Dominic Thiem: "Die Dämonen sind immer da"

Dominic Thiem

Vor den Australian Open

Dominic Thiem: "Die Dämonen sind immer da"

Dominic Thiem hat sich zu einem der besten Tennis-Spieler der Welt entwickelt. Im Interview spricht der 27 Jahre alte Österreicher über die großen mentalen Belastungen beim Tennis, die Erleichterung über seinen ersten Grand-Slam-Erfolg und die Probleme bei den anstehenden Australian Open.

Sportschau: Herr Thiem, wir erreichen Sie in der Bubble in Adelaide/Australien. Haben Sie sich schon an das Leben in Quarantäne gewöhnt, oder haben Sie sehr darunter zu leiden?

Dominic Thiem: Eigentlich nicht. Die einzig große Umstellung waren die US Open, weil es das erste Turnier war mit der Bubble. Aber seitdem waren ja noch Paris, Wien, London. Und jetzt in Australien ist es eigentlich auch nicht viel schlimmer. Von daher habe ich mich schon daran gewöhnt. Und ich habe gewusst, was mich erwarten wird. Das hat die Sache erleichtert.

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Bei den Australian Open ist geplant, dass wieder Zuschauer zugelassen werden. Auch die Masken werden Sie nicht wohl mehr brauchen. Hatten sie unter der Corona-Einsamkeit schon mal ein wenig den Spaß verloren?

Thiem: Es waren schon schwere Momente dabei, vor allem auch in New York oder in London, wo gute Matches dabei waren, das Niveau richtig hoch war. Man spielt sensationelle Rallys und Ballwechsel, und man erwartet, dass da 15.000 Leute ausrasten. Und dann ist da einfach gar nichts. Die einzigen Leute, die applaudieren, kommen aus der eigenen Box. Da sind dann schon relativ einsame Momente dabei.

Über 70 ihrer Kollegen und Kolleginnen sitzen in Melbourne 14 Tage lang in ihren Hotelzimmern fest, weil auf ihrem Flug Corona-positive Menschen mitgeflogen sind. Glauben Sie, dass bei den Australian Open durch diese Zwangspause faire Ausgangsvoraussetzungen bestehen?

Thiem: Dass da eine komplette Chancen-Ungleichheit herrscht, ist glaube ich klar. Alle Spieler kommen aus der Saisonvorbereitung, wonach man richtig gut drauf ist und eine Top-Fitness hat. Wenn man dann 14 Tage nur im Zimmer sein darf, egal wieviel Fitness man im Zimmer macht, da geht einfach sehr viel davon weg.

Australien Open: Ball-Parcours gegen die Langeweile Sportschau 21.01.2021 00:18 Min. Verfügbar bis 21.01.2022 Das Erste

Sie haben erstmals seit Jahren ihre Saisonvorbereitung wieder in der Kälte Österreichs statt in der wärmenden Sonne Teneriffas oder Miamis verbracht. Inwieweit mussten sie ihr Training verändern?

Thiem: Das Training war sehr gut, wir haben den Bereich Fitness sehr gut machen können. Statt draußen haben wir in der Halle gespielt. Und Weihnachten und Neujahr wieder zuhause zu verbringen, war sehr schön. Es hat doch Vorteile gehabt, dass ich mit der Familie zusammen war.

Tennis ist eigentlich auf jedem Niveau ein harter Kampf mit sich selbst. Die mentale Stärke gibt am Ende oft den Ausschlag. Wie bekämpfen Sie Ihre Dämonen?

Thiem: Die Dämonen sind da. Ich weiß nicht, wie es bei den anderen Spielern ist, ich kann nicht in deren Kopf reinschauen. Bei mir sind die fast in jedem Match da. Es gibt ein paar Matches, in denen alles perfekt läuft. Aber Tennis ist mental einfach so ein schwerer Sport: weil dauernd Fehler passieren, weil man völlig einsam auf dem Platz steht, weil man nicht immer Einfluss auf alles hat. Man ist sehr vom Gegner abhängig. Und diese ganze Kombination von Dingen macht es extrem schwer. Wenn man gelernt hat, wie man mit den eigenen Dämonen umgeht, und dass man akzeptiert, dass die sowieso da sind, das macht es leichter.

Ex-Champions wie Boris Becker sagen, dass der erste Grand-Slam-Sieg wie eine Erlösung wirkt und danach ein großes Stück persönlicher Druck abfällt. Fühlen Sie auch so etwas wie eine Erlösung?

Thiem: Generell fühle ich mich schon sehr erleichtert. Wenn man es soweit geschafft hat wie ich und einige andere Spieler, schon vor den US Open: die eine unglaubliche Karriere und viel gewonnen haben, aber noch keinen Grand-Slam-Titel, und man schafft es am Ende nicht, wird einem das immer im Magen liegen im sportlichen Bereich. Deshalb war es eine Riesen-Erleichterung, dass ich das geschafft habe.

Im vergangenen Jahr standen Sie in Melbourne schon im Finale, haben es hauchdünn gegen Novak Djokovic verloren: Ist es jetzt ihr eigener Anspruch, auch dieses Turnier zu gewinnen?

Thiem: Das Turnier will ich auf jeden Fall gewinnen. Ich gehe in jedes Turnier rein, und will es gewinnen. Vielleicht mit Ausnahme von Wimbledon. Im Match selber bin ich jetzt nicht lockerer geworden, weil ich ein Grand Slam gewonnen habe. Ich zeige da genauso Nerven wie vorher. Das wird sich auch sicher bis zu meinem Karriereende nicht mehr ändern. Ich weiß aber auch, dass, wenn ich gut spiele und gut vorbereitet bin, meine Chancen gut stehen, weit zu kommen.

Thiem vor den Australian Open: "Ich will das Turnier unbedingt gewinnen" Sportschau 20.01.2021 09:35 Min. Verfügbar bis 20.01.2022 Das Erste

Bescheren Ihnen Niederlagen eigentlich schlaflose Nächte, wie werden Sie Ihren Frust los?

Thiem: Mittlerweile habe ich schon gelernt, besser mit Niederlagen umzugehen. Natürlich gibt es Niederlagen, die richtig wehtun. Letztes Jahr hier in Australien war so eine, an der ich sicher zwei, drei Monate arg geknabbert habe. Aber so eine normale Niederlage, wenn ich alles gegeben habe, wenn ich gut gespielt habe und der Gegner war einfach besser, das fällt mir jetzt schon leichter.

Wenn Sie am Ende des Jahres zurückblicken, was wollen Sie erreicht haben?

Thiem: Für mich ist das größte Ziel die French Open. Das war in den letzten Jahren auch immer so. Weil es noch immer das Turnier ist, was ich am allerliebsten habe, wo mir die Bedingungen auch am besten liegen. Ich habe schon 2011 das Finale als Junior gespielt. Und seit diesem Moment ist es das Turnier, das ich immer gewinnen wollte.

Es gibt mit Rafael Nadal einen Spieler, der dort dominiert und unschlagbar scheint. Trauen Sie sich einen Sieg in diesem Jahr zu?

Thiem & Nadal nach ihrem Duell

Thiem & Nadal nach ihrem Duell

Thiem: Er ist übermächtig und ich weiß nicht, ob ich es mir zutraue. Ich habe es noch nie geschafft, ihn bei dem Turnier zu schlagen. Bei jedem anderen Turnier ja, weil ich es schon geschafft habe.Ihn auf diesem Center Court zu besiegen ist wohl eines der schwersten Sachen, die es jemals gegeben hat im Sport. Aber trotzdem: Es ist mein großes Ziel und ich werde es auch 2021 wieder versuchen.

Das Interview führte Jörg Strohschein

Stand: 21.01.2021, 10:25

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