Alexander Zverev vor den Australian Open: Mit Teamwork aus der Krise

Alexander Zverev

Australian Open

Alexander Zverev vor den Australian Open: Mit Teamwork aus der Krise

Von Jannik Schneider, Melbourne

Nach einem grauenvollen Saisonstart hat Alexander Zverev sein in der Kritik stehendes Team vor den Australian Open in Schutz genommen. Im gewohnten Umfeld arbeitete der 22-Jährige härter, als das in der Woche vor einem Grand Slam angemessen scheint.

Eigentlich habe er sein selbstauferlegtes Trainingspensum mit täglich bis zu sieben Stunden Tennistraining vor den Australian Open herunterschrauben wollen, hatte Alexander Zverev am Donnerstag (16.01.2020) behauptet. Letztlich stand der gebürtige Hamburger zwei Tage vor seinem Erstrundenmatch mehr als drei Stunden auf den durch die Sonne aufgeheizten australischen Courts. Das war zwar weniger, aber vor diesem Turnier immer noch viel.

Verheerende Aufschlagschwäche

Zverev trainierte erst mit dem argentinischen Wühler Leonardo Mayer, später mit seinem Langzeit-Hittingpartner Sergej Bubka Junior – dem Sohn des ehemals besten Stabhochspringers. Immer an seiner Seite: sein langjähriges Funktionsteam mit Trainer und Vater Alexander Zverev Senior, Fitnesstrainer Jez Green, Physiotherapeut Hugo Gravil und eben Bubka Junior. So weit, so normal.

Doch die Situation um Deutschlands besten Tennisspieler ist schon länger nicht mehr als normal zu bezeichnen. Nach einer mit teilweise fragwürdigen Verpflichtungen vollgepackten, kurzen Saisonvorbereitung spielte der 22-Jährige einen miserablen ATP-Cup (ein neugeschaffener Teamwettbewerb zu Beginn des Jahres) und ließ dabei Tennis-Basics und Selbstvertrauen vermissen. Die daraus resultierende offensichtlichste Konsequenz: eine verheerende Aufschlagschwäche mit insgesamt 31 Doppelfehlern in nur drei Matches.

Kritik von Boris Becker

Dieses und weitere Defizite jetzt alle innerhalb einer Woche vor einem der vier wichtigsten Turniere des Jahres mit intensivem Training aufholen zu wollen, darf im hochprofessionellen Tennis-Zirkus zumindest als ambitioniert bezeichnen werden.

Boris Becker äußerte daran schon vor dieser selbstauferlegten Trainingswoche nach dem ATP-Cup öffentlich Kritik. Der 52-Jährige weilte als Kapitän mit in Brisbane. Dort sagte er der "FAZ", er sei besorgt darüber, dass Zverev sich in eine falsche Richtung verrenne. Beckers Schlussfolgerung: "Ich würde mir wünschen, er würde bald einen neuen Trainer finden." Nach Möglichkeit nach den Australian Open, ergänzte Becker und erklärte, das Ganze müsse losgelöst von Zverevs Vater passieren.

Zverev glaubt an sein Team

Nicht unumstritten als Duo: Trainer Alexander Zverev senior und Tennisspieler Alexander Zverev junior

Nicht unumstritten als Duo: Trainer Alexander Zverev senior und Tennisspieler Alexander Zverev junior

Kritik an Deutschlands seit 2016 bestem Tennisspieler ist nichts Neues. Der gebürtige Hamburger eckte zuweilen an. Die Liaison mit dem ehemaligen US-Open-Champion Juan Carlos Ferrero als Coach hielt 2017 nicht lange. Der 2018 abgeschlossene Vertrag mit Honorartrainer Ivan Lendl, seines Zeichens achtmaliger Grand-Slam-Champion wurde nach einem anfänglichen Hoch (2018 gewann Zverev mit ihm im Team die ATP Finals) im August 2019 aufgelöst. Das Ende war teamintern hausgemacht, weil Vater Zverev und Lendl trotz öffentlich anderslautender Bekenntnisse nicht miteinander arbeiten konnten. Zudem befindet sich Zverev seit März 2019 in einem Rechtstreit mit seinem ehemaligen Manager Patricio Apey.

Eine konstant fortlaufende spielerische Weiterentwicklung hat unter diesen Umständen nicht stattgefunden. Die Ansprüche an Zverev sind nach seinen drei Masters-Titeln und dem Triumph bei den ATP Finals in den Jahren 2017 und 2018 aber naturgemäß ungleich höher. Bei den Grand Slams erreichte er bislang lediglich zweimal das Viertelfinale (in Paris). Zverev glaubt dennoch daran, dass er seine Karriere mit dem aktuellen Team vorantreiben kann. Die Kritik sei einfach zu formulieren, wenn man ihn in Brisbane gesehen habe, erklärte Zverev. "Am Ende des Tages sehe ich immer, dass es an mir liegt und nicht an den Leuten, die mich umkreisen", sagte die Nummer sieben der Setzliste selbstkritisch. Er habe mit dieser Mannschaft Masters-Turniere und die ATP Finals gewonnen.

Showkämpfe mit Federer

Zverev weiß, dass er keine zufriedenstellende Vorbereitung auf das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres vorzuweisen hat. Als neuer Klient bei Team8, der Agentur von Roger Federer und dessen Manager Tony Godsick, war er dazu verpflichtet, nach den ATP Finals eine Showkampfreise in Südamerika zu bestreiten. Dies wäre zu vertreten gewesen. Doch mitten in der ohnehin kurzen Vorbereitung flog er kurz vor dem Jahreswechsel mit Federer nach China zu einem weiteren Event. Zwischen den beiden Reisen unterzog sich der Deutsche zudem einem kleineren Eingriff an den Augen in New York. Zverev litt unter einer fortschreitenden Hornhautverkrümmung. Zuletzt habe ihm die Umstellung noch ein paar Probleme bereitet. Ein weiterer Arztbesuch hat das Problem vorerst gelöst.

Trotz dieser Umstände präsentiert sich Zverev in Melbourne positiv. Und steht öffentlich für sein Funktionsteam ein: "Für alle aus dem Team war Tennis nun noch mehr die einzige Priorität. Normalerweise müssten sie alle nur ihren Teil der Arbeit erledigen und dann ins Hotel gehen. Sergej (Bubka, Anm. d. Red.) war beim Essen immer noch da und hat jeden Tag neue taktische Sachen herausgefunden. Jaz (Green, Anm. d. Red.) hat mir auch sehr geholfen. Wir haben viele Statistiken angeschaut, haben viele Dinge getan, damit ich wieder einen klareren spielerischen Plan verfolge."

Stärkung von Aufschlag und Rückhand

So habe jedes Teammitglied mehr getan als notwendig, um ihm zu helfen. "Das ist nicht deren eigentlicher Job, aber sie haben es dennoch getan. Das war für mich sehr schön zu sehen." In den Trainingseinheiten von Melbourne wurde wieder mehr kommuniziert als in weiten Teilen 2019. Inhaltlich wurde natürlich am Aufschlag gearbeitet, am Übergang zwischen Grundlinie und Netz. Auffällig: Vor allem die Rückhand, der Paradeschlag, wurde mit vielen Wiederholungen und sehr fokussiert gestärkt.

Mit der Rückhand will Zverev am Dienstag (21.01.2020) zum Auftakt Marco Cecchinato dominieren. Der French-Open-Halbfinalist von 2018 hat eine grausame Saison 2019 gespielt. Zuletzt war er samt neuem Trainer komplett abgetaucht. Zverev wird eine sportliche Wundertüte öffnen müssen. Weiter in der Auslosung hat Zverev noch nicht geschaut. Das habe er früher immer getan. Jetzt sei er nicht mehr der Favorit. Er wolle von Runde zu Runde blicken.

Stand: 20.01.2020, 14:30

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