Federer quält sich willensstark durch die Australian Open

Roger Federer

Halbfinale gegen Djokovic

Federer quält sich willensstark durch die Australian Open

Von Jannik Schneider (Melbourne)

Mit unbändigem Siegeswillen hat Roger Federer seine Reise durch die Australian Open um ein weiteres Match verlängert. Im Halbfinale wartet allerdings Novak Djokovic, der in Melbourne fast immer dominiert. Die Vorzeichen könnten unterschiedlicher nicht sein.

Roger Federer schmunzelte. Der Grand-Slam-Rekordsieger (20) tat das nicht wie der "Elder Statesman", den er in der großen weiten Tenniswelt so oft und gekonnt verkörpert. Das Schmunzeln, das der 38-Jährige im überfüllten Pressekonferenzraum aufsetzte, als er zu den abgewehrten Matchbällen befragt wurde - es hatte etwas Spitzbübisches.

Federer zählt einfach nicht mit

"Ganz ehrlich: Als mein Team mir in den Katakomben gesagt hat, dass es sieben abgewehrte Matchbälle gewesen sind, habe ich zu ihnen gesagt: 'Euer Ernst? Ich dachte, es waren nur drei?‘“ Dann lachte der Schweizer – und das Gros der Journalisten blickte sich erst ungläubig an. Dann lachten sie ebenfalls. Sie taten das allerdings eher aus Ungläubigkeit über Federers scheinbar kinderleichte mentale Einstellung: einfach nicht mitzählen.

Mit diesem Erfolgsrezept wehrte Federer während seines Matches gegen den Überraschungsviertelfinalisten Tennys Sandgren, der Amerikaner wird auf Rang 100 der Weltrangliste geführt, eben ganze sieben und nicht drei Matchbälle ab. Es war die Geschichte des ersten Viertelfinaltags: Federer, geplagt von Leistenschmerzen und weit von seiner Bestform entfernt, am Abgrund kämpfend und gewinnend. Als Belohnung wartet ein Showdown im Halbfinale gegen Australian-Open-Rekord-Sieger Novak Djokovic (sieben Titel).

Die Zahlen sprechen für Djokovic

Die Vorzeichen könnten unterschiedlicher nicht sein. Dazu genügt ein Blick auf die nackten Zahlen. Seit dem Wimbledonturnier 2012 hat Federer (38) gegen seinen sechs Jahre jüngeren Kontrahenten Djokovic bei den vier Grand Slams nicht mehr gewinnen können. Der Serbe, nach Zahlen der beste Spieler der abgelaufenen Dekade, gewann fünfmal in Serie. Insgesamt lautet die Grand-Slam-Bilanz der Beiden seit dem Start des Jahres 2010: 1:9.

Federer hätte die Geschichte dieser Rivalität im vergangenen Sommer in Wimbledon beinahe geändert. Doch im Finale vergab der Schweizer zwei Matchbälle und musste sich schlussendlich im entscheidenden Tiebreak geschlagen geben. In Melbourne liegt der letzte Sieg Federers gegen Djokovic sogar 13 Jahre zurück. 2007 war das, der Serbe war damals 19 Jahre alt und auf dem Weg in die Weltklasse - Federer damals der Dominator des Welttennis.

Federers harte Arbeit an der Fitness

Seitdem verlor Federer viermal im Halbfinale gegen Djokovic (2008, 2011, 2016, 2020). Nun folgt am Donnerstag Halbfinale Nummer fünf. Insgesamt ist es Begegnung Nummer 50 auf der ATP-Tour. Auch den Gesamtvergleich führt der "Djoker", wie ihn seine Fans nennen, an: 23:26. Nun sind Statistiken und Zahlen nicht alles – auch nicht im Tennissport. Das Federer denkbar schlechte Voraussetzungen hat, dafür gibt es in Melbourne jedoch einige Indizien. Gemessen am spielerischen Glanz, den Federer in seiner nunmehr 22-jährigen Karriere so oft versprüht hat, sind die bisherigen Leistungen bei den Australian Open unterdurchschnittlich.

Roger Federer im Glück

Sportschau 29.01.2020 01:24 Min. Verfügbar bis 29.01.2021 ARD Von Thomas Perlebach

Federer wird im Sommer 39 Jahre alt. Dass er sich überhaupt noch unter den besten drei der Weltrangliste hält und in die letzten Runden großer Turnieren vorstößt, ist beeindruckend. Einen großen Anteil daran hat sein langjähriger Fitnesstrainer Pierre Paganini, mit dem er sich für Fitnessblöcke regelmäßig aus der Öffentlichkeit zurückzieht. "Er verschwendet im Fitnessstudio nicht viel Zeit, um seinen Oberkörper zu trainieren. Aber seine Schenkel und Waden sind krass durchtrainiert. Würde er sich die Beine rasieren, man würde jede Vene im TV sehen", erzählte der 23 Jahre alte Thanasi Kokkinakis, ein talentierter, aber leider zu oft verletzter Australier, den Federer schon häufig zu Trainingswochen eingeladen hat.

Probleme mit dem Rücken

Neben den Trainern Severin Lüthi und Ivan Ljubicic, die  gut zusammenarbeiten, sorgt eine ganze Mannschaft dafür, dass Federer weiter auf höchstem Niveau spielen kann. Der Körper ist dennoch ein Thema: Langjährige Begleiter berichten von Problemen im unteren Rückenbereich. Daraus resultieren Kompensationen im Bewegungsablauf. Gegen Sandgren musste Federer zweimal den Physiotherapeuten rufen lassen. "Etwas, was ich überhaupt nicht mag", wie er erklärte.

Am offensichtlichsten wurden die Probleme bei Federers sonst so starken Vorhandbewegungen. Vor allem die Crossbälle, bei denen er mehr Körperrotation benötigt, fanden nicht wie gewohnt den Weg ins Feld. Als er in der dritten Runde fast gegen den groß aufspielenden Australier John Millman verlor, unterliefen ihm 48 unerzwungene Fehler alleine mit diesem Schlag. Gegen Sandgren waren es am Ende noch 26.

Kein Grund zur Unruhe für Djokovic

Doch darüber redet am Tag danach niemand mehr. Dafür ist die Wertschätzung für Federer nach diesem nicht für möglich gehaltenen Comeback zu hoch. "Er hat gezeigt, warum er einer der größten Spieler aller Zeiten ist – genau diese Matches sind es, die Roger Federer besonders machen", sagte Djokovic nach seinem Einzug ins Halbfinale. Der Serbe hat dennoch keinen Grund beunruhigt zu sein. Er ist sechs Jahre jünger, ausgeruhter und mindestens genauso professionell wie Federer.

Gewinnt Djokovic am Donnerstag, verhindert er, dass Federer eine weitere Möglichkeit erhält, seinen Grand-Slam-Rekord auszubauen. Der Spanier Rafael Nadal hätte seinerseits in Australien die Chance gehabt, mit Federer auf 20 Titel gleichzuziehen, scheiterte aber im Viertelfinale an Dominic Thiem. Djokovic, der auch schon 16 Grand-Slam-Titel einheimsen konnte, hat da sicher eigene Pläne. Er ist Down Under der Topfavorit.

Stand: 29.01.2020, 09:49

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