Julia Görges über Doping, ihr neues Team und die WTA-Tour

Julia Görges über ihre Auftaktgegnerin Kužmová Sportschau 18.01.2020 00:42 Min. Verfügbar bis 18.01.2021 Das Erste

Vor den Australian Open

Julia Görges über Doping, ihr neues Team und die WTA-Tour

Julia Görges startet gegen Victoria Kuzmova in die Australian Open. Im Vorfeld hat sie mit sportschau.de über die aktuellen Dopingprobleme gesprochen und verraten, wie sie sich in ihrem neuen Team aufgestellt hat. Außerdem ging es um Schwierigkeiten auf der Tour und das verwöhnte Tennis-Deutschland.

sportschau.de: Julia Görges, zuletzt wurde öffentlich, dass mit dem Chilenen Nicolas Jarry (Weltrangliste 78) und dem Führenden in der Doppelweltrangliste, dem Kolumbianer Robert Farah, gleich zwei männliche Kollegen eine positive Dopingkontrolle vorzuweisen haben. Sind diese Vorfälle auch Thema bei Ihnen und ihren Kolleginnen auf der WTA-Tour?

Görges: Grundsätzlich wird da auf jeden Fall darüber geredet und man tauscht sich aus, was da vorgefallen sein soll. Ich glaube, dass beim Thema Doping unabhängig von WTA- oder ATP-Tour jeder für sich selbst zuständig ist. Jeder hat selbst in der Hand, wie er mit dem Thema Doping umgeht und sich natürlich auch schützt. Momentan wird in der Umkleide zumindest darüber geredet.

Obwohl erst Ende 2019 mit der Amerikanerin Abigail Spears (US-Open-Siegerin im Mixed) auch eine Frau des Dopings überführt wurde, verbindet man die Themen Doping oder Matchfixing eher mit den Herren. Gibt es diese Probleme im Damentennis schlicht nicht oder verfügt die WTA-Tour einfach über ein braveres Image?

Görges: Da kann ich nicht viel zu sagen, weil ich meine Kolleginnen nicht kontrollieren kann. Daher kann ich nicht beurteilen, was andere Spielerinnen tun oder nicht tun. Die Kontrolle habe ich lediglich über mich selbst. Ich kann also nur über mich sprechen, was das angeht.

Bei Jarry wurden Nachweise der anabolen Steroide Stanazol, mit dem 1988 der Sprinter Ben Johnson überführt wurde, und Ligandrol gefunden. Aber generell müssen Athleten auch höllisch aufpassen, was sie an Nahrungsergänzungsmitteln nehmen oder nicht nehmen. Kontrollieren Sie das alles selbst oder ist das bei Ihnen Teamaufgabe?

Görges: Das ist ein Mix aus beidem. Natürlich erkundige ich mich regelmäßig über alles. Zusätzlich gebe ich das in professionelle Hände und mein Team überwacht das mit, damit ich nichts falsch mache und nichts esse, was gefährlich sein könnte. Grundsätzlich gilt aber auch da, dass ich als Athlet für mich selbst zuständig bin. Am Ende des Tages ist es mein Beruf und ich bin dafür verantwortlich, was ich nehme, was ich esse.

"Das Leben ist ein ständiger Entwicklungsprozess"

Sie haben Ihr Team angesprochen. Im Herbst 2019 haben Sie sich nach sechs Monaten von ihrem Trainer Sebastian Sachs und von ihrem Langzeit-Physiotherapeuten Florian Zitzelsberger getrennt und im Nachgang von sportlichen und privaten Enttäuschungen gesprochen. Ist das hier in Australien schon alles abgehakt?

Görges: Wenn ich in diesen Tagen auf das Jahr 2019 zurückblicke, bin ich wirklich stolz, dass ich die Saison noch unter den ersten 30 abgeschlossen habe. Zum einen waren da diverse Verletzungsprobleme. Zum anderen gab es Dinge, mit denen ich im Hintergrund klarkommen musste und auf die ich nicht genauer eingehe, die nicht ohne gewesen sind. Das zeigt mir aber, dass ich mit schwierigen Situationen gut umgehen konnte und phasenweise gute Leistungen habe zeigen können. Aber natürlich waren die Ansprüche als Grand Slam-Halbfinalistin und Top-10-Spielerin andere. Zwischendurch muss man als Mensch aber auch an andere Dinge denken. Da habe ich 2019 einen guten Job gemacht. Mit dem Start der Offseason war das Thema für mich abgehakt. Wir hatten auch sehr erfolgreiche Zeiten und schöne Momente, aber auch Enttäuschungen. Das Leben ist ein ständiger Entwicklungsprozess.

Mittlerweile haben Sie ein neues Team zusammengestellt. Drei Physiotherapeuten begleiten Sie verteilt über das Jahr. Trainiert werden Sie von Jens Gerlach, dem bisherigen Fed-Cup-Kapitän. Können Sie ihn nach so kurzer Zeit mit drei Attributen beschreiben?

Görges: (überlegt lange) Er ist sehr akribisch. Er ist sehr positiv eingestellt. Und er verfügt über eine enorme Erfahrung.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit konkret aus - bestimmt er vieles oder erarbeiten Sie das Training gemeinsam?

Görges: Das hat sich mit den Jahren, dem Alter und der damit verbundenen Erfahrung ergeben, dass es ein Mix aus beidem geworden ist. Ich versuche schon, die Erfahrung aus Matches und wie ich mich auf sie vorbereitet habe, miteinzubringen. Es ist bei uns bislang gut ausbalanciert.

Liegt ihr Lebensmittelpunkt weiter in Regensburg oder zieht es Sie wieder Richtung Heimat in den Norden?

Görges: Ich war nun länger in Regensburg und das Ziel ist auch, dort zu bleiben. Ich trainiere gleichermaßen in Regensburg und an der Tennisbase in Oberhaching - je nach Abstimmung mit dem Team.

In einem Interview mit SPOX.com haben sie kürzlich bekannt, dass Sie in ihren ersten Jahren regelrecht geschockt gewesen seien, wie hart und kühl es auf der Profitour zuging. Was schockiert Sie denn heute als erfahrene Spielerin noch?

Görges: Gesellschaftlich, nicht nur auf der Tour, ist die allgemeine Hemmschwelle zurückgegangen. Spielerinnen gehen auf und abseits der Tennisplätze die Dinge anders und etwas kühler an als wir junge Spielerinnen vor zehn Jahren. Der Respekt vor den erfahreneren Spielerinnen, den Stars, ist etwas gesunken. Teilweise ist das gut, weil jüngere Spieler früh Erfolge feiern. Menschlich ist das manchmal nicht von Vorteil. Der Respekt sollte nicht verloren gehen.

Stand: 19.01.2020, 10:00

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