Kerbers Körper braucht nach den Australian Open eine Pause

Angelique Kerber ist nach ihrem Aus bei den Australian Open sichtlich enttäuscht

Achtelfinal-Aus in Melbourne

Kerbers Körper braucht nach den Australian Open eine Pause

Von Jannik Schneider (Melbourne)

Nach ihrem Achtelfinal-Aus bei den Australian Open macht sich Angelique Kerber mehr Gedanken über ihren Körper als über ihre Leistung. Die dreimalige Grand-Slam-Siegerin will und kann so schnell nicht mehr zum Schläger greifen.

Der fragende Blick ging sofort zu ihrem neuen Trainer Dieter Kindlmann. Angelique Kerber sagte nichts, aber die Augen verrieten sie. Verzweiflung machte sich breit, zunächst im Gesicht und Sekundenbruchteile später für alle sichtbar auch auf den digitalen Anzeigetafeln in der Magret Court-Arena, dem zweitwichtigsten Court bei den Australian Open. Nach dem nächsten krachende Rückhandreturn ihrer Gegnerin Anastasia Pawljutschenkowa stand es 2:5 im ersten Satz. Alles deutete auf eine glatte, deutliche und schnelle Niederlage im Achtelfinale der Australian Open hin.

"Alles auf dem Platz gelassen"

Es ist typisch für Kerbers Karriere, die geprägt ist von andauernden Aufs und Abs, dass sie aus dem Moment der Verzweiflung ihre größte Kraft schöpfen kann. Am Montag (27.01.2020) reichte dieser Kraftakt jedoch lediglich für eine großartige Aufholjagd in Satz eins. Das 2:5 drehte sie mit dem Rücken zur Wand stehend in ein 7:6. Dass es danach nicht für den Matchgewinn reichte, lag weniger an der etwas zu passiven Spielweise im zweiten Satz als mehr an Problemen im linken Oberschenkel, die sie mit zunehmender Spieldauer einschränkten.

Knapp 75 Minuten nachdem die an Nummer 29 gesetzte Pawljutschenkowa das Match nach 2:37 Stunden mit 6:7 (5), 7:6 und 6:2 beendet hatte, schlurfte Kerber in den größten Pressekonferenzraum des Medienzentrums unweit des Haupteingangs der Anlage. Sie wirkte niedergeschlagen, ihre Wortwahl fiel aber klar aus. "Ich habe heute alles auf dem Platz gelassen, was ich in mir hatte und was mein Körper hergegeben hat", erklärte die Siegerin von 2016.

Kerber glaubt noch an große Erfolge

Die Bilder vom damaligen Sprung in den Yarra River sind vielen Fans ja noch präsent. Kerber ließ danach noch zwei weitere Majorsiege folgen, im gleichen Jahr in New York und 2018 in Wimbledon. Den Platz in der Geschichte des Damentennis hat sie dank dieser Erfolge sicher. Die Frage, die sich nun im Herbst ihrer Karriere stellt, ist: Ist sie noch gut genug für weitere große Titel?

Kerber selbst machte am Montag den Eindruck, als glaube sie noch an vergleichbare Erfolge: "Natürlich sind meine generellen Erwartungen größer als das Achtelfinale. Ich will immer noch bis zum Ende dieser Turniere dabei sein." Sie wisse sehr wohl, was sie könne. Dazu müsse sie aber fit sein: "Dann kann ich noch jede Gegnerin besiegen." Kerber wollte aber keineswegs missverstanden werden. Sie sei nicht die Spielerin, die Ausreden suche und eine Verletzung vorschiebe. Ihre Gegnerin habe schlicht mutiger, offensiver, fehlerfreier gespielt: "Sie hat es konstant zu Ende gespielt und dominiert."

Die deutsche Fed-Cup-Spielerin schien ja auch durchaus auf einem vernünftigen Weg. Beim Vorbereitungsturnier in Adelaide, dem ersten des Jahres, hatte sie noch verletzungsbedingt aufgeben müssen. Eine hartnäckige Verletzung am hinteren Muskel des linken Oberschenkels hatte sie bereits zum Ende des vergangenen Jahres beschäftigt. "Nach Adelaide haben mein Team und ich zehn Tage wirklich alles gegeben - nicht nur mit den Behandlungen", erklärte Kerber und fügte noch an: "Das gilt auch für die Trainingseinheiten und Matches."

Harte, platzierte Bälle einfach durchgelassen

Tatsächlich wurden ihre Leistungen in der ersten Woche in Melbourne von Match zu Match immer ansprechender. Gegen die weitestgehend unbekannten jungen Spielerinnen Elisabetta Cocciaretto (Italien) und Priscilla Hon (Australien) testete sie noch mehr sich selbst und ihr Bein, gab anschließend immer positiver werdende Wasserstandsmeldungen ab. Nach ihrem ersten richtigen Test in der dritten Runde gegen Camila Giorgi, bei dem sie über die volle Distanz gehen musste, wirkten ihre Aussagen schon etwas vorsichtiger.

Gegen Pawljutschenkowa dann konnte man schon sehen, dass da nicht die Angelique Kerber auf dem blauen Hardcourt von Melbourne steht, die wie kaum eine andere an unzählige Offensivbälle ihrer Gegnerin herankommt. Teilweise ließ sie hart und sehr platziert gespielte Bälle der Russin einfach durch. Kerber selbst wollte und musste sich aber nichts vorwerfen. Sie war tatsächlich an ihrer Grenzen gegangen. Unter diesen körperlichen Voraussetzungen reicht es allerdings nicht mehr für ganz vorne.

Mit dem Anspruch ganz vorne dabei zu sein war sie auch schon 2019 mit Rainer Schüttler als Trainer in die Saison gestartet - doch die Verbindung hielt nicht über das Jahr hinaus. Zum Ende des Jahres verpflichtete Kerber deshalb Dieter Kindlmann als neuen Coach, der - anders als Schüttler, der bis dahin ausschließlich Männer trainiert hatte, als ausgewiesener Experte auf der WTA-Tour gilt. Aber auch Kindlmann wird Kerber während der letzten Kapitel ihrer Karriere wohl nicht mehr zu einer krassen Offensivspielerin umkrempeln können.

Australian Open - Glücklicher Zverev, enttäuschte Kerber

Sportschau 27.01.2020 01:31 Min. Verfügbar bis 27.01.2021 ARD

Kerber will sich Zeit lassen

Voraussetzung für weitere sportliche Ausrufezeichen ist vor allem absolute Fitness. Deshalb will sich Kerber nun ausreichend Zeit nehmen. Oft genug war sie in der Vergangenheit zu ehrgeizig. So spielte sie bei den French Open 2019 mit angerissenen Bändern und behielt die Info für sich. "Jetzt werde ich definitiv erst wieder auf den Tennisplatz zurückkehren, wenn ich schmerzfrei und bei 100 Prozent bin", sagte Kerber nun nach dem Aus in Melbourne. Sie habe die Wehwehchen zu lange mit sich herumgeschleppt: "Mir ist das dann auch egal, wie lange es dauert - ob zwei Wochen oder zwei Monate."

Die Auszeit könnte folgen für den deutschen Tennisbund haben. Am 7./8. Februar steht die Qualifikationsrunde für die neugeschaffene Fed-Cup-Endrunde im April an. Das DTB-Team muss in Brasilien antreten und Kerber hatte eigentlich schon zugesagt. "Ich möchte auch wirklich spielen. Aber jetzt werde ich mit allen Beteiligten nochmal Rücksprache halten", sagte sie. Ihre Gesundheit habe absolute Priorität. Eine Entscheidung soll zeitnah fallen.

Stand: 27.01.2020, 15:58

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