Federers Wimbledon-Aus - mehr als eine Niederlage?

Rogerer Federer

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Federers Wimbledon-Aus - mehr als eine Niederlage?

Von Christian Hornung

Tennis-Ikone und Titelverteidiger Roger Federer ist in Wimbledon so früh gescheitert wie seit fünf Jahren nicht mehr - dabei hatte er sogar die Sandplatzsaison ausgelassen. Steckt mehr hinter seinem Aus als nur ein schlechter Tag und ein guter Gegner?

Kevin Anderson konnten seinen Coup selbst kaum fassen. Nach dem 13:11 im fünften Satz gegen den Großmeister des weißen Sports sagte der Südafrikaner: "Solche Matches sind etwas ganz Besonderes. Hier Roger Federer zu schlagen, daran werde ich mich sicher immer erinnern."

Vielleicht wird sich auch die ganze Tennisszene an dieses Fünfsatzdrama im Viertelfinale von Wimbledon 2018 erinnern. Wenn es einmal heißt, dass dieses Match gegen den Achten der Weltrangliste das Karriereende des besten Tennisspielers aller Zeiten in die Wege geleitet hat.

Neuer Ausrüster für 250 Millionen Gage

Noch spricht dafür nicht allzu viel, zumindest nicht für ein schnelles Ende. Federer ist 37 Jahre alt, hat aber gerade erst einen neuen Ausrüstervertrag mit einer japanischen Bekleidungsfirma abgeschlossen, der ihm angeblich zwischen 250 und 300 Millionen Euro für zehn Jahre garantiert.

Dass die Firma ernsthaft davon ausgeht, dass Federer bis zu seinem 47. Lebensjahr weitermacht, kann man ausschließen. Aber das ein oder andere Jahr auf der Tour wird vermutlich Teil des Deals sein.

Federer scheitert in Wimbledon an Anderson

Sportschau | 12.07.2018 | 00:34 Min.

Andererseits: Des Geldes wegen muss Federer ganz sicher kein Tennis mehr spielen. Und wenn er erkennt, dass er seinen eigenen Qualitätsansprüchen nicht mehr standhalten kann, sind auch schnelle Konsequenzen möglich.

Kevin Anderson ist zwar kein Sergej Stachowski. Das ist der Mann aus der Ukraine, der dem Schweizer vor fünf Jahren in Wimbledon das sensationelle Zweitrunden-Aus bescherte. Von ihm war weder vorher noch nachher viel zu hören.

Vier Turniersiege auf Hartplatz

Anderson ist dagegen ein etablierter Top-Ten-Spieler, hat vier Turniere auf der ATP-Tour gewonnen, zuletzt im Februar dieses Jahres auf Hartplatz in New York. Der gebürtige Johannesburger ist 2,03 Meter groß, ein Aufschlagriese, was ihm in Wimbledon besonders hilft: 28 Asse schlug er allein im Match gegen Federer.

Kevin Anderson spielt gegen Roger Federer eine Rückhand

Kevin Anderson ist etablierter Top-Ten-Spieler

Aber Anderson ist an einem normalen Federer-Tag keine Gefahr für die Nummer Eins. Er hat noch nie ein Turnier auf Rasen gewonnen. Sein Spiel ist berechenbar, er ist kein Filigrantechniker. Er verfügt über harte, lange Grundschläge und ein starkes Spiel am Netz.

Das reicht in Wimbledon gegen Federer, der dort zuvor zwei Jahre keinen Satz verloren hatte, normalerweise nicht. Aber dieses Viertelfinale war kein normaler Federer-Tag.

Erstaunliche Fehler, erstaunliche Worte

Der schwer Geschlagene machte erstaunliche Fehler, setzte bei seinem Matchball im dritten Satz einen leichten Vorhandball ins Aus, bei 11:11 leiteten ein vermeidbarer Vorhand- und ein Doppelfehler die Entscheidung ein. Und er gab selbst ganz offen zu, "nicht bei 100 Prozent" gewesen zu sein. Und noch erstaunlicher: dass er nur "irgendwie durchkommen" wollte. Auf dem Weg ins Halbfinale? In Wimbledon?

Auf dieses Turnier hatte er seinen kompletten Jahresplan ausgerichtet. Federer hatte erneut das Grand-Slam-Turnier in Paris ausgelassen, sogar die komplette Saison auf Sand fand ohne ihn statt. Als er davor im Finale von Indian Wells das Finale gegen Juan Del Potro verloren hatte, waren vom Vierfach-Papa schon sehr nachdenkliche Worte zu hören gewesen.

Hat er nochmal "100 Prozent"?

Federer sagte: "Ich habe in letzter Zeit echt nicht gut gespielt, jetzt habe ich Zeit, ein paar Dinge zu überdenken. Es ist simpel: Entweder geht man zurück auf den Trainingsplatz - oder man nimmt sich eine Auszeit, lässt die Dinge ruhen und greift dann wieder zu 100 Prozent an."

Ob der achtmalige Wimbledon-Champion diese 100 Prozent nach seiner Viertelfinal-Niederlage gegen Anderson noch einmal aufbringen kann und will, ist jetzt die große Frage.

red/sid/dpa | Stand: 12.07.2018, 12:38

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