Neuer Davis Cup: Traditionsbruch oder Zeitgeist?

Die Auslosung der Viertelfinalpartien 2019

Reformierter Tennis-Wettbewerb startet

Neuer Davis Cup: Traditionsbruch oder Zeitgeist?

Von Jörg Strohschein

Der reformierte Davis Cup wird in dieser Woche erstmals ausgetragen. In Madrid treten 18 Tennis-Teams in Gruppenspielen gegeneinander an. Der Deutsche Tennis Bund ist äußerst skeptisch - will dem Wettbewerb aber eine Chance geben.

Andreas Maurers Augen fangen sofort an zu leuchten. Allein die Nennung des Begriffs Davis Cup löst bei dem ehemaligen Weltklassespieler positive Erinnerungen - und auch Gefühle - aus. 1985 stand der damals 27-Jährige mit dem deutschen Team im Finale, spielte gemeinsam mit Boris Becker im Doppel. Auch wenn Maurer gemeinsam mit Becker und auch die gesamte DTB-Mannschaft den Schweden mit 2:3 unterlag, "war das eines der schönsten Erlebnisse meiner Karriere".

Der Stellenwert des ältesten jährlich ausgetragenen Mannschaftswettbewerbes der Welt (118 Jahre) war zu den aktiven Zeiten Maurers in den 1970er und 1980er Jahren enorm. "Da haben in den Mannschaften immer die besten Spieler mitgespielt", sagt Maurer sportschau.de mit Blick auf die Vergangenheit. Diese Zeiten sind allerdings lange vorbei. Zuletzt hatten sich viele Top-Spieler immer mehr von diesem Wettbewerb abgewendet, auch weil die zusätzliche Belastung durch die "Best-of-Five"-Matches im ohnehin eng getakteten ATP-Tourkalender zu groß war und die Routine der Profis störte.

Andreas Maurer: Davis-Cup-Reformen waren nötig Sportschau 16.11.2019 02:35 Min. Verfügbar bis 16.11.2020 Das Erste

2,6 Milliarden Euro werden ausgeschüttet

Diese Entwicklung hatte sich das Unternehmen Kosmos, gegründet vom spanischen Fußballstar Gerard Piqué und dessen Teilhaber, dem japanischen Internet-Milliardär Hiroshi Mikitani, zunutze gemacht und eine in der Tenniswelt höchst umstrittene Davis-Cup-Reform durchgesetzt. Rund 2,6 Milliarden Euro versprechen die Unternehmer der Internationalen Tennisvereinigung ITF in den kommenden 25 Jahren. Eine Zweidrittelmehrheit der Gremien stimmte dem Vorhaben zu.

Andreas Maurer und Boris Becker im Jahr 1985

Andreas Maurer und Boris Becker im Davis-Cup-Finale 1985

"Der Zeitgeist ist ein anderer. Es musste etwas verändert werden", sagt Maurer, der dem neuen Modus mit 18 Teams, der Entscheindungsfindung innerhalb einer Woche, nur noch drei statt fünf Matches pro Partie (zwei Einzel und ein Doppel) und den "Best-of-Three"-Partien einen gewissen Charme abgewinnen kann. Man müsse sich den neuen Gegebenheiten und Gewohnheiten des Publikums eben anpassen. "Vor allem wenn man auch neue Zuschauer gewinnen will", so der 61-Jährige.

Auf der Suche nach der großen Anziehungskraft

Beim Deutschen Tennis Bund (DTB), der gegen die Reformen gestimmt und dies auch offensiv in die Öffentlichkeit kommuniziert hatte, sind sie allerdings noch auf der Suche nach der ganz großen Anziehungskraft des neuen Davis Cups. "Es ist jetzt nun einmal so und wir sind unheimlich gespannt, was uns dort erwartet", sagt Klaus Eberhard gegenüber sportschau.de.

Der Sportdirektor hat vor Beginn der für den Tennissport geradezu gigantischen Veranstaltung ambivalente Erwartungen. "Der Davis Cup hatte vorher einen ganz anderen Charakter. Früher kam es einem vor, als ob man für eine Entscheidung drei Wochen gespielt hätte. Das wird es in dieser Form wohl nicht mehr geben", sagt Eberhard.

Gerade in Sachen Stadion-Atmosphäre hegt Eberhard Zweifel: "Die Stimmung war bei Heimspielen, die es ja so nur noch in der Qualifikation gibt, immer besonders und hat das Team auch stets mitgerissen. Man wird sehen, wie das beim Finalturnier in Madrid wird, wenn wir nicht auf dem großen Centre Court spielen, sondern auf einem der beiden kleineren Plätze. Ob das Publikum da auch so zahlreich kommen und emotional mitgehen wird, wird sich erst noch zeigen."

Davis Cup: Was sich nun ändert

Sportschau 15.11.2019 01:01 Min. Verfügbar bis 15.11.2020 ARD Von Anke Feller

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Schwierige Vorbereitung

Ungeachtet der Umgebung zählt für den deutschen Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann allerdings vor allem die Leistung seines Teams. Und auch hier gilt es, sich für die Mannschaft umzustellen. "Wir gehen mit Vorfreude nach Madrid. Allerdings ist in der Vorbereitung alles ganz anders", sagt Kohlmann sportschau.de.

So mussten etwa Andreas Mies und Kevin Krawietz, die erstmals als Doppel für das DTB-Team antreten werden, später anreisen, weil sie noch bei den ATP Finals in London aktiv waren. "Normalerweise haben wir alle Spieler vorher zusammen und können uns gemeinsam einstimmen", sagt Kohlmann: "Zumal die beiden zum ersten Mal dabei sind. Da müssen wir ein wenig improvisieren." Ziel sei es, das Viertelfinale zu erreichen.

Ein weiterer Hauptkritikpunkt des DTB an der Reform war der späte Zeitpunkt des neuen Davis Cups. Denn in den vergangenen Jahren waren die Mehrzahl der Spieler zu dieser Zeit bereits in der Regenerationsphase oder im Urlaub nach einer langen Saison. "So ist es natürlich schwieriger, sich auf den Punkt fit zu machen. Unsere Spieler haben sich alle unterschiedlich vorbereitet", sagt Kohlmann: "Und in Sachen Verletzungsgefahr ist das auch nicht unkritisch."

Fitnesstraining in der Heimat

Jan-Lennard Struff jubelt

Jan-Lennard Struff

Jan-Lennard Struff, beim diesjährigen Davis Cup die deutsche Nummer eins, ist einer derjenigen, der mit diesen ungewohnten Gegebenheiten zurechtkommen muss. Struff versuchte die Zeit zwischen dem Jahres-Turnierende und dem neuen Wettbewerb mit ein paar Tagen Pause, aber auch mit Schlag- und Fitnesstraining in seiner Heimat im Sauerland zu überbrücken.

"Meine Saison ist eigentlich seit drei Wochen vorbei. Ich habe noch nie so spät in der Saison gespielt", sagt der 29-Jährige sportschau.de. Eine Absage kam für ihn allerdings nicht in Frage. "Es ist für mich immer eine besondere Freude, für Deutschland spielen zu dürfen", erklärt er.

Alexander Zverev spielt in Südamerika

Alexander Zverev dagegen hatte bereits im vergangenen Februar die Teilnahme abgesagt. "Ich bin 100 Prozent dagegen. Ein schlechteres System könnte man sich eigentlich nicht ausdenken. Auch der Termin ist katastrophal", sagte Zverev damals und macht sich nun gemeinsam mit Roger Federer auf in Richtung Südamerika, wo er einige Show-Matches bestreiten wird.

"Es ist natürlich schade, er könnte uns sicher helfen. Aber er hat von Anfang an mit offenen Karten gespielt, deshalb ist das völlig okay", so Struff. Er selbst könne nicht abschätzen, was ihn in Madrid erwartet. "Es gibt ja keinen Vergleich. Ich kann es mir nicht vorstellen", sagt er. Er will diesem neuen Davis Cup aber auf jeden Fall eine Chance geben.

Stand: 17.11.2019, 22:31

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