ATP Finals - die Baustellen des Alexander Zverev

Alexander Zverev bei den ATP Finals in London

Spiel gegen Novak Djokovic

ATP Finals - die Baustellen des Alexander Zverev

Von Jannik Schneider

Alexander Zverevs Hochform und sportliche Selbstsicherheit der vergangenen Wochen war bei den ATP Finals bislang noch nicht zu erkennen. Das muss sich gegen Novak Djokovic ändern.

In London geht es dieser Tage bei den ATP Finals nicht nur um den inoffiziellen Titel des Tennis-Weltmeisters. Auch sportpolitisch wird hinter den Kulissen taktiert und gekämpft. Novak Djokovic, der 17-malige Grand-Slam-Sieger und fünfmalige Gewinner des Jahresendturniers ist - mal wieder - im Fokus. Vor zwei Monaten schmiss er während der US Open unter großer medialer Begleitung seine Führungsrolle im Spielerrat der Profiorganisation ATP hin, gründete mit seinem Mitstreiter und Profikollegen Vasek Pospisil die eigene Vereinigung PTPA - nur um sich just in London wieder von seinen Spielerkollegen zur Wahl für das ATP Council nominieren zu lassen.

Am Mittwoch (18.11.2020) begründete der 33-jährige Serbe dies mit einer Mammutantwort in der Presserunde nach seiner recht deutlichen Pleite gegen Daniil Medwedew. Dennoch ist die Lage - vorsichtig formuliert - unübersichtlich. Das war sie bereits rund um den Jahreswechsel und damals entschied sich Deutschlands bester Tennisspieler Alexander Zverev seinerseits trotz Anfragen, nicht für den Spielerrat zu kandidieren, weil er abseits des Sportlichen zu viele Baustellen hatte.

"Im Council musst du mit vielen Spielern und allen möglichen Menschen sprechen und ihre Meinung vertreten. Das geht nicht mit 50 Prozent Energie", sagte der 23-Jährige nach seinem Arbeitssieg gegen den Argentinier Diego Schwartzman im zweiten Gruppenspiel. Im abschließenden dritten Duell trifft der Weltranglisten-Siebte nun auf den Sportpolitiker Djokovic. Beide haben Schwartzman besiegt und waren Medwedew unterlegen. Der Gewinner trifft als Gruppenzweiter auf US-Open-Sieger Dominic Thiem, der die andere Gruppe vor Rafael Nadal (der auf Medwedew trifft) gewann. Für den Verlierer ist die Saison beendet.

Zverev scheint mental am Limit

Wie viel Zverev noch zu investieren in der Lage ist, bleibt ungewiss. Der 13-malige ATP-Turniersieger wirkt am Ende der übersichtlichen Corona-Saison mental am Limit. Während der Matches wird wieder mehr geschimpft, gehadert, böse Blicke treffen die Betreuer-Box, Ballwechsel werden mit ironischen Kommentaren versehen. Bei den Einheiten in der Trainingshalle neben der imposanten Arena sah das zwischen den Matches nicht anders aus. Schon am Tag vor der Schwartzman-Begegnung musste das erste Mal seit längerem ein Schläger herhalten für den angestauten Frust.

Der Frust ist einerseits da, weil den Sieger von 2018 nicht mehr die spielerische Leichtigkeit begleitet, mit der Zverev die beiden kurzfristig ausgetragenen Turniere in Köln gewann und mit der er beim letzten Mastersevent in Paris-Bercy im Halbfinale Rafael Nadal in zwei Sätzen eliminierte. In Paris erreichte er das vierte Finale im sechsten Turnier seit der Wiederaufnahme der Tour im August. Danach pausierte er und fand, wie er jetzt betont, nicht zu seinem Rhythmus zurück.

Aufschlag macht Probleme

Vor allem der Aufschlag, insbesondere der zweite Versuch, bereitet punktuell wieder große Probleme. Gegen Medwedew unterliefen dem Wahlmonegassen gleich sieben Doppelfehler. Gegen Schwartzman war die Prozentquote der gewonnenen Punkte nach dem zweiten Aufschlag lange unter 40 Prozent. "Mein Aufschlag war ok, meine Vorhand hat funktioniert - meine Rückhand kann noch besser werden", sagte Zverev in der Pressekonferenz nach dem Sieg über Schwartzman. Dass er trotzdem recht positiv war, dafür hatte der dritte Satz gesorgt: mehr Dominanz, weniger Fehler von der Grundlinie.

Sein Bruder Mischa Zverev erklärte auf Sportschau-Anfrage: "Wenn mein Bruder seine Schläge fühlt, dann wird er die richtige Taktik gegen Djokovic finden. Sobald er aber mit einem seiner Schläge Probleme bekommt, Vorhand oder Rückhand, dann wird es sehr problematisch gegen Djokovic, da wird auch keine Taktik helfen."

Beim Aufschlag habe Zverev Vorteile. Mischa Zverev hält die Rückhand seines Bruders für ebenbürtig: "Sie ist vielleicht sogar noch schneller als die von Djokovic." Gegen den Serben zu spielen, sei oft wie gegen eine Wand: "Er ist sehr, sehr stabil. Bei einer guten Tagesform hat mein Bruder aber eine Chance."

Schlagzeilen weiter neben dem Platz

Der "one-two-punch", die dauerhafte Dominanz und Konstanz mit den ersten Schlägen nach dem Aufschlag konnte Zverev hier in London aber noch nicht zeigen. Inwieweit das an den Schlagzeilen neben dem Tennisplatz liegt, das kann man nur erahnen, weil Zverev darüber weiter kaum reden möchte.

Auch all seine Teammitglieder dürfen momentan keine Auskunft geben - auch nicht zu sportlichen Themen. Immerhin war indirekt zu erfahren, dass der Oberschenkel keinerlei Probleme mehr bereitet; das bisschen an fehlender Trainingshärte aber schon.

Das Schweigen ist eine der Folgen nach den öffentlichen Vorwürfen der häuslichen Gewalt von seiner Ex-Freundin, der russischen Fotografin Olga Sharypova. Zverev hat die Vorwürfe Freitag vor dem Turnier energisch zurückgewiesen.

Und quasi nebenher muss die neue Saison geplant werden. Dabei ist immer noch nicht klar, ob und wann die Spieler für eine zweiwöchige Quarantäne vor den Australian Open im Januar in Melbourne anreisen dürfen.

Am Freitag wird zu beobachten sein, inwieweit Zverev den Trubel für rund zwei Stunden ausblenden kann. Immerhin scheint der oft unmenschlich fokussierte Djokovic im Moment ebenfalls mit anderen Dingen beschäftigt. Mit unfreiwilliger Schützenhilfe rechnet Zverev aber nicht: "Gegen Novak muss man immer sein bestes Tennis spielen. Der Start ist wichtig, ich muss Druck ausüben und mich von der Grundlinie wohlfühlen."

Stand: 20.11.2020, 08:25

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