Roger Federer - Er will nicht mehr nur spielen

Rod Laver, Roger Federer, Nick Kyrgios (v.l.n.r.)

Roger Federer bei den ATP Finals in London

Roger Federer - Er will nicht mehr nur spielen

Von Jannik Schneider (London)

Roger Federer ist mit 38 Jahren noch immer einer der besten Tennisspieler der Gegenwart. Am Rande der ATP Finals in London wird deutlich, dass der Grand-Slam-Rekordchampion immer mehr Einfluss auf die Geschehnisse außerhalb des Platzes nimmt - und sich dabei nicht nur Freunde macht.

Es war im März diesen Jahres am Rande des Turniers in Miami, da wurde Roger Federer nach seinem Erstrundenmatch nicht ausschließlich zu seiner Taktik oder zu seinen Schlägen befragt. Ein Reporter wollte eine Stellungnahme Federers zu sich hartnäckig haltenden Gerüchten, nach denen der Schweizer und sein langjähriger Manager, der Amerikaner Tony Godsick, Alexander Zverev als Klienten in ihrer Agentur unter Vertrag nehmen wollen.

Zverev hatte zuvor verkündet, gegen seinen bisherigen Manager, den Chilenen Patricio Apey, in einen Rechtsstreit ziehen zu wollen - Grund unbekannt. Federer schaute den Fragesteller mit großen Augen an und verweigerte zunächst einen Kommentar. Als er bemerkte, dass das so gar nicht zu seinem nach außen hin stets eloquenten und freundlichen Umgang passte, warf er dem Reporter noch ein paar nette Sätze hinterher. Dass er natürlich nur ein einfacher Spieler sei in der Agentur Team8. Dass er deshalb zu Alexander Zverevs Situation gar keine Auskunft geben könne. "Aber ich wünsche ihm natürlich, dass er seine persönliche Situation klären und sich damit auf Tennis konzentrieren kann", ergänzte der 20-malige Grand-Slam-Champion.

Aus heutiger Sicht muss klar festgehalten werden: Federer agierte mit dem größtmöglichen Understatement. Federer ist in der Agentur Team8, die sein langjähriger Manager Godsick vor Jahren mit ihm gründete, gegen Ende seiner sportlichen Karriere vielmehr als ein Tennisspieler. Seine politischen Spielzüge sind mittlerweile ähnlich gefürchtet wie jene, die er mit der wunderschönen einhändigen Rückhand vorbereitet oder vollendet.

Sportlich immer noch weltklasse

Sportlich ist Federer noch immer über viele Zweifel erhaben. 2019 gewann er vier Turniere. Erst zuletzt überzeugte er sein Heimpublikum in Basel mit tollem Allroundtennis. Die Standing Ovations rührten den mittlerweile 38-Jährigen gar zu Tränen. Und auch wenn es dieses Jahr, sehr knapp, zu keinem Grand- Slam-Titel reichte: Die Fanherzen fliegen ihm noch immer und überall zu.

Die Mehrzahl seiner Konkurrenten Ende 30 sind entweder längst zurückgetreten oder nicht mehr zu jenen Weltklasseleistungen im Stande, die der vierfache Familienvater noch dauerhaft abrufen kann. Dafür und für das, was er in den vergangenen fast 20 Jahren für das Welttennis als Gentleman geleistet hat, gebührt ihm Respekt.

Roger Federer wird bei den ATP-Finals in London inszeniert

Roger Federer wird bei den ATP-Finals in London inszeniert

In London beim Jahresendturnier der besten acht Spieler ist Federer bereits zum 17. Mal qualifiziert. Bei 15 Teilnahmen erreichte er mindestens das Halbfinale, mit sechs Titeln ist er alleiniger Rekordhalter dieses Turniers. Und nachdem Federer zum Start gegen den in dieses Tagen groß aufspielenden und bereits fürs Halbfinale qualifizierten Dominic Thiem verlor, fand der Schweizer gegen den Debütanten Matteo Berrettini zurück zu seinem variablen Spiel und gewann.

Als Belohnung gibt es nun ein Spiel ums Weiterkommen - ausgerechnet gegen Novak Djokovic, der ihm im Wimbledonfinale 2019 nach Abwehr zweier Matchbälle eine, wenn nicht die bitterste Niederlage seiner Karriere zufügte. Federer sagte in London: "Es hat mich einige Wochen gekostet, bis ich dieses Finale verarbeitet hatte."

Seit Juli haben sich die beiden Dauerrivalen nicht mehr duelliert. Am Donnerstag (15.11.2019) folgt der 49. Vergleich (Djokovic führt 26:22). Für den 32-jährigen Serben geht es darum, die Chance aufrechtzuerhalten, am Ende des Jahres wieder auf Rang eins der Weltrangliste zu stehen. Dafür muss er das Turnier gewinnen. Für Federer geht es um weiteres sportliches Prestige und den Nachweis, weiterhin absolutes Weltklasseniveau abrufen zu können.

Federers Management wirbt agressiv um Talente - und Einfluss

Über das Sportliche hinaus plant Federer für die Zeit nach der Karriere. Spekulationen, nach denen 2020 Federers letztes Jahr sein könnte, blieben bislang unkommentiert. Federer möchte bei den Olympischen Spielen in Tokyo aufschlagen. Das sieht nicht zuletzt sein japanischer Ausrüster mehr als gerne.

In den vergangenen Jahren versuchte er mit seiner Strahlkraft, junge, aufstrebende Spieler für Team8 zu gewinnen. Juan Martin del Potro und Grigor Dimitrov standen zeitweise in der Agentur unter Vertrag, verließen diese auf eigenen Wunsch wieder. Die Versuche, junge Spieler wie Frances Tiafoe, Taylor Fritz oder Nick Kyrgios von anderen Agenturen abzuwerben, schlugen fehl und verärgerten Godsicks Managerkollegen. Hinter vorgehaltener Hand mokieren die sich, dass Godsick und Federer das Spiel - mit vielen ungeschriebenen Gesetzen - nicht fair spielen.

Mit der erst 15-jährigen Amerikanerin Cori Gauff hat Team8 ein Ausnahmetalent unter Vertrag. Im Falle von Alexander Zverev war Team8 im Sommer doch erfolgreich, obwohl der Manager und Federer einen Vertrag zunächst verneinten. Seit den US Open leitet Team8 die Geschicke des Deutschen, der aber noch immer tief im Rechtsstreit mit Apey steckt.

Nach Sportschau-Informationen wird sich der Fall auch definitiv nicht mehr außergerichtlich klären. Vor einem englischen Gericht sehen sich Zverev und Apey aufgrund eines Terminmangels frühestens im Herbst 2020. Inwieweit Federer und Godsick Zverev in diesem Fall helfen wollen, ist nicht bekannt. Klar ist: Es geht um Schadensersatz in zweistelliger Millionenhöhe.

Mit Zverevs Verpflichtung hat Team8 weiter an Einfluss gewonnen. Das wichtigste Zugpferd ist aber kein Spieler. Es ist der Laver Cup, ein von Federer und Godsick mit Hilfe des australischen und amerikanischen Tennisverbands vor drei Jahren kreierten Wettbewerb zwischen einer Welt- und einer Europaauswahl, die Federer stets anführte. Dank horrender Antritts- und Siegesprämien treten bei dem eigentlichen Showevent nahezu alle Topstars als Teamplayer mit der notwendigen Ernsthaftigkeit an. Die ersten drei Auflagen waren ein großer medialer Erfolg.

Doch Welttennis ist im Jahr 2019 hochkomplex. Mit dem neureformierten Davis Cup, hinter dem der Weltverband sowie ein stinkreiches Konsortium stecken sowie dem ATP Cup, den die gleichnamige Spielerorganisation gegründet hat, gibt es gleich zwei weitere um Einfluss kämpfende Teamwettbewerbe.

Federer und Godsick, das ist verbürgt, wollten mit aller Macht den Septembertermin für ihren Laver Cup verteidigen, an dem auch Davis-Cup-Macher Gerard Pique, der Fußballer des FC Barcelona, interessiert ist. Momentan findet die neureformierte Endrunde kommende Woche statt. Der Termin passt den meisten Topspielern wegen der zu langen Saison nicht.

Roger Federer mit nachdenklichem Blick

Roger Federer mit nachdenklichem Blick

Team 8 ist der Gegenspieler des Davis Cups. Nach Sportschau-Informationen fädelten Federer und Godsick deshalb mit der ATP einen schriftlichen Deal ein. Obwohl der Laver Cup nur ein Showevent ist, wurde er in Wimbledon für drei Jahre in den offiziellen ATP-Kalender aufgenommen. Der Septembertermin ist damit verankert. Dem Deal mussten die Spielervertreter und die Vertreter der Turniere gleichermaßen zusagen. Zu jener Zeit hatte Novak Djokovic noch großen Einfluss auf die Spielervertreter, die für die Aufnahme stimmten - das verwunderte.

Knackpunkt ATP-Australien-Absage

Im Gegenzug soll Federer der ATP und allen Parteien zugesichert haben, im Januar den ATP Cup in Australien zu spielen. Doch Federer sagte das Event entgegen der Zusage unlängst ab und erklärte, er wolle vor den Australian Open mehr regenerieren und mehr Zeit mit seiner Familie verbringen.

Die Kommunikation passt aber nicht zu seinen sonstigen Aktivitäten. Schon länger ist klar, dass er kommende Woche bei gleich vier Showeinzeln in Südamerika antritt, bei dreien wird ihn Alexander Zverev begleiten.  Nun wurde aber publik, dass Federer im chinesischen Hangzhou kurz vor dem Jahreswechsel an einem weiteren Showevent teilnimmt und sich vertraglich gleich fünf Jahre gebunden hat. Dabei soll es um eine zweistellige Millionensumme gehen.

Am Rande der ATP Finals ist nun zu vernehmen, dass ihm viele Turnierdirektoren und Verantwortliche bei der ATP die Absage für den ATP Cup krumm nehmen. Die Stimmung gegenüber Federer und der Unterstützung für den Laver Cup im September steht auf der Kippe. Dieses Mal könnten sich Godsick und Federer verpokert haben.

Auch der zukünftige ATP-Chairman, der Italiener Andrea Gaudenzi, kann mit der Entscheidung Federers nicht glücklich sein. Der bisherige Chairman, Chris Kermode, bekam die Macht und den Einfluss Federers in der Vergangenheit bereits ein ums andere Mal zu spüren.

Eine weitere Erkenntnis der ATP Finals: Der Italiener soll nach Sportschau-Informationen nicht der Favorit Federers gewesen sein. Das war Mary Ann Turcke. Die Kanadierin ist seit 2018 Chief Operating Officer in der nationalen Footballliga NFL in Amerika. Doch das politische Geschacher im Hintergrund verloren Federer wie auch Djokovic, dessen Favorit Mark Lechsley chancenlos blieb.

Federer hatte und hat nach wie vor großen Einfluss im Welttennis. Das hat er zum einen seinen herausragenden sportlichen Leistungen und seiner nach außen immer freundlichen, eloquenten Art zu verdanken. Im Kampf um politischen Einfluss ist der Laver Cup auch in Zukunft das wichtigste Instrument von Team8. Ob die Entscheidung gegen eine Teilnahme beim ATP Cup wirklich weitreichende Folgen haben wird, bleib abzuwarten.

Klar ist: Federer wird dem Tennis nach der Spielerkarriere erhalten bleiben. Darüber freuen können sich im Dunstkreis der Sportpolitik momentan nicht alle.

Stand: 14.11.2019, 11:09

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