzungen musste sich der ehemalige Wimbledonsieger im Doppel häufig aus den Niederungen der Weltrangliste zurück spielen. "Die meisten Spieler um Position 80 verfolgen einen Jahresplan, aber schauen dennoch von Quartal zu Quartal, wie es läuft", sagt Petzschner 

Private Vorsorge gehört für viele dazu. "Viele Spieler haben eine Privatversicherung, die bei langwierigen Verletzungen greift", sagt der 36-Jährige. Eine Pandemie gehört eher nicht zum Standard-Versicherungsschutz.

Pensionsplan der ATP als mögliche Hilfe

Im Gespräch über mögliche Hilfen erwähnt Petzschner auch einen Pensionsplan des Weltverbandes ATP. Profis, die mehr als fünf Jahre konstant auf der ATP-Tour gespielt haben, kassieren nach ihrem Rücktritt 63.600 Dollar als einmalige Rente. Ähnliches gibt es auch bei den Frauen. Die Verbände und die Grand-Slam-Veranstalter zahlen in diesen Fonds ein. Eine Anfrage an die ATP, inwiefern auch Gelder aus dem Pensionsplan nun genutzt werden könnten, blieb unbeantwortet.

Eine weitere Einnahmequelle sind Engagements in nationalen Ligen, die jetzt ebenfalls wegfallen könnten. Offiziell ist die planmäßig im Juli beginnende Saison der Tennis-Bundesliga noch nicht abgesagt, eine Austragung erscheint aber mindestens fraglich.

Neben den Spielern auch Mitarbeiter betroffen

Neben den Spielern sind auch Mitarbeiter betroffen. Vom Profitennis leben viele Menschen - Trainer, Hittingpartner, Physiotherapeuten. Zumeist in prekären Arbeitsverhältnissen: "Die meisten Mitarbeiter werden nach Wochen bezahlt", sagt Ex-Profi Petzschner. Jan-Lennard Struff hat für die Zeit jetzt private Regelungen mit seinen Mitarbeitern getroffen, sagt er. Spieler in seinen Rankingpositionen könnten diese Kosten noch eine Zeitlang abfedern. Genauer wird er nicht. 

Am Dienstag (24.03.2020) wurde mit Thiago Seyboth Wild der erste Coronafall im Tennis bekannt. Der 20-jährige Brasilianer hatte Anfang März in Santiago seinen ersten ATP-Titel gewonnen.

Stand: 27.03.2020, 10:00

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